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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse VI 1920 Heft 3"

Originalarbeiten. 
Intelligenz und tiefer Gedanke. 

Von Dr. Imre Hermann (Budapest). 

Der Begriff der „Intelligenz" wird im alltäglichen Leben sowie 
in der Wissenschaft (Psychiatrie, Psychologie) verwendet. Was man 
mit diesem Begriffe der Intelligenz bezeichnen will, ist leicht zu 
erleben, gefühlsmäßig zu erfassen, aber schwer in Worten auszu- 
drücken. In der älteren Psychiatrie bedeutete die Intelligenz „den 
Inbegriff der geistigen Leistungsfähigkeit", nach Ziehen soll sie 
den geistigen „Besitzstand und die Fähigkeit' zu seiner Verarbeitung" 
bezeichnen 1 ). W. Betz bespricht die Möglichkeit, in der Intelligenz 
zusammenwirkende Instinkte zu erblicken 2 ), gibt aber 1 keine Begriffs- 
bestimmung. 

Eine scharfe und durchdachte Definition stammt von W. Stern. 
Stern will die Allgemeinheit der Intelligenz betonen, die Intelli- 
genz aber besonders von dem Tälente und von der Gedächtnis tätig- 
keit unterscheiden ; auch bezweckt er zwischen geistigem Besitzstand 
einerseits und der Fähigkeit, einen gewissen Besitzstand zu erreichen, 
anderseits, eine Scheidewand zu ziehen. Seine Auffassung der In- 
telligenz ist teleologisch geschickt; seine Definition lautet: „In- 
telligenz ist die allgemeine Fähigkeit eines 1 Individuums, sein Denken 
bewußt auf neue Forderungen einzustellen; siehst allgemeine geistige 
Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Le- 
bens 3 )." 

Diese Definition bildet die Grundlage der meisten modernsten 
Intelligenzprüfungen 4 ). Es wird demnach die Frage der Intelligenz 
nicht unrichtig angefaßt, wenn wir als Ausgangspunkt unserer Be- 
trachtungen diese Begriffsbestimmung wählen. Als Mangel dieser 
Behandlungsweise muß jedoch zugestanden werden, daß dadurch 
unsere Ausführungen an dieser Auffassung der Intelligenz als An- 

*) Th. Ziehen: Die Prinzipien und Methoden der Intelligenzprüfung, 
3. Aufl., 1911, S. 5. ^ 6 

2 ) W. Betz: Psychologie des Denkens, Leipzig, 1918. 
_ . 3 ) W. Stern: Die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung, Leip- 
zig, 1912, S. 3, 

*) Sieherz B.: M. Brahn. Pädag.-Psychol. Arbeiten, Bd. IX. Anweisungen 
für die psychologische Auswahl der jugendlichen Begabten, Leipzig, 1919. 

Internat. Zeitsohr. f. Psychoanalyse. VI/3. ^^ 13 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



'J 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



^94 Dr. Imre Hermann. 

passungsfähigk'eit haften bleiben, d. h. die Intelligenz wird im 
folgenden nicbt als eine deskriptive, sondern als eine teleologische 
Fähigkeit, als Teil der allgemeinen Anpassungsfähigkeit überhaupt, 
betrachtet. Somit wird der Weg, die Anpassung mit einer Art „In- 
telligenz" zu erklären, versperrt! 

Die Psychoanalyse kann gegen die Stern sehe Begriffsbestim- 
mung auf zweierlei Arten Stellung nehmen: erstens kann sie diese 
Definition, so wie sie gegeben ist, annehmen und mit Hilfe dieser 
Begriffsbestimmng das durch die Psychoanalyse erforschte Gebiet 
durchwandern, um Folgerungen aus diesem Intelligenz- 
b e g r i f f zu ziehen ; zweitens, soll sie aber ihr "Wissen zur Ver- 
besserung dieser Begriffsbestimmung verwenden, dabei vielmehr 
den Sinn, die Intention des praktischen Intelligenz- 
begriffes stets vor Augen haltend. 

I. Wo findet die Psychoanalyse Beispiele der geistigen Anpas- 
sungsfähigkeit? Diese Frage rollt eigentlich einen wesentlichen Teil 
der psycho analytischen Lehre auf. In dem Entwicklungsgange des 
Menschen vom Säugling bis zum Erwachsenen gelangt er in gewissen 
Abschnitten seines Lebens vor typische neue Bedingungen, neue Auf- 
gaben, die er mit typischen Neueinstellungen seines Denkens beant- 
worten muß. Der Übergang vom Lust- zum Kealitätsprinzip, das 
Verlassen der einzelnen Phasen des Wirklichkeitsglaubens, werden 
durch solche Anforderungen des: Lebens, durch die „Not" des Lebens 
begründet. Zu neuen Anpassungen des Denkens zwingen aber auch 
diejenigen Umstände, welche einen Wechsel des Liebesobjektes ver- 
langen; wir erwähnen das Verlassen des Vaters und der Mutter als 
Liebesobjekte, das, Verlassen des Narzißmus, die heterosexuelle An- 
forderung der Pubertätszeit. Neue Anforderung stellt die Berufs- 
wahl, der Berufswechsel, aber auch die Wahl des Liebesobjektes 
und Wechsel oder Verlust einer geliebten Person. Diese neuen For- 
derungen — wir wissen doch recht wohl — sind Lebensprobleme des 
Einzelnen, der sie lösen, falsch lösen, oder ungelöst fallen lassen 
kann. Ist aber intelligent — im allgemeinen — derjenige, der diese 
Probleme richtig löst, d: h. der sich den Forderungen des Lebens 
richtig anpaßt (unbetraehtet dessen, an welchem Falle die Anpassung 
verlangt wird), und unintelligent derjenige, der sich den Forderungen 
des Lebens, z. B. im Gebiete der Liebe 1 ), nicht anpaßt? 

IL Es ist unmöglich, daß der Begriff der Intelligenz wirklich 
diesen Sinn habe, es ist unsinnig, diese Fragen mit „ja" zu beant- 



!) Dieses Gebiet ist mjä(chtig und wichtig; man muß aber in der Wissenschaft 
daran denken, um es nicht zu vernachlässigen. Wegen der Wichtigkeit dieses 
Gebietes genügt es nicht, durch die Berufung auf die „Allgemeinheit", „Durch- 
schnittlichkeit" der Intelligenz Ausflucht zu nehmen. 



Intelligenz und tiefer Gedanke. 



195 



werten. Wenn jemand den Verlust einer geliebten Person über das 
gewöhnliche Maß betrauert, sich vom Kummer nicht loslzulösen weiß, 
kann er noch sehr wohl hochintelligent sein — obzwar das, eine 
äußerst wichtige Angelegenheit, keine Nebensächlichkeit seines Le- 
bens bedeutet; auch die sexuell Perversen müssen den sexuell Nor- 
malen in betreff ihrer Intelligenz nicht' nachstehen, obzwar ihr Denk- 
ziel den mächtigsten Anforderungen des Lebens nicht angepaßt ist. 
Oder ist vielleicht derjenige, der sein Lebensproblem nur durch die 
Flucht im die Krankheit lösen kann — und die Krankheit ist doch 
auch etwas Wichtiges — unbedingt unintelligent ? , Nein, sicher nicht, 
sehr oft sehen wir gerade das Gegenteil, er ist meistens ein Mensch, 
der die sogenannte „allgemeine" geistige Anpassungsfähigkeit in 
hohem Maße besitzt. 

Die Intelligenz bildet, als Anpassungsfähigkeit, in gewissem 
Sinne die Kehrseite der Disposition zur' Neurose — auch die Therapie 
gegen die Neurose wendet sich ja letzten Endes an die Intelligenz — ; 
Vorhandensein der Intelligenz und der Disposition zur Neurose sind 
aber keine Gegensätze, sondern sie bilden vielmehr — mindestens 
zwei — „Ergänzungsfunktionen 1 )", als Teilfähigkeiten der allge- 
meinen geistigen Anpassungsfähigkeit. Intelligenz kann schon des- 
wegen nicht als die „allgemeine" geistige Anpassungsfähigkeit auf- 
gefaßt werden. Dasselbe ist auch daraus zu folgern 1 , daß die Libido- 
triebe für das Denken ganz andere Anpassungsbedingungen erfordern, 
als die Selbsterhaltungstriebe (Klebrigkeit der Libido; Zähigkeit, 
mit welcher sie an bestimmten Objekten und Eichtungen haftet 2 ). 
Die Libidotriebe müssen aus; dem Bereiche der Forderungen an das 
Denken ausgeschlossen werden (oder vielleicht noch besser, man müßte 
eine besondere Libido-Anpassung unterscheiden). Da das Denken nur 
dort veranlaßt wird, sich anpassend einzustellen, wo ein gewisses 
„Interesse" vorhanden ist, müssen auch diejenigen Gebiete aus dem 
Bereiche der Intelligenz wegfallen, welche durch keine Ich-Inter- 
essen ausgezeichnet sind. Hingegen müssen zum Bereich der Intelli- 
genz auch diejenigen Gebiete gehören, welche das, ihnen zugewendete 
Interesse der Sublimierung libidinöser Regungen verdanken. Durch 
Betonen des Interesses nähern wir uns denjenigen älteren Anschau- 
ungen, welche das Wesen der intellektuellen Tätigkeit in der soge- 
nannten Aufmerksamkeit erblickten. Mit der Hervorhebung des 
Interesses sind wir auch der Forderung von R e v e s z 3 ) entgegenge- 

*) Nach dem Ausdrucke ,, Ergänzungsreihe" gebildet. 

2 ) Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, III, Leipzig- 
Wien, 1917, S. 401 und 410—411. 

8 ) Gr. B e v e s z : A tehetseg korai felismere.se (Das frühzeitige Erkennen 
der Begabung), Athenaeum, 1918. 

13* 



196 



Dr. Imre Hermann. 



kommen, die Intelligenz so zu definieren, daß sie als ein Merkmal 
der Begabung dienen können soll. 

Somit müßte Sterns Definition folgendermaßen lauten : all- 
gemeine Fähigkeit eines Individuums, sein Danken bewußt auf neue 
Forderungen nicht libidinös betonter Gebiete einzustellen; sie ist 
geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungein 
im bereits durch Ich-Interesse ausgezeichneten, oder neu das Interesse 
anregenden Gebiete. 

Diese Korrektur stellt uns vor eine neue Frag-e. Wie grenzt 
sich nämlich dies Gebiet des Interesses von den anderen geistigen 
Gebieten ab? Allgemein läßt sich hier nur so viel sagen, bei einem 
anders als beim andern. Das Gebiet des Interesses schließt sublimier te 
Libidogebiete in sich und hängt von Dispositionen und Erlebnissen 
ab, es ist bereits die Errungenschaft einer durchgeführten geistigen 
Anpassung des Individuums an die Realität.- Selbst das Heraus 
arbeiten des bewußten Ichs 1 ist schon das Resultat einer solchen An- 
passung. So können wir sinngemäß von keiner Intelligenz als gegen- 
wärtige Anpassungsfähigkeit sprechen, ohne die Intelligenz als 
Bereich, des Interesses 1 ), als Bereich der erreichten Anpassung an 
die Realität zu bestimmen. Je weiter sich dieses Gebiet ausbreitet, 
desto intelligenter wird jemand — ceteris 1 paribus — genannt, d. h. 
aber, desto intelligenter war er, vom Standpunkte der Anpassung. 
Die allgemeine Fähigkeit der Intelligenz hat demnach mindestens 
zwei Merkmale ; das eine zeigt an, f welchen Grad sie gegenwärtig 
hat, das zweite weist nach, welchen Grad sie gehabt hat. 

Allgemein wird behauptet, daß affektive Wirkungen die Ent- 
faltung der Intelligenz beeinflussen. Die libidinösen Wirkungen 
haben wir von den übrigen Affektwirkungen gesondert erwähnt, 
weil erstere aus inneren Triebregungen gespeist werden und somit 
ihre Dauer und ihre Kraft viel eher von inneren Dispositionen ab- 
hängen, als die übrigen Affektwirkungen (Furcht, Unlust, Trauer). 
Ja, dauern diese Affekte übernormal lange Zeit, oder erscheinen 
sie bei ungewohnter Gelegenheit, dann setzen wir voraiis, daß sich 
hier libidinöse Kräfte einmischten. — Die das Denken hemmenden 
A ff ektwir kungen können nun als phylogenetische geistige Anpas- 
sungen betrachtet werden; die Anpassung* durch die Intelligenz maß 
dann, als individuelle, diese phylogenetische Anpassung abwarten. 
Es soll also der Definition vor das Wort „einzustellen" noch die 
Korrektur angehängt werden: „nach Ablauf der eventuellen, das 
Denken hemmenden Affektwirkung". 



') Es soll darauf geachtet werden, daß wir vom Bereiche des Interesses 
reden, also von einem formalen Bereiche, nicht aber vom geistigen Besitzstand, 
also von einem inhaltlichen Bereiche. 



Intelligenz und tiefer Gedanke. 



197 



Ein wichtiger, mit besonderem Namen versehener, das Denken 
beeinflussender Zustand wird durch die Suggestionswirkung erweckt. 
Diese deutet auch auf eine geistige Anpassung, nämlich auf die 
eventuell bewußte Einstellung, sich dem Willen eines anderen zu 
unterwerfen. Die Suggestionswirkung entsteht dann, wenn diese 
Unterwerfung kritiklos *) geschieht; kritiklos bedeutet aber: ein- 
seitig, ohne alle gegebenen Umstände zu erwägen, ohne sich der ge- 
samten Situation anzupassen. Der Suggestion vollständig bar ist 
kaum eine Anpassung, deshalb müssen wir 1 die Intelligenz nicht nur 
als Ergänzungsfähigkeit, sondern auch als Idealfähigkeit auf- 
fassen. Die Intelligenz bildet einen Idealfall wirkender Fähigkeiten. 
Um den hier geschilderten Umstand in der- Definition auszudrücken, 
sollen wir nicht „das Denken einzustellen", sondern „das Denken 
der Gesamtsituation gemäß einzustellen" sagen. Auch so könnten 
wir das ausdrücken, daß wir während der „intelligenten" An- 
passung eine gewisse Interessenbreite voraussetzen. 

Affekt- und Suggestivwirkung ist nicht immer hemmend, ge- 
radeso, wie die Libidotriebe auch theoretisch — in der Sublimier'ung 
— nicht vom Gebiete der Ich-Interessen zu trennen sind. Im Gegen- 
teil: Die Fähigkeit einer gewissen Affektübertragung auf die neue 
Anforderung ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung des 
Eintritts der Anpassung, als Intelligenz. Das Verlassen des Narziß- 
mus ist unbedingte Voraussetzung der geistigen Anpassung an die 
Außenwelt; die Liebe zu den Menschen ist unbedingte Voraussetzung, 
sich intellektuell an sie anzupassen. (Vgl. Freud, Vorlesungen, III, 
Seite 522.) 

III. Bisher arbeiteten wir mit dem Begriffe der Anpassung, als 
mit einem Begriffe von unzweifelhaftem Sinne; nun müssen wir 
uns entschließen, die Mehrdeutigkeit dieses Begriffes — wenigstens 
soweit, als sie die Intelligenz betrifft — aufzudecken. 

Die Anpassung im Gebiete des Denkens kann prinzipiell, wenn 
auch nicht immer praktisch' gesondert, zweierlei bedeuten. Erstens 
kann damit unser Verhalten, unser Streben, Handeln, Wollen ge- 
meint werden, gegenüber der gedanklich stabil vorgestellten Außen- 
welt, d. h. gegenüber der objektiv existierenden realen Welt. Zwei- 
tens besteht die Anpassung darin, daß wir den einen Teil unserer 
Denkinhalt© gedanklich stabilisieren und so den einen Teil der Außen- 
welt an einen anderen Teil gedanklich anpassen. Die erste Art können 
wir als „persönliche", die zweite als „inhaltliche" Anpas- 
sung benennen. In der persönlichen Anpassung unterliegen wir der 
realen We lt; in der inhaltlichen Anpassung erobern wir die reale 

!) Könnte die „Zensur" nicht funktionell als Teilfunktion der Intelligenz 
aufgefaßt werden? 



198 



Dr. Imre Hermann. 



Welt, indem wir sie verstehen, ihren Geschehnissen Gesetze vor- 
schreiben. Neue Akte des Verstehens, neu erkannte Gesetze bilden 
neue Eroberungen in der realen Welt, neue Anpassungen an sie. 
(Das wird, dem Sinne nach, von den Anpassungstheorien der Er- 
kenntnis seit langem behauptet.) So- soll in der Definition der In- 
telligenz noch bei der „Anpassungsfähigkeit" angehängt werden: 
in persönlichem und inhaltlichem Sinne. Mit der inhaltlichen An- 
passung gelangt man nicht nur zur realen Welt, sondern auch zu 
einer anderen objektiven, von uns unabhängigen Welt in Berührung, 
mit der Welt der Wahrheiten, der Geltungen. Diese inhalt- 
lichen Anpassungen weisen — und das geht uns hier an — 
qualitative Verschiedenheiten auf, sie können, wie ich 
mich ausdrücken will, versiehieden „tief" ablaufen. 

Was soll damit gemeint sein? Wenn die inhaltliche Anpassung 
soviel bedeutet, daß ein Inhalt sich unseren bisherigen Inhalten an- 
schmiegt, diesen sich unterordnet, dann kann eben diese A.nschmie- 
gung, diese Unterordnung mit unserer gesamten Persönlichkeit mehr 
oder weniger inniglich stattfinden. Es kann — oder kann auch 
nicht — eine neue innere Harmonie entstehen, mit Einschmelzung 
eines mehr oder weniger großen Anteils unserer psychischen Per- 
sönlichkeit. Der Begriff der tiefen inhaltlichen Anpassung will die 
Erschaffung einer neuen inneren Harmonie bezeichnen. Das; i n- 
haltliche Resultat dieser tiefen inhaltlichen An- 
passung nenne ich den „tiefen Gedanken". Dabei soll 
die „Tiefe" geradeso einen qualitativen Unterschied gegenüber dem 
nicht tiefen Gedanken kennzeichnen, wie z. B. die Wahrnehmung 
trotz gleichen Inhalts einen qualitativen Unterschied der Vorstel- 
lung gegenüber in sich einschließt. 

Die „Tiefe" bedeutet also hier kein Werturteil, auch keine Be- 
zeichnung für jenen logischen Sachverhalt, daß wir den Aufbau 
unserer Erkenntnisse über die Außenwelt in! 'seiner Grundlage treffen. 
Diejenigen Gedanken, welche unseren tiefen Gefühlen Ausdruck geben, 
schließen wir von diesem Begriffe des tiefen Gedankens aus. 

Wir wollen uns jetzt um Beweise umschauen, welche uns er- 
lauben, diesem „tiefen Gedanken" reale Existenz, zuzuschreiben. Erst 
mit diesem Nachweis haben wir die Verbindung zwischen der Intelli- 
genz als Fähigkeit und dem qualitativ ausgezeichneten tiefen Ge- 
danken als Begriff hergestellt. 

Daß die Wahrnehmung trotz gleichen Inhalts etwas anderes 
ist, als die Vorstellung, kann nur durch das Erleben der einen und 
der anderen bewiesen werden; doch als Stütze dieses Beweises kann 
der Nachweis der verschiedenen Wirkungen, dann der verschiedenen 



Intelligenz und tiefer Gedanke. 



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Entstehungsumstände dienen. Auch in unserem Falle können wir 
uns auf Erlebnisbeweise, Wirkungs- und Entstehungsbeweise berufen. 

1. Wer stand nicht schon erstaunt und tief erschüttert beim 
Erleben einer neuen Erkenntnis; wer fühlte nicht in diesem Augen- 
blicke das Mächtige, das sich offenbart? Eine Evidenz 1 ) der "Wahr- 
heit, eine innere Aufrichtigkeit geht Hand in Hand mit diesen Er- 
kenntnissen. Carlyle sagt: A deep, great, genuine sincerity is the 
first eharaeteristic of all men in any way heroic 2 ). — Und diese 
„tiefe" Erkenntnis muß gerade nicht eine neue wissenschaft- 
liche Erkenntnis bedeuten. Das Kind muß sich alle unsere all- 
täglichen Kenntnisse selbständig und als tiefe Gedanken erringen. 
Eine vorzügliche Schilderung vom Erwerb eines solchen tiefen 
Gedankens gibt Miß Sullivan über die taubstumm-blinde Helen 
Keller: Als das sieben Jahre alte Mädchen nach zweimonatigem 
Unterricht endlich die „symbolische" Bedeutung der Eingerzeichen 
erkannte, stand sie „wie angewurzelt da. Ein ganz neuer Licht- 
schein verklärte ihre Züge" 3 ). 

2. Die intellektuelle Wirkung des tiefen Gedankens ist viel- 
leicht noch auffälliger. Der tiefe Gedanke bildet sozusagen einen 
Kristallisationspunkt, er will unser ganzes Denken beherrschen, den 
stabilen Punkt in der Anpassung übernehmen. Freud hat die Auf- 
merksamkeit auf die Tatsache des „zweierlei Wissens" gelenkt. 
„Wissen und Wissen ist nicht dasselbe, es gibt verschiedene Arten 

von Wissen, die psychologisch nicht gleichwertig sind , unser 

Satz, daß die Symptome mit dem Wissen um ihren Sinn vergehen, 
bleibt darum doch richtig. Es kommt nur dazu, daß das Wissen 
auf einer inneren Veränderung im Kranken beruhen muß, wie sie 
nur durch eine psychische Arbeit mit bestimmtem Ziel hervorgerufen 
werden kann 4 )." Ebenso: „Überzeugungen erwirbt man nicht so 
leicht, oder wenn man so mühelos zu ihnen gekommen ist, erweisen 
sich bald als wertlos und widerstandsunfähig 5 )." Die Inhalte des 
wirkenden Wissens, der kraftvollen Überzeugung, sind eben tiefe 
Gedanken. 

3. Am klarsten zeigt diese Tatsache des zweierlei Wissens, daß 
es eine gewisse Zeit beansprucht, bis sich ein Gedanke „vertiefen" 
kann. Die tiefsten Gedanken der Genies brauchen Zeit nicht nur, 
bis sie im Intellekt des Genies durchdringen, sondern auch, um von 
den Mitmenschen verstanden zu werden. Die Zeit bildet natürlich 



x ) Die Evidenz kann sich auch denjenigen Gedanken anschließen, welche 
den inneren Regungen gerade widersprechen (Gebote). 

2 ) Carlyle: On Heroes, Lect. II. 

3 ) Zitiert nach W. Stern: Psychologie der frühen Kindheit, Leipzig, 1911, 
Seite 109. 

4) Freud: Vorles., III, S. 319. 

5) Freud: Vorles., III, S. 272. 



200 



Dr. Imre Hermann. 



nur ein äußeres Moment. Als inneres" Moment muß an einen 
Widerstand gedacht werden, wie das für neue Ideen von der 
Psychoanalyse tatsächlich angenommen wird. Es, spielt sich ein 
Kampf zwischen der erfochtenen Wirklichkeitsanpassuiig und dem 
ihm sich nicht fügenden neuen Problem ab. Es liegt auf der Hand, 
theoretisch anzunehmen, daß dieser Konflikt ebenso zur Verdrängung 
und Regression führt, wie der Konflikt im Gebiets der Libido. Diese 
Begression sucht verlassene Phasen des Wirkliehkeitsglaubens (um 
deren Erforschung sieh Ferencizi bemühte), verlassene Gesetze des 
Denkens auf; somit gelangt das Problem auch in systematischem 
Sinne mit den innersten, tiefsten Schichten der psychischen Persön- 
lichkeit in Berührung. 

Ist aber das hier Geschilderte Konstruktion oder "Wirklichkeit? 
Heutzutage wird fast allgemein angenommen, daß wissenschaftliche 
„tiefe" Gedanken nicht bewußt entstehen (Heimholt z, Poindare). 
Auch darauf wird aufmerksam gemacht, daß zwischen einem philo- 
sophischen uüd einem magischen Gedanken eine gewisse Ähnlich- 
keit besteht, da beide „affektivem Interessen" entsprechen (z. B. 
Schilder) x ). Auffallend ist, daß gerade die tiefsten Gedanken 
auch inhaltlich einen magischen Charakter zeigen, oder einem 
primitiven Bewußtsein entsprechen, obzwar sie der Wirklichkeit an- 
gepaßt sind. Newtons Gedanke von der überall wirkenden An- 
ziehungskraft, E. Mayers Gedanke von den sich verwandelnden 
Kräften, Kants Gedanke, die Welt folgt den Gesetzen des mensch- 
lichen Geistes, sind das keine magischen Gedanken ? Einem primitiven 
Bewußtsein können die tiefen Gedanken auf zweierlei Weise ent- 
sprechen : sie können die Lösung kindlicher Probleme darstellen 
(Leonardo da Vinci; Newtons fallender Apfel), oder sie bringen 
Inhalte des kindlichen, primitiven Bewußtseins, welche die spätere 
Erkenntnis überbaut hat, zu neuem Vorschein. So entspricht die 
Einstein sehe Auffassung von der relativen Zeit ganz: den kind- 
lichen und primitiven Erfahrungen, wie wir sie z. B. in Gemüts- 
erregungen auch als Erwachsene erleben. Besinnen wir uns, wie die 
Zeit, in Sehnsucht verbracht, nicht weiterschreiten will und wie 
schnell die Tage der Freude uns verlassen. Das Kind muß es er- 
lernen, daß es sich nach der „objektiven" Zeit zu richten hat, daß 
seine Zeitschätzungen nicht die Wahrheit, sondern Täuschungen sind. 

Haben wir im obigen den Erweis für die Existenz; einer Tiefe 
des Denkens, als besondere Qualität, erbracht, so müssen wir das auch 
in der Auffassung der Intelligenz zum Ausdruck bringen. Wir ver^ 



!) P. Schilder: Wahn und Erkenntnis, Berlin, 1918, S. 98: ...„diese 
Gleichsetzungen treffen dann zu, wenn die Philosophie die Erfahrungsmotive, die 
Wirklichkeitsanpassung des Denkens zu sehr vernachlässigt". 



Intelligenz und tiefer Gedanke. 



201 



langen eben im gewöhnliehen Leben eine gewisse „Tiefe" im Denken 
von dem, den wir intelligent nennen. Die Fähigkeit zu einer ge- 
wissen durchschnittlichen Tiefe des Denkens, sowie die Fähigkeit, 
sich neue Gedankeninhalte mit einer gewissen Tiefe anzupassen, 
muß geradeso zur Begriffsbestimmung der Intelligenz herangezogen 
werden, wie die Breite des Interessenbereiches und die Fähigkeit des 
Sich-Anpassens an die neuen Anforderungen im und zum Gebiete 
. dieser Interessen zur Begriffsbestimmung verwendet werden sollen. 
IV. Alles zusammenfassend haben wir demnach im! Begriffe dxr 
Intelligenz eine Idealfähigkeit, eine Ergänzungsfunktion, eine Teil- 
fähigkeit der allgemeinen geistigen Anpassungsfähigkeit, vor uns. 
In dieser Teilfähigkeit haben wir vier, voneinander gewissermaßen 
unabhängige Unterabteilungen vor uns: der vorhandene In- 
telligenzbereich und die Anpassungsfähigkeit in 
und zu diesem Bereiche als „persönliche" Anpassungs- 
fähigkeit, dann die vorhandene durchschnittliche 
Gedankentiefe und die neue Vertief ungsf ähigkeit, 
als inhaltliche Anpassungsfähigkeit. 

Damit sind der sogenannten Intelligenzprüfung neue Ziele ge- 
steckt. Die Breite der Interessen, die Anpassungsfähigkeit in und 
zu diesem Bereiche, können mit einer' gewissen Wahrscheinlichkeit 
durch besondere Untersuchungen, Prüfungen festgestellt, „gemessen" 
werden. Ich sehe aber keinen Weg, die Gedankentiefe zu „messen" 
Die Mitmenschen fühlen aber doch - wir' sagen, durch „Einfühlung", 
„intuitiv" — , ob jemand tief denkt, oder nicht; sie fühlen eben die 
Aufrichtigkeit, die innere Überzeugung, die innere Harmonie des 
anderen. Urn^ aber_s^ Jühlen zu können, muß bereits eine gewisse 
menschliche Nähe vorhanden Sein: dfe gegenseitige Gefühlsübertra- 
gung ist die Voraussetzung des Beurteilenkönnens der Gedankentiefe 
eines Mitmenschen!). Ob hier nicht eine Art diagnostische Analyse 
am geeignetsten wäre, wie sie sich vielleicht von den „diagnostischen 
Assoziationsstudien" aus entwickeln lassen könnte? Diese' Frage muß 
schon deshalb aufgeworfen werden, weil diese diagnostische Analyse 
auch über die andere Ergänzungsfunktion, über den Anpassungs- 
zustand im Libidobereiche Aufschluß geben und über die früher be- 
handelten Voraussetzungen der Intelligenz uns aufklären könnte. 
Daß im Leben beide Ergänzungsfähigkeiten mindestens gleichwichtig 
zu schätzen sind, daß die Kenntnis der einen nur mit der Kenntnis 
der anderen verwertbar wird, daß ohne die Voraussetzungen des Ein- 
greifens einer Fähigkeit zu kennen, der Eintritt der Wirkung dieser 
Fähigkeit n icht voraus zu bestimmen ist, muß jeder einsehen. 

i) Der Schizophrene scheint überhaupt keine. Tiefe zu besitzen er scheint 
SigText g " MeMCh m SeiD ' ^ b6SitZt aber aU0h kei » e Übertra^ng^ 



: 



Über kollektives Vergessen. 

Von Dr. Theodor ßeik. 

In, der psychoanalytischen Literatur hat das kollektive Ver- 
gessen meines Wissens noch keine Behandlung gefunden. Dafür 
mögen mehrere Gründe bestimmend gewesen sein: die Psychoanalyse 
ging von dem Bemühen aus, die seelischen Erscheinungen des Ein- 
zelnen zu verstehen und wurde gerade durch das Eindringen m 
diese erst spät dazu gedrängt, sich mit den Phänomenen der Massen- 
psycho zu beschäftigen. Die technischen Möglichkeiten, Fälle ge- 
meinsamen Vergessens zu analysieren, sind gering; die Erscheinung 
selbst nicht allzu häufig. Die Annahme aber, daß die Psycho- 
analyse, welche die psychischen Motive und Mechanismen im indi- 
viduellen Vergessen aufdecken konnte, berufen ist, auch diese Er- 
scheinungen in ihrer Genese zu erfassen, ist gewiß berechtigt. Die 
Analyse des folgenden besonders schönen Falles von kollektivem 
Vergessen darf freilich nur Anspruch darauf erheben, als Anfang 
einer solchen Bemühung angesehen zu werden. 

In einer kleinen Gesellschaft von Akademikern, in der sich 
auch zwei Studentinnen der Philosophie befanden, sprach man 
von den zahlreichen Fragen, welche der Ursprung des 1 Christen- 
tums der Kulturgeschichte und Religionswissenschaft aufgeben. 
Die eine der jungen Damen, welche sich am Gespräch betei- 
ligte, erinnerte sich, in einem englischen Roman, den sie kürzlich 
gelesen hatte, ein anziehendes Bild der vielen religiösen Strömun- 
getti, welchie jepie Zeit bewegten, gefunden zu haben. Sie fügte 
hinzu, in dem Roman werde das ganze Leben Christi von der 
Geburt bis zu seinem Tode geschildert; doch wollte ihr der Name 
der Dichtung nicht einfallen. Auch drei von den anwesenden Herren 
behaupteten, den Roman zu kennen und bemerkten, daß auch ihnen 
sonderbarerweise der Name nicht zur Verfügung stehe. Also eine 
Art kollektiven Namenvergessens. 

Es war nun interessant zu beobachten, daß die Personen, die 
ihr Gedächtnis in so merkwürdiger Art gleichzeitig im Stiche ge- 
lassen hatte, verschieden auf ihre Vergeßlichkeit reagierten. Die 



Ober kollektives Vergessen. 203 



Herren schienen verlegen, als schämten sie sich irgendwie, so ver- 
geßlich zu sein, die Philosophin aber sagte, anscheinend unangenehm 
berührt: „Das ist doch höchst ärgerlich. So etwas ist mir nioch 
nie vorgekommen. Ich muß aber darauf kommen." Ich bat 
die junge Dame raun, zu sagen, ob. ihr nicht an Stelle des ver- 
gessenen Namens andere eingefallen seien. Sie antwortete, es seien 
ihr gerade zwei solcher Ersatznamen eingefallen, von denen sie 
aber mit Sicherheit wisse, daß sie nichts mit jenem Soman zu 
tun haben. Der eine sei „Ecce homo", der Titel eines Bildes, das 
sie unlängst in einer Künstlermappe gesehen habe und das den 
Kopf des Heilands mit dem Dornenkranze dargestellt habe. Der 
zweite Einfall, den sie gehabt hatte, war ebenfalls der Titel eines 
Eomans gewesen: „Homo sum" von Georg Ebers, doch spiele 
dieser in Anachoretenkreisen im vierten nachchristlichen Jahr- 
hundert und nicht zur Zeit Christi. Man machte sie darauf auf- 
merksam, daß doch eine inhaltliche Beziehung zu dem Roman, von 
dem sie gesprochen hatte, bestehe, was sie auch zugeben mußte. 
„Doch damit kommen wir nicht weiter," sagte sie abweisend und 
wandte sich an mich, „vielleicht können Sie den Namen eruieren. 
Man behauptet ja, daß dergleichen Rekonstruktionen in das Gebiet 
der Psychoanalyse fallen." Ich war mit dem Versuch einverstanden 
und schlug vor, bei jedem der Beteiligten einzeln die seelischen 
Wege aufzusuchen, die zu dem Vergessen geführt hatten, doch 
zeigte sich nur die Studentin dazu bereit. 

Ich begann demnach, sobald sich die Gelegenheit zur Analyse 
geboten hatte, indem ich ihr den gesuchten Namen mitteilte. Er 
war mir nach ihrer Schilderung des Romaninhaltes spontan einge- 
fallen: „Ben Hur" von Lewis Wallace. Sie erklärte sofort 
den Namen als den richtigen und wunderte sieh noch mehr, in- 
dem sie hinzufügte, sie könne sich noch genau an den Umschlag 
des Buches und an das typographische Bild dieses Titels darauf 
erinnern. Ich erklärte, es sei nun unsere gemeinsame Aufgabe, die 
seelischen Motive zu suchen, welche gerade diesen Namen von 
ihrem Bewußtsein ferngehalten hatten, und zu konstatieren, wo- 
durch jene beiden Ersatzeinfälle, die sich ihr aufgedrängt hatten, 
psychisch bedingt seien. Ihre Behauptung, das Vergessen sei viel- 
leicht ein Zufall, ließ ich nicht gelten und erbot mich zum Gegen- 
beweis, wenn sie mir nur ihre Hilfe leihe, deren ich nicht entraten 
könne. Auf die Einhaltung der Verpflichtung, alle ihre Einfälle 
und Gedanken ohne Kritik zu sagen, aufmerksam gemacht, schwieg 
sie einige Minuten, behauptete dann, es sei ihr nichts eingefallen 
und gab erst nach einigem Zureden zu, daß sie in der Zwischenzeit 
einen Gedanken unterdrückt hatte. Sie habe sich nämlich über die 






204 Dr. Theodor Reik. 

dumme Art der Erziehung geärgert, die man jungen Mädchen 
ihrer Gesellschaftsschicht zu teil werden lasse. Auf meine Erkun- 
digung, wie sie gerade in diesem Zusammenhange auf dergleichen 
pädagogische Fragen komme, sagte sie nach einigem Zögern : „Nun 
das ist ja leicht zu erklären 1 . Dadurch habe ich den Namen ver- 
gessen. Denn er enthält einen Ausdruck, den ich und jedes andere 
Mädchen an meiner Stelle — noch dazu in Gesellschaft junger 
Leute — nicht gerne gebrauchen wird. . . . Und daß man gerade! 
dai-an denkt, kommt eben von dem dummen Heimlichtun." Der 
Titel enthält nun wirklich das Wort Hur, in dem man die volks- 
tümliche, namentlich in Wien oft gebrauchte Bezeichnung für 
Prostituierte wiedererkennt. Das. Mädchen wollte also als das 
Motiv ihres Vergessens die gesellschaftliche Schicklichkeit, die Aus- 
drücke dieser Art im Munde junger Damen verpönt, bezeichnen. 
Ich gab zu, dieses Motiv sei gewiß mitwirkend gewesen, doch nicht 
das einzige, und bat sie, mir zu sagen, was ihr zu jenen beiden 
Ersatznamen einfalle. 

1. Zu „Ecce homo" fällt ihr nur wieder jenes, Bild desi Er- 
lösers ein, darauf die Übersetzung: „Dies ist ein Mensch." Darauf 
Pause. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß im Wiener Dialekt 
manchmal auch die Prostituierten mit dem Worte „Mensch" be- 
zeichnet werden, und sie sagt verwundert, daß sie merkwürdiger- 
weise gerade daran denken mußte, was ihr um so sonderbarer vor- 
komme, als sie das Wort nur einmal in ihrer Kinderzeit in dieser 
Bedeutung gebrauchen hörte. 

2. 'Zu „Homo sum" fällt ihr die Fortsetzung des: Spruches 
ein: „nil humani a me alienum esse puto". Der Roman von Ebers 
schildere eben jenen Konflikt zwischen christlicher Askese und 
sinnlichen Trieben. Sie bricht wieder ihre Mitteilungen ab und 
gesteht ,auf mein Drängen zu, daß es derselbe Konflikt sei, der 
sie oft beschäftige. Ein junges Mädchen in ihrer Situation sei 
gezwungen, ihre Zärtlichkeit für Einen aufzusparen, von dem sie 
nicht wisse, ob er ihrer würdig sein werde. Sichtlich erregter setzt 
sie fort, indem sie betont, daß auf diese Art die schönsten Jahre 
der Jugend nutzlos vergeben. Andere genießen ihr Leben skrupellos 
in vollen Zügen. Sie neide es ihnen freilich nicht, aber auch sie 
wolle frei sein von den Pegeln der Konvention und der elterlichen 
Moral. Sie spricht ihren Ekel aus! vor Frauen, die ihren Körper 
für Geld preisgeben. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß sie 
wieder im Gedanken zum Thema der Prostitution zurückkehre, wor- 
auf sie abwehrend sagt: „Es ist mir peinlich, darüber zu sprechen; 
lassen wir das." Diese Reaktion scheint mir darauf hinzuweisen, daß 
sie manchmal aufsteigende Prostitutionsphantasien abzuwehren habe. 




Über kollektives Vergessen. 205 

Man bemerkt schon hier, daß die Motive, die zum Vergessen 
des Namens Ben Hur geführt haben, doch -nicht so einfach 
sind, als sie sie hingestellt hatte und tiefer in ihre intimsten Ge- 
danken hinabführt, als' sie es wahr haben möchte. Unsere Aufgab© 
scheint mir indessen noch nicht gelöst und ich lenke ihre Auf- 
merksamkeit darauf, daß der gesuchte Name aus zwei Teilen be- 
stehe und wir uns bisher noch nicht mit dem ersten beschäftigt 
haben. Zu dem Worte Ben fällt ihr Christus 1 ein, dann die ersten 
Szenen des Romans 1 , in denen geschildert 'wird, daß sich die heiligen 
drei Könige aufmachen, um das 1 Christuskindlein aufzusuchen und 
anzubeten. Nach einer längeren Pause setzt sie mit einer Frage 
ein: „Muß ich das jetzt sagen, was mir eingefallen ist?"- Ich 
antworte, daß mir natürlich kein Mittel zur Verfügung stehe, sie 
dazu zu zwingen, appelliere aber an ihre "Wißbegierde und ihre 
Tapferkeit. Es gebe nichts, was' sieh unter ernsten Menschen nicht 
besprechen lasse. Durch diese Bemerkung ermuntert, fährt sie fort: 
„Nun, ... es ist mir wieder ... ein 1 so ordinärer Ausdruck einge- 
fallen. ... Ich weiß gar nicht, wieso das 1 kommt; solche Sachen 
kommen mir sonst nie in den Sinn. Wie ich an die drei Könige 
gedacht habe, die ich mir, ich weiß nicht warum, als von ver- 
schiedener Hautfarbe vorstelle, ist mir ein abscheuliches Wort cin- 
gefallen." — „Nun?" — „Es heißt . . . roter König." — „Das ist 
eine Bezeichnung im Wiener Volksmund für Menstruation?" — 
„Ja, . . . ich weiß aber auch, wieso ich gerade auf das Thema 
komme." — „Nun?" — „Vorhin habe ich etwas nicht gesagt, weil 
ich mich wieder geniert habe. Es ist mir nämlich bei den drei 
Königen eingefallen, daß die Geburt Christi auf übernatürliche 
Art geschah: er wurde von einer Jungfrau geboren; er ist das 
Kind eines reinen Weibes . . . und ich habe schon als ganz junges 
Mädchen darüber nachgedacht, was das bedeutet." — „Jetzt wissen 
Sie es aber sicherlich. Denn Ihr Hinweis auf die Menstruation 
zeigt ja, daß Ihnen der Zusammenhang zwischen dem Aussetzen 
der Periode und der Schwangerschaft bekannt ist." — „Natür- 
lich, aber ich glaube, es ! ist noch ein anderer Gedanke dabei. Näm- 
lich es kommt mir vor, als habe ich Maria in bestimmten Zusam- 
menhang mit . . . mit dem 'anderen Worte gebracht." — „Sie meinen 
Hur?" — „Ja, da ist aber wieder dieser Romantitel schuld." — 
„Wieso?" — „Nun, Ben heißt hebräisch Sohn, Kind." — „Ah, Sie 
haben also B-en Hur übersetzt als Kind der Hur, Hurensohn, und so 
Ihrem Zweifel an der Jungfräulichkeit Marias Ausdruck gegeben?" 
Das war nun freilich eine Aufklärung, auf die ich nicht ge- 
faßt war: den Namen Ben Hur trägt nämlich in dem Roman 
Wallaces der Held, ein junger Jude aus dem edlen Gesohlechte 



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206 



Dr. Theodor Keik. 



Hurs, des Gefährten Josuas. Ben Hur bedeutet also Sohn des 
Hur; in Anlehnung an die Bezeichnung Hure für Prostituierte 
hatte sie dieses Patronimikum so behandelt, als wäre es ein Name, 
der sich auf die Mutter bezieht, Da sie sich auf mein© Präge 
an 'die wirkliche Bedeutung des Namens erinnert, ergibt sich die 
Auskunft, daß sie, unbewußten Tendenzen folgend, die Abkunft 
des Kindes vom Vater ignoriert und den ursprünglicheren An- 
sprüchen des Matriaehats so wieder zu ihrem Hechte verholfen hat. 
Ich wollte mich mit ' dem bisherigen Resultate der Analyse 
nicht .zufrieden geben, denn gerade dieser Zug schien mir ebenso 
wie ihre frühere intensive Reaktion darauf hinzuweisen, daß in 
unserem Falle von gestörter Reproduktion noch eine Fülle von 
Eigenbeziehung zu dem vergessenen Namen vorhanden war. Die 
folgenden Assoziationen nun förderten wirklich diese auch zum 
Teil zu Tage, ein anderer Teil ließ sich leicht erraten. Ein letztes 
Stück blieb freilich im Dunkel, weil die Analyse abgebrochen wer- 
den mußte. Zwischen der Vorstellung Kind, die mit dem "Worte 
Ben und dem Begriff der -jungfräulichen Geburt so enge verknüpft 
waren, und der Vorstellung Mensch bestanden enge Beziehungen, 
die mach verschiedenen Richtungen wiesen. Das Rätsel der Mensch- 
werdung, der Geburt eines Menschen, hatte schon frühe das Kind 
beschäftigt und war, wie sie zugab, vielleicht nicht ohne Einfluß 
auf die Wahl ihres Studiengebietes (Zoologie) gewesen. Die wie- 
der (auftauchende Erinnerung an das Bild „Ecoe homo" führte 
ihre Gedanken darauf, daß der Mensch nach Aussage der Genesis *) 
das Ebenbild Gottes sei. 

Schließlich wird die durch persönliche Komplexe hergestellte 
Gedankenverknüpfung klarer, wenn wir erfahren, daß sie die Vor- 
stellungen Kind und Mensch noch in einen anderen Zusammenhang 
gebracht hatte, indem sie das Wort Mensch wieder im Sinne der 
vulgären 1 Bezeichnung der Prostituierten gebraucht hatte. Der Ge- 
danke an die sozialen Schädigungen, die ein junges "Weib erfährt, 
das zur ledigen Mutter wird, tauchte auf: man wird als „Mensch" 
angesehen, als Hure. Man sieht, daß hier wieder Verbindungen 
zu dem Thema der Geburt Christi von einer jungfräulichen Mutter 
hergestellt waren. Der Gedanke aber an das Kind als Folge eines 
nicht legalisierten Geschlechtsverkehres bildet eines der stärksten 
Hindernisse, auf das ihre unbewußten Prostitutionsphantasien 
■stießen 2 ). 

An diesem Punkte der Analyse aber, der schon einmal auf 

~i) Gen. 1, 27. 

2 ) Man wird bemerken, daß die Stellung, welche das junge Mädchen zu 
der Figur Marias als jungfräulicher Mutter hatte, keine eindeutige ist. Sie 
entspricht den beiden miteinander ringenden Tendenzen in ihr, von denen die 



Ober kollektives Vergessen. 207 

ihre intensive gefühlsmäßige Ablehnung gestoßen war, angekommen, 
meinte 'sie, es sei jetzt genug der „Beichte" und sie habe sich, 
wie sie lächelnd hinzufügte, schon allzuweit auf gefährlichem 
Gebiete vorgewagt. Es sei nun Zeit, den Versuch, der ja auf- 
schlußreich gewesen sei, abzubrechen; sie wisse nun genau, wieso 
sie ihr sonst vorzügliches Gedächtnis gerade in diesem Falle so 
plötzlich im Stich gelassen hatte. Als eine Art Nachtrag fügte 
sie hinzu, es sei ihr, nachdem sie von mir den gesuchten Namen 
erfahren hatte, sonderbarerweise noch ein Bomantitel eingefallen, 
nämlich „Quo vadis?" von Henryk Sienkiewicz. Auch dieser 
Romau spiele in jener Zeit und auch in ihm komme wie in „Ben 
Hur" die Gestalt Christi vor. Obwohl sie die Portsetzung der 
Analyse verweigerte, ist doch leicht zu erklären, in welcher un- 
bewußten Verknüpfung auch dieser Name zu den verpönten Ge- 
danken 'steht: es ist einfach die an sich selbst gerichtete Frage: 
„Welchen Weg gehst du? Was wird mit dir werden? Wirst du 
zur ehrsamen Gattin oder zur Dirne?" Dergleichen Gedankenformen 
sind gerade bei zur Introspektion und zum Zweifel neigenden Per- 
sonen, wie es unsere junge Dame ist, nicht ungewöhnlich 1 ). 




eine sie dazu drängen will, selbst wie eine Dirne zu leben und ihren sexuellen 
Kegungen freie Bahn zu lassen, und der ihr entgegengesetzten, welche solche 
freie Liebesbetätigung verurteilt und verwirft. Sie bemerkte im Verlaufe dieser 
Analyse auch, daß sie sich manchmal Kinder wünsche, andere Male sich aber 
sage, Kinder möchte ich nur haben, wenn es möglich wäre, sie zu bekommen, 
ohne mit einem Manne etwas zu tun zu haben. (Vgl. die Ersetzung der Ab- 
stajmmung vom Vater durch jene von der Mutter in den Assoziationen zu 
„Ben Hur".) 

x ) Die Analyse ist nicht weit genug geführt, um noch andere Aufklärungen 
über die seelischen Mechanismen zu geben. Doch ist z. B. sicherlich in der 
Vorstellung der Maria eine besonders hohe Verdichtung erreicht, da die Mutter 
Christi zugleich Dirne und reine Frau ist, den Anteil ihrer eigenen Trieb- 
impulse und ihrer Abwehr in einer Person zusammenfaßt, sie selbst und ihre 
Mutter repräsentiert. Ebenso ist in dem Element der Drei Könige eine unbe- 
wußte Verdächtigung des sexuellen Verhaltens der Mutter verborgen; der „rote 
König" und seine Verbindung mit dem Geburtsakt weist auf eine infantile 
sadistisch-masochistische Sexualtheorie hin. Die besondere Betonung des Geburts- 
themas und seine Stellung in ihren Gedanken möchte man mit der starken 
sexuellen Neugierde des Kindes in Zusammenhang bringen. (Vgl. ihr anfäng- 
licher Protest gegen die elterliche Heimlichkeit und die Eolle des Bildes.) 
Man könnte sich sogar getrauen, wenn man die Familienverhältnisse des 
Mädchens zur Erklärung heranzieht, eine Begründung dafür zu suchen, warum 
sie, die Ortsfremde, gerade so viele Worte aus dem Wiener Dialekt für Be- 
griffe gebraucht, die sich gut anders bezeichnen lassen und die sie wohl sonst 
auch anders bezeichnet (Hur, Roter König, Mensch). Daß sie das vergessene 
Wort „Ben Hur" aus einem jüdischen und einem Wiener Ausdruck zusammen- 
gesetzt sein läßt, entbehrt ebensowenig der unbewußten Motivation wie die 
Deutung dieses Wortes als „Sohn der Hur'". 



208 



Dr. Theodor Reik. 



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Die Fülle der Beziehungen zwischen den einzelnen Vorstellungs- 
elementen und den unbewußten Gedanken, welche eine Störung der 
Reproduktion.' veranlaßten, in unserem Beispiel ist nicht leicht zu 
überblicken; ich habe versucht, in der beiliegenden Skizze ein Bild 
davon: zu geben, das freilich hinter dem verwirrenden Reichtum 
und der Beweglichkeit des seelischen Materials weit zurück blei- 
ben muß. 










VERDRÄNGTE GEDANKEN (PROSTITUTiONSPHANTASiEEN.) 



Unser Beispiel beansprucht aber unser Interesse noch durch 
die Tatsache, daß ein gemeinsames 1 Vergessen eines fremdsprachigen 
Wortes, das früher zum bewußten 1 Gedächtnisbesitz mehrerer Per- 
sonen gehört hat, vorliegt. Die psychischen Bedingungen solcher 
kollektiver Erscheinungen sind noch wenig erforscht. Freud weist 
mit Nachdruck darauf hin', daß eine Art Ansteckung bei Fehl- 
leistungen im Alltagsleben zu beobachten ist. Ein genaueres Ver- 
ständnis der seelischen Verursachungen und Mechanismen in der- 
artigen Fällen würde vielleicht geeignet sein, manche Aufklärungen 
über ein noch dunkles Gebiet der Massenpsychologie zu 
ergeben. 

In unserem Falle war es nicht möglich, eine solche Aufklärung 
zu gewinnen, die nur eine Analyse aller einzelnen Personen, welche 
jenen Titel vergessen hatten, hätte liefern können. 




Über kollektives Vergessen. 



209 



Immerhin darf man es wagen, sieh eine Ansieht über die seeli- 
schen Mechanismen und Motive zu bilden, die einem solchen Vor- 
fall zu Grunde liegen; sie kann freilich notgedrungen nur eine 
oberflächliche sein. Wir haben als erste Auskunft über die see- 
lische Verursachung des Vergessens bei der jungen Dame erfahren, 
daß es ihr wenig schicklich erschienen wäre, einen JNTamen zu 
nennen, der so bedenklich einer Bezeichnung benachbart sei, die 
sich im Munde eines gut erzogenen Mädchens sonderbar aus- 
nehmen würde. Wir müßten demnach glauben, eine gewisse Über- 
empfindlichkeit und Übersehätzung des Wortgleichklanges, die an 
die kindliche Behandlung der Wörter erinnert, habe das ausreichende 
Motiv für das Versagen ihres Gedächtnisses gebildet. Wir haben 
uns mit dieser Auskunft nicht zufrieden gegeben und die Analyse 
hat- uns gezeigt, daß sich diese eigenartige Bewertung des Wortes' 
auf gute Gründe stützen konnte: intimste persönliche Gefühle und 
Gedanken, die man nicht gerne Fremden verrat, haben es zu stände 
gebracht, daß ein Wort, das in diesem Zusammenhange einen durch- 
aus harmlosen 1 Charakter hat, seelisch bewertet wurde, als wäre 
es eines, das gefährlich© und mit der Moral unvereinbare Dinge 
bezeichne. Wir brauchen 1 nur darauf hinzuweisen, daß das junge 
Mädchen in ihrer Begründung jener Wortvermeidung die Anwesen- 
heit junger Männer als besonders wesentlich hervorhob, um einen 
Anhaltspunkt für die Vermutung zu besitzen, daß sich eine gedank- 
liche Verknüpfung zwischen jenen als mit der eigenen Persönlich- 
keit unvereinbarten und deshalb abgewiesenen Gedanken und der 
männlichen Gesellschaft, in der es sich' befand, aufzeigen lassen 
muß. Die junge Dame behandelt das Wort so, als ob sie sich mit 
dem Aussprechen jenes- verdächtigen Titels; vor jungen Männern zu 
den Wünschen bekannt hätte, die sie als; ihrer Persönlichkeit nicht 
gemäß und als peinliche abgewiesen hat. Kürzer gesagt: unbewußt 
setzt sie das Aussprechen von „Ben Hur" einem sexuellen Angebot 
gleich und ihr Vergessen entspricht demnach der Abwehr einer un- 
bewußten Versuchung dieser Art. 

Wir haben Grund zu der Annahme, daß ähnliche unbewußte 
Vorgänge das Vergessen der jungen Männer bedingt haben. Ihr 
Unbewußtes hat das Vergessen des Mädchens in seiner wirklichen 
Bedeutung erfaßt und es, gestützt auf die eigene Kenntnis des 
Namens und die mimischen Zeichen, gleichsam gedeutet; nun aber 
haben sie ihrerseits durch Vergessen reagiert. Bedeutet das Ver- 
gessen jenes anrüchigen Titels auf seiten der Frau unbewußt die 
Vermeidung eines sexuellen Angebotes, so stellt das Vergessen der 
Männer eine Rücksicht auf solches abweisende Verhalten dar und 
zeigt das Zurückdrängen der eigenen sexuellen Begehrlichkeit, welche 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VI/3. 14 



210 



Dr. Theodor Reik. 



das Mädchen als Sexualobjekt nehmen will. Es ist also, als hätte 
ihnen ihre Gesprächspartnerin durch ihre plötzliche Gedächtnis- 
schwäche einen deutlichen Wink gegeben, den die Männer unbewußt 
wohl verstanden hätten. Ihr Vergessen war ebensowenig zufällig 
wie jenes. 

Man kommt auf diesem Wege in die Lage, das ganze Verhalten 
des Mädchens in dieser Situation besser zu verstehen. Wurde jener 
Titel vom Bewußtsein auch aus. Motiven übergroßer Schamhaftigkeit 
abgehalten 1 , so wird uns gerade das sonderbar vorkommen, daß das 
Mädchen selbst die Aufmerksamkeit auf den Roman lenkte, dessen 
Namen sie vergessen hatte. Das Verhalten unserer Philosophin wird 
in dieser Beleuchtung einen eigenartigen Kompromißcharakter nicht 
verleugnen können. Gerade durch die Analyse des Vergessens wird 
'es regressiv klar, daß eine Tendenz zur Exhibition einer anderen 
unterlag, welche die moralische Reaktion darauf darstellte und mit 
der die Mächte der Scham und der Erziehung den Sieg errangen. 

Der ganze Vorgang wird in seinen seelischen Mechanismen am 
besteh verstanden werden, wenn wir zu seiner Aufklärung eine 
Analogie aus einem anderen Gebiete heranziehen, das die Psycho- 
analyse erforscht hat. Die Zote ist nach Freud ursprünglich an 
das Weib gerichtet und einem Verführungsversuch gleichzusetzen 1 ): 
„Die Zote ist wie eine Entblößung der sexuell differenten Person, 
an die sie gerichtet ist." 

Die überstarke Schamhaftigkeit wie die in unserem Beispiele 
hervortretende bildet eine Art Negativ der Freiheit der sexuelle 
Themen berührende Bede in der Form der Zote. Das- Fräulein 
behandelt das Aussprechen des Namens „Ben Hur" unbewußt wie 
eine Selbstentblößung; erst so kommt sie zu der Vorstellung, daß 
auch die Zuhörer die gesprochenen Worte in diesem Sinne deuten 
könnten. Von dem angedeuteten Projektionsvorgang aber bleibt nur 
das Resultat bewußtseinsfähig. Der Vergleich mit den Mechanis- 
men der sexuell werbenden Rede und der Zote wird die Unter- 
schiede klar hervortreten lassen: will die Entblößungslust, die sich 
der Rede bedient, in der Frau bestimmte Vorstellungen hervor- 
rufen, sie in die korrespondierende Erregung versetzen und bei 
ihr die Neigung zur passiven Exhibition erwecken 2 ), so wird die 
Schamhaftigkeit der Frau alles vermeiden, was. in anwesenden Män- 
nern bestimmte sexuelle Vorstellungen hervorrufen, sie so in Er- 
regung versetzen und in ihnen die Neigung zur aktiven Exhibition 
erwecken könnte. Will die Zote die angegriffene weibliche Person 
durch das Aussprechen obszöner Worte zur Vorstellung des be- 

!) Freud, Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten. 2. Aufl. S. 82. 
2 ) Freud, S. 83. 






über kollektives Vergessen. 911 

treffenden- Körperteiles oder der Verrichtung' zwingen und ihr 
anzeigen, daß der Angreifer selbst sich solches vorstelle i), so wird 
das überschamhafte Weib alle an obszöne Worte auch nur an- 
klingende Wer mit sexuellen Vorstellungen auch entfernt zusam- 
menhangende Bezeichnungen vermeiden, damit der Zuhörer nicht 
meine, daß sie selbst sich die betreffenden Körperteile und Ver- 
richtungen vorstelle 2 ). 

_ Die Zote mußte immer witziger und formell immer besser 
eingekleidet werden, um in gebildeter Gesellschaft ertragen zu wer- 
den; im gleichen Maße aber mußte auch die auf das Wort ge- 
richtete Abwehr des Weibes zu größerer Wachsamkeit fortschreiten 
Wo es raffinierte und mit allen Hilfsmitteln ausgestattete Ver- 
brecher gibt, da wird auch eine mit allen Schlichen vertraute Po- 
lizei notwendig sein. Kommt die Exhibitionslust, die sich in -ro- 
herer Wortform nicht äußern kann, in die Zwangslage, sonst harm- 
los gebrauchten Worten und unverfänglichen Ausdrücken eine ver- 
borgene sexuelle Bedeutung beizulegen, so muß auch die Scham- 
haftigkeit der Erau um so mehr auf der Hut sein, der in Worten 
sich äußernden Begehrlichkeit der Männer jede Möglichkeit der 
Äußerung zu entziehen. Sie wird jetzt auch solche Ausdrücke ver- 
meiden, die sie m anderen Situationen und in anderer Gesellschaft 
ohne Bedenken gebrauchen würde, weil sie nun fürchten muß 
selbst Vorstellungen von ähnlieh obszönen Inhalten damit zu ver- 
binden, wie die angriffslustigen Männer. Die vielfachen und ab- 
gestuften Umschreibungen und Euphemismen der Sprache le^en 
Zeugnis für diesen Vorgang ab 3 ). ° 

3 ) Freud, 1. 1. c., S. 82. 

a ) Es kommt nicht selten vor, daß ein allzu prüdes Mädchen oder eine 
ebensolche Erau durch die Entrüstung erst den Mann nachträglich darauf auf- 
merksam macht, daß ein Nebensinn in den von ihm gebrauchten, durchaus 
harmlos gemeinten Worten oder Sätzen möglich ist. Der Witz stellt solche 
Falle manchmal dar. Geistreich vergleicht Montesquieu an einer Stelle 
der Lettres Persanes" die Prüderie mit Schmerzen, die manche Menschen in 
Gliedern verspüren, die ihnen längst amputiert wurden. Das Benehmen, das 
Madchen m der Vorpubertät manchmal in bezug auf den Gebrauch harmloser 
Worter zeigen, hinter denen sie einen geheimen Nebensinn vermuten, ist hier ' 
heranzuziehen. Dort tritt die Verbindung zwischen den eigenen sexuellen Vor- 
stellungen und der Empfindsamkeit für Ausdrücke, die möglicherweise auch in 
einem sexuellen Sinne gebraucht werden können, klar zu Tage. Schöne Beispiele 
finden sich m dem „Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens". (Quellenschriften 
zur seelischen Entwicklung. Bd. I. Internat. Psychoanal. Verlag. Leipzig und 
Wien 1919.) ° 

3 ) Vgl. das französische „Inexpressibles", das englische „Unmentionables" 
und ahnliche Ausdrücke. Ich glaube, daß die Erscheinungen des weiblichen 
Schamgefühls überhaupt geeignet sind, als das aufklärendste Gegenstück zur 
Zote gewertet zu werden. Wenn eine Erau etwa über einen obszönen Witz, 

14* 



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11 



2i2 Dr. Theodor Reik. 

Kehren wir nach diesem Exkurs, zu unserem Beispiel zurück; 
die junge Dame, die den Namen „Ben Hur" reproduzieren wollte, 
vergaß ihn, weil er sie an eigene, als peinlich abgewiesene Gefühle 
und Gedanken erinnerte. Dieses Vergessen ist als Zeichen eines 
abgelaufenen unbewußten Versehiebungsvorganges aufzufassen: in 
der Nachwirkung dieser Verschiebung wurden früher harmlos ge- 
wertete oder mit den komplexbetonten nur durch ausgedehnte Asso- 
ziationen oder durch ähnlichen Klang verbundene Worte als. pein- 
lich empfunden und ihr Auftauchen durch Verdrängung verhindert. 

Bei den Studenten nun müssen wir einen ähnlichen, durch das 
Vergessen der Dame angeregten oder zumindestens beeinflußten un- 
bewußten Vorgang annehmen: sie benahmen sich, als ob sie sich 
durch das Aussprechen des Namens in ihren sexuellen aggressiven 
Absichten verraten würden. Das mimische Bild jener Szene ent- 
sprach dieser Ableitung: das Mädchen schwankte zwischen Ver- 
legenheit und Arger, die Studenten aber zeigten nur Verlegenheits- 
symptome. Eine Erfahrung aus der Traum- und Neurosenpsycho- 
logie aber hat uns, gelehrt, daß auftretende Affekte dort, wo un- 
bewußte Vorgänge mitwirken, ihre volle seelische Berechtigung 
hab.cn und dies auch dann der Fall ist, wenn der damit verbundene- 
Inhalt nicht zu den Affekten passen will, wie z. B. in unserem 
Falle. Das Vergessen eines Namens ist kein Grund, Arger oder 
Verlegenheit in irgendeinem bedeutenderem Ausmaße zu verspüren. 
Die Analyse zeigt in ähnlichen Fällen, daß der Affekt von seinem 
ursprünglichen Inhalt abgezogen und mit einer sekundären, an- 
scheinend belanglosen Veranlassung verknüpft wurde. Halten wir 
uns aber an die Natur der Affekte selbst und an die Ergebnisse 
unserer Analyse, so kommen wir zu folgenden Besultaten : der Ärger 

den ihr ihr Mann oder ihre Freundin erzählt, lachen kann, so wird sie in 
den meisten Fällen jede Äußerung der Lachlust zurückzudrängen versuchen, 
wenn etwa ihr Mann ihr den Witz in Anwesenheit ihrer Freundin erzahlt. 
Dieser Fall bietet einen schönen Beweis für die Freudsche Theorie der Zote, 
indem er in negativer Ausprägung die Bedeutung der dritten Person m der 
sexuellen Aggression und in ihrer Abwehr zeigt. Die Frau in diesem Beispiel 
handelt in Gegenwart ihrer Freundin nicht etwa nur deshalb so, weil sie 
sich vor ihr der sexuellen Vertrautheit mit dem Manne schämt, sondern auch, 
weil sie unbewußt den Witz als einen sexuellen Angriff auf ihre Freundin 
wertet und sich in dessen Abwehr mit ihr verbindet. Dieselben seelischem 
Mechanismen sind auch dort aufzuzeigen, wo die körperliche Schamhaftigkeit 
der Frau in Frage kommt. Eine Frau will sich nicht umkleiden, wenn ihr 
Mann und ihre Freundin anwesend sind, und begründet dies damit, daß es 
sich nicht schicke. Sie gibt zu, daß sie keinerlei Scheu tragen würde, sich 
umzukleiden, wenn entweder ihr Mann allein oder ihre Freundin allein an- 
wesend wäre. Ihr feines Gefühl sagt ihr, daß sie durch ihr Umkleiden die 



Freundin vor ihrem Manne entblößt. 



Über kollektives Vergessen. 



213 



der Dam© bezog- sich eben) auf das Auftauchen jener unbewußten 
Wünsche Und Impulse tind kommt ihrer 1 intensiven Ablehnung 1 gleich. 
Die schwächer bemerkbare Verlegenheit der Studenten aber ist ur- 
sprunglich nicht durch ihr schlechtes Gedächtnis begründet, sie ist 
vielmehr ein Ausdruck des Betroffeinseins. Sie erinnern sich nicht, 
um nicht in ihren verborgenen Absichten erkannt zu werden. An- 
ders 'aus gedrückt : sie schämen sich nicht, daß sie vergessen, son- 
dern, daß sie sich vergessen konnten. 

Wir wollen uns nun die Frage vorlegen, ob einige der ana- 
lytischen Einblicke, die wir aus' diesem Falle gewonnen haben, ge- 
eignet sind, sich zu allgemein geltenden Erkenntnissen über das 
Phänomen des kollektiven Vergessens zu verdichten. Daß Fälle 
von solchem Vergessen manchmal vorkommen, ist bekannt. Wer 
hat nicht Situationen miterlebt, in denen sich eine Gruppe von 
Personen, etwa eine Gesellschaft, vergebens bemüht, sich einen Na- 
men, ein Zitat, einen gelesenen oder einen gehörten Satz, den sie 
sicher gewußt zu haben behauptet, ins: Gedächtnis zurückzurufen? 
Man hört dann oft Bemerkungen, wie „Der Name liegt mir auf 
der Zunge" oder den verwunderten Ausruf „Daß ich das vergessen 
konnte !" usw. 

Wir würden im Sinne der vorangehenden Erklärungen nun 
die Behauptung aufzustellen wagen, daß auch in der Mehrzahl 
solcher Fälle von kollektivem Vergessen bestimmte unbewußte Mo- 
tive die Störung der Reproduktion verursacht haben. Welcher Art 
diese störenden Tendenzen sind, kann natürlich erst immer die Analyse 
des einzelnen Falles entscheiden. Es lassen sich auf Grund der 
obigen Analyse immerhin einige Vermutungen über das Zustande- 
kommen solcher Erscheinungen gemeinsamen Vergessens aufstellen. 

Wir haben gesehen, daß das Vergessen bestimmter Namen 
und Ausdrücke unter Umständen genau so ansteckend ist wie das 
Versprechen. Wir haben auch behauptet, daß in diesen Fällen das 
Unbewußte Ider einen Person auf das anderer wirke, eine Art un- 
bewußter Verständigung* im gemeinsamen Vergessen ihren Ausdruck 
finde. Dieser Vorgang hat freilich zwei Voraussetzungen, zu deren 
Annahme indessen die Analyse aus anderen Gründen längst gedrängt 
wurde: die eine besteht darin, daß nicht nur die Bewußtseins - 
Instanzen sich eine Form der Mitteilung geschaffen haben, sondern 
daß auch das Unbewußte über ausreichende Mittel verfüge, die 
Reaktionen' landerer zu deuten. Die andere Voraussetzung ist die, 
daß auf einer bestimmten Entwicklungsstufe die Verdrängung bei 
allen Individuen wirksam ist und bei ihnen dieselben Komplexe 
von Regungen mit ihren Abkömmlingen vom Bewußtsein abhält. 
Die erste Annahme wird uns durch das allgemeine Verständnis der 






214 Dr - Theodor ßeik. 

Symbolik im Witz, durch die Analyse mancher symptomatischer 
Erscheinungen, wie etwa der hysterischen Imitation und vor allem 
durch eiiiigie Erfahrungen, die aus der ärztlichen analytischen 
Technik geschöpft wurden, nahegelegt ; die zweite darf sich darauf 
berufen, daß die Verdrängung einen Erwerb aus der Menschheits- 
geschichte darstelle und daß auch hier jede Generation berufen sei, 
was sie ererbt von ihren Vätern hat, neu zu erwerben, um es 
zii besitzen. 

Das Wirken solcher Verdrängungsmächte, dem sich niemand 
entziehen kann, der unter Menschen und mit Menschen lebt, er- 
scheint in seiner Allgemeinheit auch für die Erklärung jener Fälle 
unerläßlich, bei denen kein Einzelner mit dem Vergessen voran- 
geht und durch sein Vergessen Reaktionen anderer hervorruft. In 
diesen allgemeineren Fällen wird man sich darauf berufen müssen, 
daß zwischen dem gedanklichen oder affektbetontem Inhalt der 
vergessenen Vorstellung verborgene Verknüpfungen mit jenen Kom- 
plexen bestehen, die bei fast allen Menschen einer' bestimmten Kultur- 
stufe von der Verdrängung betroffen werden. Es muß hier ferner 
daran erinnert werden, daß eine Neigung zum Vergessen bestimmter 
Vorstellungen als Ausdruck der Verdrängungstendenzen schon durch 
eine ererbte Anlage bedingt sein kann, die es bewirkt, daß sonst als 
lustvoll Vorgestelltes nun psychisch unter Ach und Bann getan 
wird. Gemeinsamkeiten der Erziehung und Abstammung, der sozi- 
alen Schicht und Religion, der Gesellschaft und der Erfahrungen 
werden gewiß gemeinsames Vergessen als Reaktion auf mit dem 
Ichgefühl der Einzelnen unvereinbare Vorstellungen begünstigen 
können. 

Es bleibt daneben noch Raum genug für die Wirkung indi- 
vidueller Faktoren, die sich z. B. in der Auswahl der Ersatz- 



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einfalle geltend machen. Hier werden die Eindrücke \ind Erleb- 
nisse des Einzelnen von früher Kindheit an, der Umkreis seiner 
Interessen und seiner Bildung, ja sogar zufällige Ereignisse seines 
Tages neben den unbewußten Determinanten ihren Einfluß aus- 
üben können. Diese Bemerkungen wollen natürlich nicht über den 
Anspruch einer ersten Orientierung auf diesem schwierigen Gebiete 
hinausgehen. 

Wir wollen es nicht verabsäumen, mit einem Worte darauf 
hinzuweisen, daß die beiden hervorgehobenen Momente, die Ver- 
drängung als ein allgemein wirkender, durch die Kulturentwicklung 
bedingter psychischer Vorgang und das Unbewußte als ein Apparat, 
der die Reaktionen anderer Menschen zu deuten und spätere Ent- 
stellungen rückgängig zu machen vermag, auch dort ihre Geltung 
und Bedeutung behalten, wo die zeitliche Kontinuität im Seelen- 










Über kollektives Vergessen. 



215 



leben der Menschen in Frage kommt, das heißt also auf dam 
Gebiete der Völkerpsychologie 1 ). Es besteht nämlich keine Frage, 
daß das gemeinsame Vergessen bestimmter gefühlsbetonter Vor- 
stellungen Und Vorstellungsgruppen dort noch eine weit bedeut- 
samere Rolle spielt als im Leben unserer Zeitgenossen. Wie weit 
hier Vererbung und individuelles Erleben einer Generation die Ver- 
drängungserscheinungen, die Entstelltingen, Reaktionsleistungen und 
die Wiederkehr des Verdrängten bestimmen, ist noch wenig gekiärt. 
Es erscheint wahrscheinlich, daß 'erst, wenn wir ein besseres Ver- 
ständnis dieser Erscheinungen im Völkerleben und in der Kultur- 
entwicklung gewonnen haben werden, wir auch Phänomene wie das 
kollektive Vergessen werden tiefer erfassen können, das heißt also, 
daß sich manche und gerade die schwierigsten Fragen dieser Art 
erst mit Hilfe der Massenpsychologie werden lösen lassen. Sicher 
aber ist es, daß dieselben seelischen Mächte es sind, die hier wie 
dort, beim Einzelnen und beim Volke, im vergänglichen Leben des 
Individuums und in der Aufeinanderfolge ungezählter Generationen 
über Vergessen und Erinnern, Verdrängung und Wiederkehr ent- 
scheiden. 



1 ) Vgl. die Ausführungen Freuds in „Totem und Tabu''. 1914. S. 146. 



Wunscherfüllungen der irdischen und göttlichen Strafen. 

Dr. Georg Groddeck (Baden-Baden). 

Ein junger Manu hat mir einmal eine seltsame Erklärung für 
seinen Glauben an ein Weiterleben nach, dem Tode gegeben. „Wenn 
ich gestorben bin," sagte er, „komme ich zu einem neuen Leben auf 
den Mars." Auf die Erage, was ihm zu Mars einfiele, antwortete 
er zunächst Martha, und gleich darauf Mama. Martha war der 
Vorname seiner Mutter. Er ist als Siebenmonatskind zur Welt ge- 
kommen. 

Ich würde dieser Wunscherfüllung im Glauben, die dem Sohne 
den heiligen Schoß der Mutter ohne Entweihung öffnet, keinen Wert 
beigelegt haben, wenn diese Worte nicht während der ersten Kon- 
sultation gefallen wären, ehe der Kranke irgend etwas von dem 
Ödipuskomplex wußte. Ich kann um so bestimmter behaupten, daß 
die Antwort unbeeinflußt war Und somit aus der Tiefe des Unbe- 
wußten kam, als ich niemals meinen Patienten irgend ein einleitendes 
Wort über die Behandlung sage, sondern sie sofort ohne weitere 
Erklärung zum Assoziieren zu bringen suche. 

Soviel ich weiß, ist die Idee, nach dem Tode auf dem Mars 
weiterzuleben, nicht sielten, wenigstens bin ich ihr früher, ehe mir 
Freuds Psychoanalyse bekannt war, öfter begegnet. Ich kann 
nicht sagen, ob die Erklärung meines jungen Klienten allgemein- 
gültig ist, möchte es; aber für einen mir sehr nahe stehenden, schon 
längst gestorbenen Menschen annehmen, da ich seine Sehnsucht nach 
der Mutter kannte. 

In anderer Eorm tritt uns diese Wunscherfüllung, in den Leib 
der Mutter zu gelangen, in der Sehnsucht nach dem Grabe häufig 
entgegen. Der Schoß der Mutter Erde ist ein begehrenswertes Ziel ; 
der Tote wird der Mutter als Samen zur Wiedergeburt in der Auf- 
erstehung anvertraut, und man braucht nicht davor zurück- 
zuschrecken, daß die vorherrschende Idee, von Würmern aufgefressen 
zu werden, neben ihrer augenscheinlichen Begründung, auf die Asso- 
ziation von Wurm und Kind zurückzuführen ist. Auch die weit 
verbreitete Angst vor dem Lebendig-begraben-werden gehört hieher, 



Wunscherfüllungen der irdischen und göttlichen Strafen. 217 

da sich in ihr der tief verdrängte "Wunsch des Inzests mit der Mutter 
und die sich damit kreuzende Sehnsucht nach dem Fötalleben erfüllen. 
Wenn an Stelle des Begrabens immer mehr die Sitte der Feuer- 
bestattung tritt, so machen mir eine Reihe von Analysen die An- 
nahme wahrscheinlich, daß es sich auch dabei um eine Wunscherfül- 
lung handelt. Der Glaube an Hölle und Fegefeuer ist allerdings 
aus vieler Menschen Bewußtsein verschwunden, lebt aber im Un- 
bewußtsein fort und bricht sich in der Sitte des Verbrennens Bahn. 
Die Idee der Läuterung durch die reine Flamme kommt hier zum 
Vorschein, die Verbrennung ist gleichsam ein abgekürztes Fegefeuer, 
eine abgekürzte Höllenqual. Aus der dunklen Ahnung dieses Zu- 
sammenhanges erklärt sich vielleicht die ablehnende Haltung der 
katholischen Kirche gegenüber der Feuerbestattung. Bestimmte 
Analysen geben den Beweis, daß das Verfahren den Versuch dar- 
stellt, der ewigen Strafe durch die freiwillige Buße der Verbren- 
nung zu entfliehen oder ihr dadurch zu entschlüpfen, daß man die 
Form des Körpers zu Asche vernichtet und so die Auferstehung des 
Leibes unmöglich macht. Dieser naive Betrug spricht sich deutlieh 
in 1 der letztwilligen Verfügung aus, die Asche in alle vier Winde zu 
zerstreuen oder in das Wasser zu werfen, als ob der liebe Gott sie 
dann nicht finden und wiederbeleben werde. 

Es steckt in der Sitte der Feuerbestattung noch eine andere 
Wunscherfüllung, die wiederum überleitet zu Fegefeuer und Hölle. 
Das Unbewußte faßt Feuer und Liebe als gleichbedeutend auf; ich 
brauche die endlose Kette von Beweisen dafür, wie sie sich aus 
Sprache (Liebesglut, brennende Liebe usw.), aus Mythus (Zeus und 
Semele usw.), aus Sitte und Leben: (Hochzeitsfackeln usw.), vor 
allem aus der Entstehung des Feuers durch die Reibung von hartem 
Holz in der Höhlung des weichen ergeben, bloß anzudeuten. Aus 
dieser Gleichstellung ergibt sich, daß die Feuerbestattung der Wunsch 
ist, auch nach dem Tode die Glut der Leidenschaft zu haben, ja 
durch das Feuer der Leidenschaft vernichtet zu werden, in ihr und 
durch sie sich aufzulösen. 

Es wäre verlockend, an dieser Stelle' auf die innigen Beziehungen 
zwischen Liebe und Tod, die ja den Griechen Zwillingsbrüder waren, 
einzugehen, dem nachzuspüren, was das Sterben in der Geliebten 
bedeutet und wie von dem Liebestode| in der Wollust aus die Flammen 
der Begeisterung und der Schaffenskraft das ganze Mensehendasein 
erwärmen und formen. Für mein Thema liegt es, aber näher, darauf 
einzugehen, daß auch der Glaube an Teufel und Höllenqual nichts 
anderes ist als der unersättliche Trieb des Menschen nach Lust. 

Die volkstümliche Vorstellung der Hölle ist die einer dunklen 
Höhle mit schlundförmigem Eingang und feuchten Wänden; in ihr 



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21 8 Dr. Georg Groddeck. 









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brennen die ewigen Flammen, in denen die Sünder braten. Auf- 
fallend ist die Finsternis des Raumes trotz des lodernden Feuers. 
In dieser Hölle wirkt der Teufel, ein haariger Geselle mit dem be- 
kannten Abzeichen der Geilheit, Bocksfuß oder Pferdefuß, mit Bocks- 
hörnern und, um jede Unklarheit zu beseitigen, mit einem Schwanz, 
der ja im Denken aller Völker und Zeiten das männliche Glied ist. 
Von dieser Identifikation des Teufels mit dem Werkzeug männlicher 
Wollust ausgehend, versteht man, warum die Höllenflammen nicht 
Helligkeit geben, warum die Wände der Hölle feucht sind und 
der Eingang ein Schlund genannt wird. Die Hölle' ist das weibliche 
Geschlechtsorgan, in dem der geschwänzte Teufel mit der Stange 
die Glut schürt. Das siedende öl, in dem die Verdammten schmoren 
ist der Samen 1 ). Wenn ich nicht irre, hat man schon einmal auf 
die hübsche Novelle von dem Mädchen und dem Eremiten hinge- 
wiesen, in der Boccaccio diese Gleichung benutzt. Der Trieb zur 
Lust und die listige Schlauheit des Unbewußten sind im Menschen 
so groß, daß er sich die ewige Strafe selbst in ewigen Genuß um- 
wandelt. 

Daß die Rechtspflege auf den Gedanken des Scheiterhaufens 
gekommen ist, läßt sich auf dieselben unbewußten Ursachen zurück- 
führen. Der Pfahl, an dem das! Opfer der Justiz, festgebunden wurde, 
ist leicht als Symbol des Phallus zu erkennen, ebenso wie bei einem 
anderen Verfahren die Laubhütte, in der und mit der die zum Feuer- 
tode Verurteilten verbrennt wurden, den weiblichen Genitalien ent- 
spricht. Das Motiv tritt übrigens auch in der Märchenwelt auf, wie 
beispielsweise in den Sieben Raben oder in Hansel und Gretel. 

In der Behandlung bin ich der Phantasie, lebendig verbrannt zu 
werden, bei frühreifen Kindern und alternden Mädchen nicht selten 
begegnet. Während der ersten Kriegswochen fiel es mir auf, daß die 
Schilderungen der Soldatenbriefe über das Niederbrennen von Häu- 
sern mit einer sonderbaren deutlich erotischen Lust gelesen und stark 
nachgefärbt weitererzählt wurden. 

Im Anschluß an diese allgemeinen Bemerkungen teile ich ein 
paar analytische Ergebnisse mit, die vielleicht gewisse Eigentüm- 
lichkeiten der himmlischen und irdischen Strafen aufklären. 

Ein Mädchen stellt sich ihre Bestrafung in der Hölle als ein 
Kneifen und Abkneifen der Brustwarzen mit glühenden Zangen vor. 
Aus der weiteren Analyse ergibt sich, daß die Brustwarze als Phallus, 
die Zange als Sehenkel des Weibes empfunden wird, was unter 
anderem mit der Milch- und Samensekretion begründet wird. Dann 
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i) In der Definition des Kaffees : schwarz wie die Nackt, süß wie die 
Liebe und heiß wie die Hölle ist die Nebeneinanderstellung' dar drei Vergleiche 
bedeutsam. 







Wanscherfüllungen der irdischen und göttlichen Strafen. 



219 



nehmen die Assoziationen die Brustwarzen wieder als gegeben, wäh- 
rend die Zangen saugende Lippen sind, und schließlich wird der 
Vergleich Zange und Lippen festgehalten, die Brustwarze verwan- 
delt sich jedoch wieder in den Penis. Ich muß dabei erwähnen, daß 
der Brüstekomplex bei der Patientin, sich bis in die früheste Kind- 
heit verfolgen läßt und durch ein stark betontes Trauma in eine stets 
zum Bewußtsein strebende Verdrängung geraten ist. Ihrem Ver- 
such, die Brüste durch enge Kleider am Wachstum zu verhindern, 
liegt wohl auch eine "Wunscherfüllung zu Grunde, die Junge zu 
sein und die Reibung des engen Kleides an der Brust zu genießen. 
Wenigstens deute ich so ihren Abscheu vor der Gewohnheit vieler 
Brauen, die Arme über der Brust zu kreuzen und hin und her zu 
bewegen, so daß die Warzen unauffällig gereizt werden, als ver- 
drängten Wunsch; auch das Hin- und Herschieben des Oberkörpers, 
wie es oft geübt wird, um den Kitzel der Brust zu erreichen, ist ihr 
unerträglich. — Ein anderer Assoziationsweg, der von den Erzäh- 
lungen über das Brüsteabschneiden in der Kriegszeit ausgeht, leitet 
wieder zu der Höllenstrafe des Warzenabkneifens, und von da führt 
er zu dem Kastrationskomplex: Die Brustwarze ist das Glied, das 
abgeknipst wird. An diesem Punkte der Analyse kam etwas zum 
Vorschein, was ich zur Nachprüfung mitteile. Meine eigenen Erfah- 
rungen haben mir die Richtigkeit der folgenden Mitteilung bestätigt, 
aber ein Zeuge gilt nichts. Meine Patientin brachte nach und nach 
ihre verschiedenen Auffassungen des Kneifens mit glühenden Zangen 
in bestimmten Zusammenhang mit infantilen Begattungs- und Ka- 
strationstheorien, die sie dann aus den tatsächlichen Vorgängen des 
Beischlafes ergänzte. Zunächst behielt sie die Gleichung Brust- 
warze—Glied und Zange— Mund bei, ersetzte aber das Saugen 
der Zange durch Beißen und behauptete, sie habe als Kind die Vor- 
stellung gehabt, daß die Frau dem Manne ein Stück vom Penis ab- 
beiße und verschlucke, woraus dann das Kind entstände. Das ab- 
gebissene Stück wächst nach, jedoch bleibt die Gefahr der Verstüm- 
melung, der Kastration. Die Idee der Schuld macht sich dabei 
geltend, deren eine scheinbar wichtigste Quelle sich als Onanietrieb 
bekundet. 

Wie häufig diese unbewußten Assoziationen sind und welchen 
Zwang sie auf die Menschen ausüben, erhellt aus dem wohl überall 
gepflegten Liebesspiel, die Brustwarze der Geliebten oder das Glied 
des Geliebten leise mit den Zähnen zu kneifen, ein Spiel, das wiederum 
die Wunscherfüllung in der Strafe beweist. Von der Kastration 
geht die Assoziation plötzlich über zu der Gleichung Zange— Schen- 
kel, Schenkel des Weibes, während die Assoziation Warze— Penis 
beibehalten wird, und nun kommt die Idee zum Vorschein, daß die 



220 D r> Georg Groddeck. 

Erschlaffung des Gliedes nach der Erektion eine Kastration sei. Der 
Gedanke wird sofort mit einem Erlebnis in Verbindung gebracht, 
das wiederum eine Seihe von Aufschlüssen gibt. Di© Kranke hat 
als kleines Kind viel mit einem großen Kochinehinahahn gespielt, 
den sie zärtlich liebte, hauptsächlich weil sie beim Anschmiegen des 
Gesichtes und Mundes an sein weiches Halsgefieder an die Brust 
ihrer Mutter erinnert wurde. Dieser Hahn verschwand eines: Tages 
und die Kleine war untröstlich. Obwohl man ihr gegenüber ableug- 
nete, daß der Hahn geschlachtet worden sei, setzte sich in ihr, ob 
mit Eecht oder Unrecht weiß ich nicht, der Gedanke fest, der Hahn 
sei geköpft und gebraten worden und sie habe ihn mit gegessen. Ver- 
stärkt wurde der Eindruck dadurch, daß das, Kind bei irgend einer 
Gelegenheit Hühner noch hatte umherlaufen sehen, nachdem ihnen 
der Kopf abgeschnitten war. Hier bricht wieder die infantile Bei- 
schlafsidee des Abbeißens und VersohluCkens durch, da ja Hahn und 
männlicher Schwanz identisch' sind (kokett, Türmhahn, Wasser- 
hahn usw.). Die Gleichung lautet nun: Brustwarze— Penis, Mutter- 
brust-— Hahn-— Penis, Abbeißen— Köpfen— Kastration, Zange— Zähne 
—Schenkel des Weibes, Penis— Erektion— Beischlaf — Erschlaffung- 
Kastration. Erwähnen muß ich noch, daß die Kranke ausgeprägte 
Erlösungskomplexe hat, über die sich viel sagen ließe. Sie hat ihrem 
Phantasieobjekt den Namen Mahatan gegeben, wobei das Ma- von 
Mama abgeleitet ist, das ha- von Hahn und das tan- von Altan == 
Brüste. 

Die Wunscherfüllung dieser Höllenstrafe liegt nun wohl klar 
zu Tage und gestattet vielleicht eine Schlußfolgerung auf die Ge- 
wohnheit der mittelalterlichen Strafe des Zerreißens mit glühenden 
Zangen und auf das eigentümliche Behagen an den Erzählungen 
vom Kriegsgreuel des Brüsteabschneidens. Die Überleitung der 
Assoziationen auf den Kastrationskomplex und ihr Hineinziehen der 
Peniserschlaffung und des Kopfabschneidens ist jedoch Mächtig genug, 
um noch einen Augenblick dabei zu verweilen. Ich bin der Ansicht, 
daß die Strafe des Köpfens aus einer unbewußten Verbindung mit 
der Kastrationside© entstanden ist, die ihrerseits wieder die Ver- 
wandlung der Erektion in Erschlaffung durch den Samenerguß als 
eine ihrer vielen Quellen benutzt. Daß der aufrechte Mensch, der 
den Kopf hochträgt, als Phallus vom Unbewußten aufgefaßt wird, 
ergibt sich schon aus der Symbolik der Kopfbedeckungen, wenn 
nicht außerdem viele Beweis© dafür da wären. Die Verkürzung des 
Menschen durch das Köpfen bedeutet dann die Kastration und das 
Zusammenschrumpfen des Penis zum sehlotternden Leichnam. Um 
diese Auffassung wenigstens etwas zu stützen, ohne zu sehr vom 
Thema abzuweichen, möchte ich auf einige allbekannte Sagen hin- 



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Wunscherfüllungen der irdischen und göttlichen Strafen. 221 

weisen. Zunächst auf die Erzählung- von Johannes und Salome. 
Das Tanzen der Salome ist in der Bibelerzählung und in allen Nach- 
dichtungen erotisch betont und wohl ohne allzu große Gewaltsamkeit 
als Beischlaf zu deuten; das gibt dann aber dem Abschlagen des 
Kopfes von Johannes 1 , der seinen Beinamen der Täufer nicht ohne 
Grund trägt, den Sinn, den ich vorhin andeutete. Viel deutlicher 
wird das bei der Erzählung von Judith und Hol-ofernes, die von 
Sinnlichkeit durchtränkt ist. Die Enthauptung steht da deutlich 
als Ersatz des Beischlafes. Der Nebenumstand, daß Judith den ab- 
geschlagenen Kopf in einen Sack steckt, ist wichtig, da dieser Sack 
Doppelbedeutung hat, einmal als Scheide des. "Weibes, dann als 'Vor- 
haut, in die sich der Kopf des Gliedes, vom Blute der Jungfrau 
triefend, zurückzieht, und (schließlich als Hodensack, der bei der 
Kastration des Gliedes übrig bleibt. Als drittes Beispiel führe ich. 
den Kampf zwischen David und Goliath an, der eine Symbolik des 
kleinen Gliedes, des erigierten und des erschlafften ist, wobei der 
Schleuderwurf die Ejakulation! darstellt. Goliath ist dabei nur die 
Verkörperung des Penis beim Aufrichten, das. Köpfen ist die Kastra- 
tion und gleichzeitig die Erschlaffung, die den erigierten Penis tötet,- 
den Goliath wieder in den kleinen David verwandelt. — Bei dieser 
Gelegenheit möchte ich darauf aufmerksam machen, daß sich die 
Idee, zwischen Kastrationskomplex und Erschlaffung des Gliedes 
nach der Ejakulation sei ein unbewußter Zusammenhang, der An- 
sicht unseres Lehrers Freud über die Verbindungen von Kastration 
und Vatermord oder Vateropfer nicht widerspricht. Vater — Erzeuger 
— Penis bilden eine geschlossene Kette, ebenso wie Beischlaf— Ka- 
stration— und Tod. Die Kastrationsangst erhält damit eine weitere 
Begründung als verdrängter Wunsch nach Erektion und Ejakulation. 
Und im Köpfen liegt eine Wunscherfüllung, die die Anziehungskraft 
der Hinrichtungen ausreichend erklärt. 

Eine junge Frau hat die Vorstellung, daß ihr vom Teufel ein 
dicker Holzkeil mit Hammerschlägen in die Scheide getrieben werden 
wird. Sie ist mit einem Manne verheiratet, der während des ersten 
Ehejahres vollständig impotent war, und auch später fühlte sie sich 
nicht befriedigt, weil ihr die Dimensionen seines: Gliedes nicht ge- 
nügten. Die Analyse fördert zunächst zu Tage, daß ihr im Beginn 
der Ehe von einem Arzt, den sie bei anderer Gelegenheit mir gegen- 
über Satan genannt hatte, den Scheideneingang stumpf erweitert 
und ein Mutterspiegel eingeführt worden war. Es ist dadurch ein 
starkes Wollustgefühl in ihr hervorgerufen worden, das sie nun in 
die Ewigkeit projiziert. Auf diesen ärztlichen Eingriff führt sie 
auch eine Variante ihrer Höllenphantasie zurück, die ihr die Strafe 
als Vierteilen durch vier Hengste vorspiegelt. Das Auseinander- 



222 Dr. Georg Groddeek. 

spreizen de» Beine auf dem Untersuchungstisch ist eine der Wur- 
zeln dieser Idee, während die andere in Erlebnissen ihrer Kindheit 
festliegt. Ihr Elternhaus lag neben dem Reitplatz, eines Kavallerie- 
regiments. Sie ist als kleines Mädchen öfter auf dem Platze ge- 
wesen und hat von dem Schlauch des Pferdes einen überwältigenden 
Eindruck behalten ; wenn man bedenkt, daß ein Kind, das neben 
dem Pferde steht und ihm knapp bis an den Bauch reicht, das 
Heraustreten und Längerwerden dieses' riesigen Instruments beim 
Harnen des Tieres direkt vor Augen hat, ahnt man, was in der 
Seele eines kleinen Mädchens vor sich gehen muß. Ich kann aus 
zahlreichen Analysen den Beweis' führen, daß eine solche Szene 
sich tief in das Unbewußte eingräbt, und daß. die Erwartungen für 
das Ehebett dann sehr hoch gesteigert zu sein pflegen. .Die Idee 
■von der Dicke des Penis ist bei ihr wie bei vielen Kindern früh 
geweckt worden und die Verdrängung nach der Enttäuschung des 
Eheverkehres und der Wollust der Operation ist dementsprechend 
groß gewesen. Der Gedanke des Auseinanderreißens der Beine heim 
Vierteilen knüpft ebenfalls an das Pferd an ; einer der Soldaten 
pflegte das Kind auf das Pferd zu heben, wobei er niemals ver- 
fehlte, seine Hand zwischen die zum Herrensitz weit gespreizten 
Beine des Mädchens zu legen und sie zu streicheln. Ich sage ver- 
mutlich dem Psychoanalytiker nichts Neues, wenn ich hier auf die 
eigentümlichen Unterströmungen aufmerksam mache, die von der 
gynäkologischen Untersuchung der Frauen ausgehen. Aber mir ist 
nicht erinnerlich, daß diese sehr gewöhnliche Quelle neurotischer 
Symptome genügend und ohne falsche Schani erörtert worden ist. 
Damit ich selbst wenigstens nicht vergesse, wieviel Unheil und 
Freude auf dem gynäkologischen Untersuchungstisch Platz hat, habe 
ich gerade diesen an sich nicht besonders lehrreichen Fall mitge- 
teilt. 

Eine ähnliche Spaltung unbewußter Vorgänge, wie ich sie eben 
bei dem Keileintreiben und Vierteilen erzählte, findet sich bei einem 
jungen Mädchen, das die Idee hat, mit offenen Schenkeln auf einem 
Hackklotz zu liegen und vom Hackbeil des: Teufels, der merkwür- 
digerweise weibliche Züge trägt und einer 1 vagen Assoziation nach 
die Mutter sein kann, in die Geschlechtsöffnung geschlagen zu wer- 
den. Die Analyse bringt zu Tage, daß das Mädchen sich in der Küche, 
auf einem solchen Hackklotz sitzend, von einem Hunde lecken ließ, 
bis der Orgasmus eintrat. Es geschah, während alle Bewohner des 
Hauses in der Kirche waren. Als Variation wird dann zögernd 
mitgeteilt, die Strafe gehe möglicherweise auch so vor sich, daß der 
Höllenhund ihr mit glühender Züngle die Geschlechtsteile auslecke. 
Die Kranke hat stets ein besonderes" Vergnügen daran gehabt, ihre 




Wunscherfüllungen der irdischen und göttlichen Strafen. 223 

Schamlippen, über einem Spiegel stehend, zum Klaffen zu bringen, 
was in der Höllenphantasie sich in das Aufhacken des Genitalein- 
ganges umsetzt. Die Lust an klaffenden Geschlechtsteilen führt 
auf die Teufelin-Mutter zurück, die sie einmal vornübergebeugt und 
nackt gesehen habe. Sie datiert das Erlebnis in ihr viertes Lebens- 
jahr, wobei dann wiederum die Augen und die Nase des Kindes 
dicht an dem Seheideneingang der Mutter gewesen sein müssen. 
Der gleichen Angabe bin ich noch bei zwei anderen Kranken begegnet. 
Ich möchte bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lassen, daß die 
beiden zuletzt erwähnten Frauen stark an die Väter gefesselt sind 
und in offener Feindschaft mit der Mutter leben. loh glaube, daß 
die Objektwahl von Pferd und Hund damit in Verbindung steht. 

Allzu erklärlich ist die Phantasie einer Kranken, daß sie in 
der Hölle nackt auf einem Rasiermesser reiten müsse. Sie führt 
die Vorstellung ohne weiteres darauf zurück, daß sie in einem 
Wachsfigurenkabinett eine Hölle mit der obligaten Teufelsszene ge- 
sehen habe, wo eine bunte Gesellschaft von „Verdammten auf einem 
riesigen Rasiermesser ritt. Daß solche Wachsfiguren vor Jahren 
in den Städten des Rheins gezeigt wurden, ist mir aus Mitteilungen 
anderer Kranken bekannt. Trotzdem ist die Phantasie nicht so 
begründet. Abgesehen davon, daß diese Frau eine besondere Vor- 
liebe für den Beischlaf von hinten hat, ergibt die Analyse, daß sie 
als 17jähriges : Mädchen längst, ehe sie das Bild des strafenden Rasier- 
messers sah und ehe sie verheiratet war, von hinten entjungfert 
worden ist, während sie dem Manne auf dem Schöße saß. Ja, in 
einer tieferen Schicht des Unbewußten ist ein Trauma vergraben, 
das sie als Fünfjährige durch einen trunksüchtigen Gärtner erlitt, 
der sie in den Kohlenkeller zu locken pflegte, sie auf den Schoß 
nahm und seine Hand und seinen Penis an ihren Geschlechts teilen 
rieb. Der Teufel, den sie sich erdenkt, trägt die aufgedunsenen 
Züge und die rotunterlaufenen Augen, das- wirre schwarze Haar 
und den Stoppelbart dieses Gärtners. Von 1 seinem harten Bart führen 
die Assoziationen zum Rasiermesser und weiterhin zum Kastrations- 
komplex. Dabei fällt ihr ein, daß sie als kleines Mädchen sich im 
vollen Neid auf ihren Bruder den Hemdzipfel vorn zwischen den 
Beinen verknotet und ihm als Schwänzchen präsentiert hat. Die 
Schmerzwollust, die unter dem Decknamen Masochismus in den 
Köpfen der Menschen herumspukt, ist bei dieser Frau stark ausge- 
bildet, ein Umstand, der bei den Strafdichtungen des Menschen- 
geschlechtes nie außer Augen gelassen werden sollte. 

Eine Parallele zu dem Wollustreiz des Rasiermessers erzählte 
mir eine andere Patientin, deren höchste Lust die Idee war, mit — 
nach ihrer Meinung giftigen — Nattern/ auf die Schamteile gepeitscht 






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224 Dr. Georg Groddeck. 

zu werden, so daß sich die Giftzähne in das Fleisch einbissen und 
es "beim Wiederherausholen der rTatternpeitsohe mit herausrissen. 

Eine gebräuchliche Vorstellung ist die, daß der Verdammte am 
Bratspieß steckt und über dem Feuer geröstet wird. Die Wunseh- 
erfüllung, den glühendheißen Phallus im Leibe zu spüren, ist er- 
sichtlich. Die Todesstrafen des Pfählens und Spießens sind wohl 
gleichfalls aus solcher Projizierung des Symbols in die Eealität ent- 
standen. Man kann sich, da man sich über die Todesstrafen nicht 
direkt Aufklärung holen kann, über diese Zusammenhänge am leich- 
testen durch die Analyse der Selbstmordphantasien, die ja alle Men- 
schen hegen, Aufschluß verschaffen. Die Todesart, die in solchen 
Träumereien vorgestellt wird, ist nach meiner Erfahrung stets in 
enger Assoziations- und Symbolisierungsverbindung mit den jeweilig 
vorherrschenden erotischen Wünschen. Vielleicht erklärt sieh daraus 
die auffallende Tatsache, daß in unserer Zeit die Selbstmörderinnen 
sich so oft ertränken oder vergiften^was beides auf Sohwangerschafts,- 
ideen zurückzuführen ist, oder sich aus dem Fenster stürzen, was 
den Wunsch nach dem geschlechtlichen Fallen ausdrückt, während 
der Mann sich eher für das Erschießen oder Erhängen entscheidet, 
was wiederum deutlich seinen Geschlechtswünschen der Ejakulation 
und des Erschlaffens durch die Schlinge des Weibes entspricht. 

Das Aufspießen des Verdammten führt mich zu einer Analyse, 
die mir allerlei Dunkles: aufgehellt hat. In vielen Erzählungen und 
ebenso in einer Eeihe von Analysen, beispielsweise in der vom Rasier 
messer, tritt der Teufel als ein schwarzer Kerl auf; er fällt damit 
mit dem bekannten schwarzen Einbrecher zusammen, den so viele 
Frauen — auch Männer — unter ihrem Bett oder hinter dar Gardine 
suchen, weil sie annehmen und wünschen, daß sein gezückter Phallus- 
dolch in Tätigkeit treten werde; auch bei den, soviel ich weiß, 
allen Frauen gemeinsamen Vergewaltigungswünschen — die Verge- 
waltigung ist der einzige wirkliche Liebesbeweis, den die Frau gelten 
lassen kann — ist der Verbrecher meist schwarz, wenn er nicht nach 
irgend welchen persönlichen Erfahrungen in spezialisierten Formen 
erscheint; ja in den letzten Jahrzehnten hat die Assoziation schwarz— 
Vergewaltigung— Wollust zu den seltsamen Liebesverhältnissen von 
Frauen und Backfischen mit den Hagenbecksehen Negextrupps ge- 
führt, während dieser Wunsch seit dem Kriege in der Form der 
Angst vor der geilen Raserei der Kolonialsoldaten sehr häufig auf- 
tritt. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese Schwarzfärb ang 
der Teufels- und der Liebes- und Angst-Personifikationen als Ver- 
körperung des Geheimnisses der Nacht, der schöneren Hälfte des 
Tages, und des Scheidendunkels auffaßt, wozu dann noch kommt, 
daß Schwarz im Gegensatz 1 von Weiß die aufregende Sünde gegen- 



Wunscherfüllungen der irdischen und göttlichen Strafen. 225 

über der immer langweiligen Unschuld repräsentiert. Mit alledem 
ist aber noch nicht erwogen, warum der Teufel statt schwarz braun 
auftritt, und zwar verhältnismäßig häufiger. Mir ■ persönlich bat 
jene vorhin angedeutete Analyse einer alten Dame eine Erklärung 
gegeben, die ich allerdings niemandem aufdrängen, aber doch mit- 
teilen will. Die Dame hatte die Vorstellung, daß ihr der Teufel 
einen Spieß in den After stecken und im Darm hin und her drehen 
werde. Sie steht seit frühester Kindheit unter dem Zeichen der 
Analerotik und hat, wie es so vielfach, man möchte fast sagen, all- 
gemein geschieht, die gegen den Ausgang drängende und zurück- 
gedrängte Kotwurst unbewußt als Selbstbefriedigungsinstrument be- 
nutzt und gedenkt nun diese Art der Belustigung in alle Ewigkeit 
fortzusetzen. Die braune Farbe ihres Teufels erklärt sich dabei 
von selbst, und was bei ihr 1 gilt, gilt nach meiner Meinung allgemein. 
Die Sage von dem Teufelsgeld, das sich in Kot verwandelt, bekommt 
damit eine klarere Beleuchtung. Die Hölle würde dann in den 
Hintern des Menschen zu verlegen sein und der stinkende Teufel 
wäre der Kot selbst, was : ja bei dem überall gültigen Parallelisnuis 
Scheide— After, Schwanz und Wurst nicht weiter erstaunlich ist. 
Ich darf wohl bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß mir trotz aller 
Arbeiten über Analerotik die Bolle des als Penis geformten Kot- 
stückes in dem Leben des Mensehen nicht genug betont zu sein 
scheint. Die Befriedigung, die der Wunsch aus den Stuhlgangsnöten 
zieht, lernt er eher kennen als 1 die genitale, er benutzt sie ausgiebiger 
als die genitale und sie bleibt ihm für 1 alle Phasen seines Lebens 
treu bis in den Moment des Todes hinein. Für die Behandlung von 
Verstopfung und Durchfall, aber auch für die Beurteilung des ganzen 
menschlichen Lebens in all seinen Formen ist die Erkenntnis, daß 
der Selbstbefriedigungstrieb seinen Sitz neben allen anderen Zjnen 
von Anfang an in der Afterzone hat und dauernd behält, unent- 
behrlich. Es handelt sich dabei nicht um bestimmte erotische Klassen 
von Menschen, vielmehr ist jeder ohne Ausnahme genau so Anal- 
erotiker wie Genitalerotiker. Wir alle sind an diese Art der Selbst- 
befriedigung durch den Kot so gewöhnt, daß wir sie uns kaum noch 
m das Bewußtsein kommen lassen. Eine bestimmte Art der Muskel- 
zusammenziehung, die das Zurückklemmen einer drohenden Ent- 
leerung willkürlieh nachahmt, wird jedoch jeden belehren, was es 
eigentlich für ein Bewandtnis mit der Analerotik hat. Und er wird 
dann die infantilen Geburtstheorien und den Geldkomplex und die 
Päderastie und die Kastration, die ja das Herunterfallen der Wurst 
ist, und tausend andere Dinge eher begreifen, und schließlich auch, 
warum der Teufel ein braunes Fell' hat. 

Ein junger Mann, der sich im Schützengraben eine Entzündung 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. TI/8. 15 



226 Dr- Georg Groddeck. 

beider Schienbeinnerven zuzog, eine Entzündung, die gewiß nicht 
leicht war, da er deswegen aus dem Dienst entlassen und trotz viel- 
facher Untersuchungen und Behandlungen und trotzdem ihm keine 
Protektion beistand, nicht wieder eingezogen wurde, äußerte sich 
dahin, daß er in der Hölle auf glühenden Steinplatten tanzen müsse. 
Die Annahme lag nahe, daß seine sehr starken Schmerzen ihn auf 
die Idee dieser seltsamen Höllenqual gebracht hätten. Die Analyse, 
die übrigens seine Neuritis beseitigt hat, gab einen anderen Auf- 
schluß. Als Kind hatte der Kranke seine Mutter, zu der er in einer 
ambivalenten Liebes- und Haßeinstellung lebt, durch den Spalt des 
Vorhangs hindurch beobachtet, wie sie sich durch Aufgießen von 
Wasser auf glühende Ziegelsteine ä la Kneipp ein Dampfbad zurechfc 
machte. Er besinnt sich nicht mehr, ob die Mutter ganz nackt ge- 
wesen ist, gibt aber bestimmt an, daß er ihre Beine gesehen hat 
und daß das einen starken Eindruck auf ihn machte. Frauenfüße 
sind für ihn das gesuchte Beizmittel. Sein Vater ist übrigens 
Schuster und pflegte die Füße der Mutter als die schönsten zu be- 
zeichnen, die er je gesehen habe. Der Kranke, der nie anders als 
in Kniehosen geht, bekam regelmäßig einen Schmerzanfall, wenn er 
in Gegenwart seiner Mutter nach den Beinen irgend eines, weiblichen 
Wesens schielte. Eine zweite Begründung seiner Höllenphantasie 
führt ebenfalls auf die Mutter zurück. Er hatte einen etwas älteren 
Stiefbruder aus der ersten Ehe des; Vaters. Die Mutter behandelte 
diesen Stiefsohn, um dem Verdacht stiefmütterlicher Strenge zu ent- 
gehen, überaus sanft und ließ angeblich den eigenen Sohn oft büßen, 
was der Stiefsohn verbrochen hatte. Bei meinem Patienten erhielt 
dadurch die Idee, ein untergeschobenes Kind zu sein, eine bedeutende 
Verstärkung, er hielt sich selbst für den Stiefsohn und ließ in 
Anlehnung an ein Märchen in seinen Phantasien seine Mutter als 
böse Stiefmutter in glühenden Schuhen tanzen. In seiner Ausge- 
staltung der Höllenqual verschafft er sich die dauernde Wiederholung 
eines entscheidenden Lust/moments seines Lebens. Die Inzestsohranke 
gestattet nicht, diesen Mdment deutlich wieder zu beleben, nur die 
äußeren Umstände sind als Material benutzt. Die Neuritis ist als 
Abschlagszahlung auf die drohende Strafe der Ewigkeit zu betrachten. 
In den letzten Jahren hat sich auf allerlei Wegen die Idee 
der Seelenwanderung bei uns eingeschlichen. Die Wunscherfüllungen 
liegen dabei so offen zu Tage, daß es kaum nötig ist, auf Einzelheiten 
einzugeben. Wenn beispielsweise ein Mann fürchtet als Weib wieder 
zur Welt zu kommen, oder eine Frau als schwer geplagter Arbeiter, 
so ist die Begründung ohne weiteres gegeben. Ich erwähne hier nur 
kurz eine Dajme, die im zweiten Leben als Magd bei einer brutalen 
Herrin wieder zu erscheinen glaubte. Die Phantasie war bedingt 



Wunscherfüllungen der irdischen und göttlichen Strafen. ^27 

durch ein selten enges Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer; gewalttätigen 
Mutter und durch eine frühzeitige homosexuelle- Neigung zu einem 
Dienstmädchen. Eine Verstärkung erhielt sie durch einen außer- 
gewöhnlich starken Selbstbefriedigungstrieb. Da das Dienstmädchen 
symbolisch die weiblichen Sexualorgane, vertritt, wird sie durch ihre 
Verwandlung in eine Magd ganz und gar Wollustorgan Diese 
Wunscherfüllung der Onanie läuft auf dasselbe hinaus wie die weit 
verbreitete Idee, als Tier wieder auf die Welt zu kommen. Dem 
Tier ist die Befriedigung jedes tierischen Triebes erlaubt, niemand 
macht ihm einen Vorwurf daraus. Die Wahl der Tierart läßt sich 
als nicht zu unterschätzendes, Mittel, in das Unbewußte vorzudrin- 
gen, verwenden. Aus einer ähnlichen Wunscherfüllung scheint mir 
übrigens die Angst vor dem Verrücktwerden einen Teil ihrer Kraft 
zu beziehen; auch dem Verrückten ist wie dem Tiere alles erlaubt . 

Zum Schlüsse teile ich noch die Seelenwanderungsphantasie einer 
jungen Dame mit, die ein eigentümliches 1 Licht auf die Entstehung des 
Absehens und Ekels aus Verdrängung wirft. Bei der Analyse dieser 
kranken tauchte von Zeit zu Zeit die Gestalt eines bestimmten Mannes 
auf, eines Ereundes ihres Vaters. Sein Name wurde von ihr stets 
mit allen Zeichen intensiver Verachtung genannt und wenn sie ihm 
hie und da begegnet war, trat regelmäßig eine ungewöhnliche Ver- 
schlimmerung aller Symptome auf. Als ich ihre Ansichten über 
Seelenwanderung analysierte — sie gehört zu den strebenden Erauen 
und beschäftigt sich infolgedessen mit indischer Philosophie — , er- 
klärte sie sofort, sie werde im zweiten Leben in ein Bordeil kommen 
Diese Art der Selbstbefriedigung durch den Glauben ist ungefähr 
dasselbe wie die Idee des Tierwerdens, und darf wohl als Ausdruck 
des üblichen gut bekannten Hetärenwunsehes aufgefaßt werden 
überraschend war aber nun, daß sie sich ausmalte, gerade dieser ihr 
besonders ekelhafte Mann erhandle sie sich von der Bordellmutter 
und bringe die Nacht mit ihr zu. Diese Nacht, dieses Zusammen- 
sein mit dem verhaßten Manne füllte sie nun mit extremen Wollust- 
phantasien aus, die alias, was ihr angeblich ekelhaft war, zur Vollkom- 
menheit des Genusses verwendeten. Von dieser Mitteilung an, die ja 
deutlich die Stärke und Dauer einer mit allen möglichen Komplexen 
zusammengeschweißtem Verdrängung zeigte, ist die bis dahin verzö- 
gerte Besserung bis zur endgültigen Heilung rasch fortgeschritten 
Ich habe diese Bruchstücke von Analysen unter dem einseitigen 
Gesichtspunkt der Wunscherfüllung gesammelt, weil mich die ärzt- 
liche Tätigkeit gezwungen hat, in allen Lebensverhältnissen diese 
charakteristische Eigentümlichkeit des Traums zu suchen. Einseitige 
Betrachtungsweise ist gut, wenn man nur von Zeit zu Zeit die 
Stelle wechselt, von der aus man beobachtet. 



15* 



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Analyse einer infantilen Zwangsneurose. 

Von Eugenia Sokolnicka, lic. es sc. de la Sorbonne (Warschan). 

Ein Arzt schickte mir im April 1919 einen zehneinhalbjährigen 
Knaben zur Analyse. Das Kind war für sein Alter klein, sehr 
abgemagert; es litt an mannigfaltigen Zwangszuständen. Er konnte 
nichts anrühren, so daß die. Mutter ihn anziehen und füttern mußte. 
Wenn jemand, vor allem die Mutter, etwas mit einer Hand anrührte, ■ 
mußte der betreffende Gegenstand an dieselbe Stelle .zurückgelegt 
werden, dann mußte dieselbe Handlung mit der zweiten, dann mit 
den beiden Händen ausgeführt werden. Besonders empfindlich war 
er, wenn man einen Gegenstand neben einen anderen gelegt hatte. 
Er selbst wollte absolut nichts anrühren ; wenn es zufällig geschah, 
mußte die Mutter das Zeremoniell ausführen. Jede Handlung war 
demzufolge mit so vielen Zeremonien verbunden, daß sie oft viele 
Stunden in Anspruch nahm. Die Mutter bat mich, eine Nachmittags- 
stunde für sie zu reservieren, da sie bis 12 1 / 2 Uhr, wie wir es 
anfangs bestimmt hatten, nicht mit dem. Anziehen des Knaben fertig 
sein konnte. Das Kind hungerte förmlich, weil es beim Essen jeden 
Bissen einige- oder mehreremal in die Hand der Mutter ausspuckte, 
da er „nicht richtig" in den Mund hineingeschoben war. Vor dem 
Essen mußte er, ebenso wie die Mutter, eine bestimmte Stellung ein- 
nehmen; wenn ein Fuß sich etwas nach vorwärts schob, mußte ein 
Zeremoniell geschehen, bis die beiden vollkommen in einer Linie 
waren usw. Wenn etwas gegen den Zwang geschah, krümmte er- 
sieh, förmlich vor Schmerz. Sehr oft wurde er dabei geistesabwesend, 
geriet dann in Wut, warf sich auf die Mutter, riß ihr die Kleider 
ab, verdrehte ihr so kräftig wie er nur konnte die Hände, oft biß 
er sie (als sie zum erstenmal zu mir kam, zeigte sie mir an d<&r 
Wange eine Narbe nach seinem Bisse) ; dann bekam er Weinkrämpfe 
und ließ sich kraftlos in einen Sessel nieder. Auf Grund dieser 
Geistesabwesenheiten stellte einer der bekanntesten Neurologen in 
Warschau die Diagnose der Epilepsie. Wenn man ihm später erzählte, 
was er in diesen Zuständen mit der Mutter trieb, weinte der Kleine 
und bat um Verzeihung. Bei normalem Bewußtsein war er immer 



Analyse einer infantilen Zwangsneurose. 229 

ein folgsames, artiges, eben 1 zu artiges Kind. Außer den Zwangs- 
zuständen litt er fortwährend an starkem Kopfweh und beklagte 
sich, daß „in seiner Brust ein Stein liegt, der reibt". Er rüttelte sich 
fortwährend, da der Stein ihn geniere, und hatte überhaupt keinen 
Moment der Ruhe. Das Kind besuchte vor der Krankheit ein Staats- 
gymnasium in Minsk, lernte sehr gut und zeigte sich sehr begabt. 
Ich bin kaum im stände, den Grad seiner Denkhemmung zu schil- 
dern, er konnte meist überhaupt nicht denken, da das Kopfweh ihn 
daran hinderte. 

Die Krankheit brach während des Aufenthaltes in Minsk unter 
der bolschewistischen Regierung aus, wo die Bevölkerung, besonders 
die jüdische (auch seine Familie), starke Erschütterungen erlebte. 
Der Großvater ist vor der Einrückung der Bolschewiken durchge- 
gangen; man hatte den Abwesenden zur Strafbezahlung von 100.000 
Rubeln verurteilt, so daß der Vater des Knaben, um den Verfolgungen 
ebenso wie sein Vater zu entgehen, auch die Flucht aus der bolsche- 
wistischen Stadt ergreifen mußte. Die Großmutter wurde verhaftet, 
aber bald wieder auf freien Fuß gestellt. Die Familie hat einige 
rücksichtslose Hausdurchsuchungen erlebt ; kurz, man mußte fort- 
während um. das Leben zittern, was das empfindliche Kind stark 
erschüttert hatte. 

Die Mutter erzählte mir, die Krankheit manifestierte sich zu- 
erst dadurch, daß er auf der Straße fortwährend die beiden Füße 
abwechselnd aufhob und die Sohlen anschaute., (Im Laufe der Analyse 
kamen immer neue Zwangshandlungen zu stände. Ich kann nicht 
sagen, ob sie alle als „passagere Symptome" auftraten oder ob die 
Mutter mir darüber anfangs zu berichten vergessen hatte.) Er und 
die Mutter waren durch die Krankheit gemartert; die Mutter mußte 
alle Zwangszeremonielle, also eigentlich, die Krankheit, mit ihm 
durchmachen, und so nahm er sie fast ausschließlieh in Besitz. 
Auffällig war für die Eltern, daß er, der früher ganz lieb zum 
Vater war und vom Vater geliebt wurde, seit der Krankheit sieh 
nicht von ihm küssen ließ, nicht mit ihm ausgehen, nicht einmal 
mit ihm zu Hause bleiben wollte. Dagegen ließ er die Mutter 
nicht von sich weg. 

Die Behandlung, die im ganzen sechs Wochen dauerte, war keine 
Psychoanalyse im strengen Sinne des Wortes. Der Patient träumte 
sehr wenig, die ersten Wochen überhaupt nicht, dann selten und 
bruchstückweise ; während dieser sechs Wochen bekam ich bloß 
einige wohlgebildete Träume, wie man sie in anderen Fällen regel- 
mäßig zu hören bekommt. Anfangs befaßte ich mich auch aus- 
schließlich damit, den äußerst verschlossenen schweren Charakter 
des Knaben und seine Denkhemmung zu überwinden, um irgend 



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230 Eugenia Sokolnicka. 

einen Kontakt mit ihm zu erzwingen. Es war also eine halb ana- 
lytische, halb pädagogische, aber auf das analytische Verständnis 
gegründete Einwirkung meinerseits. 

Es fielen mir insbesondere zwei Details bei seinen Zwangshand- 
lungen! auf : Erstens, warum es ihn am meisten reizte, wenn man einen 
Gegenstand über einen anderen legte, warum der Weg vor jedem 
Gegenstände, der geschoben werden sollte, frei sein mußte? Und 
zweitens, warum alles 1 gleich mit beiden Händen angefaßt, sonst 
aber die Bewegung durch ein ganzes Zeremoniell gut gemacht wer- 
den mußte, wenn es irrtümlich nur mit einer Hand angerührt wurde? 
Ich bat ihn, mir dazu die Einfälle zu sagen, und ob er etwas über 
die Entstehung dieses sonderbaren Zwanges wisse. Er erzählte mir, 
daß er einmal, bevor er erkrankte, auf die Galerie, die um das Haus 
lief, durch das Fenster klettern wollte; die Kinderfrau der um vier 
Jahre jüngeren Schwester sagte ihm, das dürfe man nicht; wenn 
er es tue, wird ihn der liebe Gott damit bestrafen, daß er zu wachsen 
aufhört. Und er tat es doch. — „Was! ist es denn aber mit der Ver- 
legung der Gegenstände neben ein Hindernis?" — „Wenn man es tut, 
wird der betreffende Gegenstand nicht wachsen, die Hand, die es 
tut, wird kürzer. Da muß man 1 den Gegenstand mit derselben Hand 
zurücklegen, mit der anderen Hand hin und zurück verlegen, dann 
erst mit beiden Händen die Handlung ausführen, dann wird wieder 
alles gut." — „Glaubst du denn, daß 1 die Gegenstände wachsen?" 
„Nein, jetzt nicht mehr, aber einst habe ich es geglaubt." 

(Da wurde es mir klar, daß es 1 sich um die Durchbrechung eines 
Verbotes und Vorbeugung der Strafe des lieben Gottes handelt. Bald 
erfuhr ich, wie unerschüttert der Glaube des Kindes an seine All- 
macht war, wie die ganze Krankheit und auch die Genesung in 
seiner und nicht in meiner Macht liegt.) 

„Nun gut, wie kommst du aber dazu, die Mutter zu zwingen, 
dasselbe zu tun; die wächst ja nicht mehr?" — Ich erinnere mich 
nicht genau an seine Antwort, weiß aber, daß es: sich um Vorbeugung 
einer Krankheit bei der Mutter handelte. 

Bald nach dem Anfang der Kur, etwa nach einer Woche, stieß 
ich auf ein unerwartetes Hindernis, nämlich auf ein Geheimnis, das 
zu verraten dem Knaben unmöglich war, auf ein förmliches Tabu. 
Interessant war, wie er betonte, daß, wenn es irgend jemand weiß, 
dann überhaupt kein Geheimnis: mehr ist, dann können es 1 alle 
wissen. Das darf nicht einmal Mama wissen, der er sonst alles 
sagt. Er darf überhaupt nicht von diesem Thema reden, auch dar- 
über nicht, warum er es niemandem sagen darf, auch nicht, wenn 
davon seine Gesundheit abhängig ist. Alle meine direkten wie in- 
direkten Bemühungen blieben tagelang erfolglos. Da ließ ich die 



Analyse einer infantilen Zwangsneurose. 



231 



Sache stehen und lenkte meine Aufmerksamkeit in andere Richtung. 
Bis hieher hatten wir kein Wort über das Sexuelle gesprochen; 
meiner Versicherung, er dürfe alle s fragen und er werde auf alles 
Antwort bekommen, folgten keine Fragen in dieser Richtung. Da 
dachte ich mir: Vielleicht komme ich auf diesem Wege irgendwie 
auf das Geheimnis. Bald darauf erwähnte der Kleine in einem Ge- 
spräche, das Dienstmädchen hätte geheiratet und demzufolge das 
Haus verlassen. — ■ „Was heißt das (geheiratet'? Verstehst du es?" 
• — „Das darf ich nicht wissen,, ich bin zu klein dazu." — „Hat dir 
das jemand eingeredet?" — „Ich weiß dasi selbst." — ■ Nun erklärte 
ich ihm, wie falsch eine solche Meinung sei; in ihr sei schon ein 
Stück Wissen enthalten, doch bestimmt falsches Wissen. Nur die 
Menschen machen manche Dinge eben durch so ein falsches Wissen 
häßlich, Dinge, die es an sich nicht sind und nicht sein können, 
weil nichts in der Natur häßlich ist. Solche Beschränkungen, die 
er selbst gegenüber seinem eigenen Wissen stellt, übergehen dann 
auf die ganze Welt, auf sein Wissen überhaupt; deswegen könne er 
nicht lernen, und von der Bemühung, nicht zu denken, habe er 
solches Kopfweh. Ich sichlug ihm vor, aus diesem häßlichen Thema 
naturwissenschaftliche Unterhaltungen zu machen, damit auch er 
erfahre, was andere Kinder in seinem Alter schon wissen. Einige 
, Tage dauerte diese sexuelle Aufklärung, die ich anschaulich mit 
der Befruchtung der Blumen begann und wobei ich ihn selbständig 
Schlüsse zu ziehen bewog. Dann kehrte ich unmerklich zum Ge- 
heimnis zurück und sagte, ich helfe ihm, wie ich nur kann, aber 
jetzt weiß ich nichts mehr, was ihn noch quälen kann; be- 
stimmt das! Geheimnis, weil es Gründe haben muß, so verborgen 
zu bleiben; jetzt muß er mir helfen, damit ich ihm dann weiter 
helfen kann (er fühlte sich schon damals erleichtert); er soll mir 
also „das Geheimnis" anvertrauen. Er wollte nicht versprechen, 
daß er es mir am nächsten Tage verraten wird ; so groß war die 
Ehrlichkeit und die Wahrheitsliebe dieses Kindes, daß er nie etwas 
versprach ohne vollkommene Sicherheit, das Wort halten zu können ; 
er blieb dabei, er werde sich die Sache bis morgen überlegen. Endlich 
bekam ich folgendes Geheimnis zu hören : Sein Freund in Minsk, namens 
Monja, erzählte, daß er gegen die l Bolschewiken ein bewaffnetes Auto- 
mobil besitze. Es war alles darin, was nur zur Beseitigung des 
Feindes und zum Durchgeben nötig sein könnte. Das Auto war 
mit der Wohnung Monjas elektrisch verbunden und werde sich 
melden, sobald die Gefahr' da ist. Ein' echtes „Tischlein, deck dich" 
aus dem Märchen, nur mit den neuesten modernen Erfindungen aus- 
gestattet. Mit dem Auto wollte Monja seine Familie und auch die 
des kleinen Patienten vor den Bolschewiken retten. 



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232 Bugenia Sokolnicka. 

Nichts Sexuelle^ also, dagegen ein Zauber, in den niemand ein- 
geweiht sein durfte, sonst könnte er seine Kraft verlieren. Der 
Freund ist dabei der Starte, der große Zauberer. Ich muß sagen, 
das Wort „Zauberer" übte auf meinen Patienten eine magische Wir- 
kung aus. Er war davon entzückt, als ob er schon lange auf dieses 
Wort gewartet hätte. Bei der Deutung der Träume, an der er sich 
später eifrig mit mir zusammen beteiligte, konstatierte er immer mit 
Freude, wenn sich die Gelegenheit dazu bot, er sei wieder einmal 
der Zauberer. 

Seitdem erschien Monja spontan jeden Moment in unseren Ge- 
sprächen. Monja wußte vieles, was dem anderen unbekannt blieb, 
er weihte ihn (auf seine Art) in die sexuellen Geheim- 
nisse ein: so erfuhr der Patient, daß die Kinder dadurch auf die 
Welt kommen, „daß der Mann sich auf das Weib hinlegt". Monja 
war physisch stärker, dabei den Eltern gegenüber frech' und un- 
artig, wurde von ihnen oft beschimpft und geschlagen, auch in der 
Beziehung also dem schüchternen, immer artigen, von den Eltern 
äußerst verwöhnten Knaben überlegen, bis 1 zum Moment, wo auch 
der Patient Lust bekam, frech und' unartig zu sein, und es erst in den 
Geistesabwesenheiten erreichen konnte. Dabei entflammte Monja die 
Einbildungskraft des Kleinen in sadistischer Pachtung: er erzählte 
ihm die bekanntesten Detektivromane — er war in dieser Richtung 
sehr belesen — , auch von furchtbaren chirurgischen Operationen, die 
mit den großen, mit Sprungfedern ausgestatteten Messern ausgeführt 
wurden. Nach der sexuellen Aufklärung fragte mich der Kleine oft 
über die Geburtsoperation aus, über die Geburtszange usw. Einmal 
äußerte er dabei: „Ich kenne einen Herrn, der immer den Kopf 
nach oben halten muß, ,in den Himmel schauen' ; kommt das vielleicht 
davon, daß er mit der Zange aus dem Mutterleibe herausgeholt 
wurde ?" 

Jetzt werde ich zu beschreiben versuchen, wie allmählich die 
Symptome binnen der sechswöchigen Kur' verstehwanden. Ein Sym- 
ptom hat das andere ersetzt und es meldeten sich immer neue. Viele 
waren eine Vereinfachung der verschwundenen, z. B. wenn man an 
ein Möbelstück mit dem Körper anstieß, mußte man es mit der 
anderen Seite des Körpers, berühren. Oder: beim Gehen auf der 
Straße rieb er mit dem Füße an den Schuh der Mutter und ging 
sofort an ihre andere Seite, um dort dasselbe zu tun. Eine Zeitlang 
machte er Bewegungen mit beiden Händen in der Gegend der Nase; 
so machte, wie mir die Mutter erzählt hat, ein Wahnsinniger in 
Minsk; der kommt auch in einem der Träume des Knaben vor. 

Eine Zeitlang erlaubte er nicht, daß man an das Bett der 
Mutter, mit der er zusammen schlief, herantrete, da eine Seite des 




Analyse einer infantilen Zwangsneurose. 233 

Bettes an die Wand stieß; tat es jemand doch, kletterte er quer 
über das Bett. — Zuletzt fügte er jeder affirmativen Aussage eine 
Verneinung zu, z. B. : gib mir Tee, gib mir nicht Tee ; ich will, ich 
will nicht; ich verstehe, verstehe nicht usw. 

Leider besitze ich sehr wenig Notizen über den Fall, die ersten 
beziehen sich auf einen Traum, einen Monat nach dem Beginn der 
Kur. Soweit ich mich erinnere, hat 'er bis: dahin wenig geträumt, und 
ging die Analyse der Träume sehr schwer von statten. Im ganzem 
habe ich bloß drei Träume notiert. loh muß mich also mehr auf 
die allgemeinen Eindrücke und Erinnerungen, auf die pädagogischen 
Mittel, die ich angewandt habe, als auf das psychoanalytische Material 
stützen. Bald nach dem erwähnten Gespräche, worin er mir den 
Ursprung des Symptoms der Verlegung der Gegenstände verriet, 
verschwand es. Bei derselben Gelegenheit versuchte ich, ihm zu 
erklären, was der Stein in der Brust, der ihn so reibt, bedeutet; es 
sei eine Gewissensunruhe, eine bildliehe Darstellung des Ausdrucks 
„ein Stein drückt mich am Herzen". Auch dieses Symptom ver- 
schwand ziemlich rasch. Erst im späteren Verlauf der Kur gelang 
es mir, ihm die Geistesabwesenheiten auf folgende "Weise abzuge- 
wöhnen: Sehr bald bemerkte ich, daß diese Zustände nur ober- 
flächlich waren, und daß sie den einzigen Weg — außer dem sym- 
ptomatischen, aber viel einfacher als dieser — darstellten, elterliche 
Verbote zu überschreiten. Es war einfach eins Unart, durch die 
Bewußtlosigkeit gedeckt, seine Bache an der Mutter, die ja so „un- 
artig" war, die Kinder mit dem Vater zu zeugen. Ich machte ihn 
darauf aufmerksam, wie merkwürdig es war, daß bei ihm, einem 
sonst immer so artigen Buben, die bewußtlosen Zustände sich bloß 
dadurch manifestierten, daß er das tat, was die anderen Kinder in 
ihrer Unart gewöhnlich tun: er knirscht mit den Zähnen, beißt die 
Mutter, zerreißt ihr die Kleider usw. Da bat ich die Mutter vor 
ihm, sie möge ihm jedesmal trotz seiner Tränen alles erzählen, was 
er während der Geistesabwesenheit treibt. „Sei lieber bewußt un- 
artig und gegen Mama wütend — scherzte ich — , ich verspreche 
dir, nach deiner Gesundung wirst du wieder einmal artig." Dann 
bemühte ich mich, ihm zu beweisen, daß diese Zustände fast reine 
Simulation sind. Einmal rief ich gelegentlich absichtlich einen 
solchen Zustand hervor, und als er 1 sich auf die Mutter werfen wollte, 
faßte ich ihn kräftig an beiden Händen und ließ ihn auf einen 
Sessel sinken. Da schrie er wie besessen: „Mama, Mama," und ich 
ließ die Hände nicht los und wiederholte: „Du bist bewußtlos und 
rufst die Mama; wie so weißt dir dann, daß nicht die Mama bei dir 
ist?" Als ich dabei mit ihm scherzte, ihm die Nase kitzelte, wehrte 
er sich dagegen. Als wir schon ganz gute Freunde waren, und er 



234 Eugenia Sokolnicka. 

sich wirklich davon überzeugte, daß ich mich ehrlich um seine 
Gesundheit bemühe und ihn von vielem schon befreit hatte, ver- 
langte ich von ihm Opfer. Ich erklärte ihm, er habe eigentlich zwei 
Krankheiten: die eine echte, die man ärztlich behandeln muß, die 
andere scheinbare, dadurch entstanden, daß die Eltern einem kranken 
Kinde alles zuliebe machen, weil sie Angst vor seinen Tränen und 
vor seiner Geistesabwesenheit haben, und seine ungerechten "Wünsche 
erfüllen, um jenen Zuständen vorzubeugen. Dieser Weg ist aber 
dem Kinde schädlich, es lernt aus der Krankheit Nutzen und Privi- 
legien zu ziehen. Diese zweite, unechte Krankheit ist so weit gefähr- 
lich, als man der ersten so lange nicht Herr werden kann, bis der 
Kranke auf die Vorteile dieses' Krankseins verzichtet. Man könne 
sich größere, auf Gesundheit gegründete Freuden schaffen, als die, 
bei denen man das wenige Vergnügen mit so vielen Quälereien be- 
zahle. Das gescheite Kind verstand und glaubte mir. Ich schlug 
ihm vor: am besten wir gehen sofort zur Mama (die immer im 
Nebenzimmer auf ihn wartete) und du wirst sie selbst bitten, keinen 
deiner Wünsche zu erfüllen, wenn du durch die Absage geistes- 
abwesend, also wütend wirst ; du wirst auf das - Privilegium der 
Krankheit verzichten. Es war rührend anzuschauen, wie er mit sich 
kämpfte und schließlich nachgab. Bald darauf verschwanden die 
Geistesabwesenheiten. 

Ähnlich habe ich ihm die Zwangsduette mit der Mutter ab- 
gewöhnt. Am Anfang der Krankheit wurde die Mutter nur selten 
zu den Zwangszeremoniellen gezwungen, allmählich nahm das immer 
zu. Kurz vor dem Ende der Kur habe ich einfach verboten, daß 
die Mutter in dieser Hinsicht nachgebe, sie tue es aus Angst, ihm 
zu widersprechen, und habe damit, wie er schon weiß, manches in 
seiner Krankheit nur begünstigt. Er kann allein die Zwangshand- 
lungen ausführen, und 'diese werden wir schon zu heilen wissen, die 
Mutter aber will ich nicht behandeln, er muß sie also in Euhe lassen. 
Meine Entschlossenheit, neben dem Interesse und der Sympathie, die 
sie: ihm zeigte, hat, der 1 Willfährigkeit der Eltern gegenübergestellt, 
auch diesmal triumphiert. 

Die drei Träume, die ich notiert habe, werde ich zitieren, da sie 
für die Krankheit charakteristisch sind. 

Der erste Traum beweist wieder einmal, wie die berühmte Un- 
schuld der Kinder aussieht und wie diese im Grunde genommen 
doch alles, trotz der stärksten Verbote, in sich aufnehmen. Der 
Traum lautet: „In einem Kinderwagen saßen drei Mädchen mit 
weißen Schleiern auf den Köpfen. Ein Herr jagte Knaben davon." 
Während der Analyse des Traumes fügt er hinzu: ,.Der Wagen 
rollte von selbst." 



Analyse einer infantilen Zwangsneurose. 



235 



Einfälle: 



Eines von den Mädchen war der Kellnerin in einem Restau- 
rant, an welchem er auf dem Wege zu mir vorbeigeht, ähnlich. Die 
Kellnerinnen machen „Lumpereien". 

Mama hat einmal dem Papa erzählt, sie ist auf der Straße dem 
jungen Manne, dem Sohne eines ihrer. Bekannten, einem großen Tauge- 
nichts, begegnet, der mit drei Mädchen zusammenging. Papa 
sagte: „So ein Lump." Er weiß, was der Papa dabei gedacht hat, 
der junge Mann macht „das" mit den drei Mädchen. 

Den Schleier trägt man zur Trauung. Auf dem Wege zu 
mir hat er am Tage der Himmelfahrt ein kleines Mädchen, weiß 
gekleidet, mit dem weißen Schleier (zur Prozession gehend) ge- 
sehen. Der Herr, der sie begleitete, war dem ähnlich, der die Buben 
im Traume wegjagte. 

.Einen Tag vorher träumte er auch vom Wagen und sagte 
dabei, er bitte eben Mama, einen zu kaufen, in dem er in der Sommer- 
frische sein um vier Jahre jüngeres Schwesterchen spazieren fahren 
wird. 

Er behauptete auch, der Wagen im Traume hatte bloß drei 
Räder, und daß es solche gibt, ein Rad vorn und zwei Räder hinten. 

Der Tl-aum ist ziemlich klar : Aus der Dreieinigkeit im Kinder- 
wagen können wir gleich zwei Merkmale abstrahieren: 1. Das sind 
ja, die drei Mädchen, mit denen der junge „Lump" verkehrte ; 2. alle 
drei sind weiß gekleidet, wie das kleine Mädchen bei der Pro- 
zession, auch wie die Braut zur Hochzeit, was die Unschuld symbo- 
lisiert. Damit wissen wir, daß es sich um Hohn der „Unschuld" 
handelt. Der Mittelpunkt der Verdichtung ist der Kinderwagen, 
der ihn an das kleine Schwesterchen erinnert, das ja durch die 
Mutter geboren wurde; sie ist der „große Lump" = Kellnerin, 
die er am Wege zu mir sieht. So wissen wir, daß der Hohn sich 
auf die Unschuld der Mutter, auf das Geheimnis der Brauttracht, 
bezieht. Der Herr, der dem ähnlich ist, der .das Mädchen zur Pro- 
zession führte, ist niemand anderer als der, der mit den „unschul- 
digen" Lumpenmädchen verkehrt, d. h. sein Vater, der ihn vom 
sexuellen Verkehr mit der Mutter fernhält; „die Knaben d avon- 
jagt". Es handelt sich im Traume um Wut gegen die Eltern, 
die das Schwesterchen gezeugt haben. 

Die Details der drei Räder und des „Selbstrolleins" des Wagens 
(== Onanie?) wurden nicht aufgeklärt. 

Der zweite Traum, der ungefähr zehn Tage vor dem Ende 
der Kur geträumt wurde, lautet: 

„Jemand hat die Hand von Papa angerührt, und sie ist schon 



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236 Eugenia Sokolnioka. 

zusammengeschrumpft und lahm geblieben. Nein, nicht vom Papa; 
von jemandem; ja, es war Papa; ich weiß nicht, ob es Papa oder 
ein anderer war. Dann waren ich, Mama, Papa und die kleine 
Schwester aufgestellt (beschreibt genau wie) und ein Mann hat meine 
beiden Hände angerührt und die sollten ebenso zusammenschrumpfen 
und lahm bleiben. Papa sagte zu diesem Manne jüdisch: ,Da steht 
er wieder da.' Im großen Schmerze rief ich: ,Wie unglücklich bin 
ich,' und fiel auf einen Sessel nieder." Er erwachte in solchem 
Schreck, daß er die Mama weckte und sie nicht weiter schlafen ließ. 
Dann setzte er hinzu : „Es scheint mir, ich habe noch etwas gedacht. 
Jemand, vielleicht war das der Großpapa, wollte einem Manne eine 
Kra,ft abschwindeln; das Gas, das Telephon, 100.000, das war die 
Kraft." 

Schon während der Analayse sagt er undeutlich: im Traame 
heilte der Papa auch durch ein Anrühren. 

Einfälle: Er beginnt damit, er wisse schon, er sei wieder 
einmal ein Zauberer im Traume gewesen. 

Der Mann, der seine beiden Hände anrührte, hatte 
einen Halbpelz an, wie er sich einen für den kommenden Winter 
wünscht, auch seine Mütze war der Form nach einer Gymnasialmütze 
gleich. Der Mann war bestimmt er selbst, da einmal der Großpapa 
im Scherze sagte: „Ein so großer Bub wie er, könnte schon seinen 
Eltern helfen." Da hat er sich im Traume im Ernst als Erwach- 
senen vorgestellt. Der Mann war auch einem Beamten ähnlich, der 
bei den Eltern seines Kollegen angestellt war; er wurde von Bol- 
schewiken verhaftet und zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, be- 
freite sich aber vor der Frist. Die Bolschewiken haben den ab- 
wesenden Großpapa zu 100.000 Rubeln verurteilt. Dann haben sie 
die Großmama verhaftet, aber sofort auf freien Fuß. gesetzt. Der 
Papa mußte fliehen, weil man ihn anstatt seines Vaters - verfolgt 
hätte. Dieselben Worte wie im Traume hat einmal Papa 
jüdisch zur Mama von ihm gesagt, alsi er sich fortwährend gerade 
so hinstellte, daß er dem Papa das Schreiben unmöglich machte. 

In Minsk ging eine Wahnsinnige herum. Man sagte, wenn 
die jemandem die Hand anrührt oder bespuckt, wird man krank, 
so wie er und Papa im Traume. Er hat immer große Angst vor 
ihr gehabt, andere Kinder aber neckten sie. 

„Ich bin so unglücklich," wiederholte er oft, wenn er 
sich so sehr während der Krankheit quälte. Er konnte auch im 
Traume gar nicht die Worte hervorstoßen, ganz so wie ein Stummer 
in Minsk, der schrie und doch nichts aussprechen konnte. 

Den, der Papa anrührte, hat er gar nicht gesehen. Da- 
gegen weiß er, wieso Papa geheilt wurde, auch durch Berührung. 



Analyse einer infantilen Zwangsneurose. 237 

Als die Kinder mit Mama von Minsk zurückkehrten, wurde Papa 
sehr traurig bei der Nachrieht von seiner Krankheit, und jetzt, 
da es ihm besser gehe, ist Papa wieder froher. 

Dem Patienten habe ich nur ziemlich allgemein den Traum 
gedeutet. Er sei es, wie er sofort richtig erraten hat, der den 
Zauber ausübt. Wie aber und welchen? Der „Jemand", der „Mann", 
wie er selbst deutlich aus seinen Einfällen eingesehen hat, ist er 
selbst. Als solcher führt er zwei Handlungen aus. Erstens, ver- 
zaubert er den Vater und macht ihn zur selben Zeit krank, und 
in dieser Bolle stellt er sich als Erwachsener dar. Er identifiziert 
auch den Vater und den Großvater, da die beiden von Bolschewiken 
(der verhaftete Beamte) bedroht wurden. Zweitens verzaubert er 
sich selber, schon sehr wenig entstellt, er ist ja der unartige Bube, 
der den Vater absichtlich ärgert, indem er ihn nicht schreiben läßt. 
In seiner Bolle ist er dem Vater überlegen; von ihm hängt auch in 
Wirklichkeit, wie er mir erklärt hat, die Gesundheit des Vaters ab. 
Und dann kann er Zauberzeremonielle, wie er sie in der Krankheit 
übte und wie sie der Vater nicht kann. Es ist, als ob er dem Vater 
böse wäre, als ob er unter anderem krank wäre, um den Vater zu 
quälen. Woher aber dann die Wut, warum ist er so wütend, da er 
ja doch der Mächtige ist? Er hat eben die Ordnung der Dinge im 
Traume umgekehrt; einst war der Papa der Starke, der große Zau- 
berer, der eine geheimnisvolle, uns schon bekannte, sexuelle Macht 
(im Penis) besaß. Damit hat er den Sohn, wie wir auch schon 
wissen, wütend gemacht. In meinen sehr kärglichen Notizen steht 
nichts davon, ob ich an dieser Stelle von der Onanie gesprochen habe, 
was aber höchst wahrscheinlich ist, da wir uns darüber in der Kur 
klar geworden sind, daß er in Minsk vor der Krankheit eine kurze 
Zeit onanierte, es aber auf die Drohung der Mutter hin, daß man 
davon krank, wird, aufgab. Soweit ich mich erinnern kann, war 
das schon die zweite Periode der Onanie; die erste hat er als 
kleines, ungefähr vierjähriges! Kind, durchgemacht, wobei ihm die 
Mutter sagte, man soll die Hände immer auf der Bettdecke halten. 
Wieviel und ob ich ihm deutlich die Kastrationsangst erklärte, und 
oh im Zusammenhange mit dem Traume, was eine vorzügliche Ge- 
legenheit dazu gewesen wäre, erinnere ich mich nicht, was beweist, 
daß nicht viel davon die Bede war. Dieselbe ümkehrung wiederholt 
er mit dem Großpapa, der „jemandem" die große Macht (Gas, Tele- 
phon, 100.000) abschwindeln will ; e r wollte sie einst dem mächtigen 
Erwachsenen abschwindeln. Nicht er, sondern der Großpapa besaß 
die 100.000 Eubel. Das aber, wasi er abgeschwindelt hat, ist sehr 
verdächtig. Die echte sexuelle Macht besitzen doch nur die Er- 
wachsenen; sein Zauber (die Onanie), der aus dem Bachedurst, den 



238 Eugenia Sokolnicka. 

bösen. "Wünschen, dem Papa und Großpapa gegenüber, entstand, hat 
ihn unglücklich gemacht, ihn wie den Wahnsinnigen gehemmt, und 
ihn, wie es der Stumme war, einfach krank gemacht. 

Während der Deutung des Traumes, besonders, des zweiten Teiles, 
wurde er immer unruhiger, fast fortwährend geistesabwesend oder 
wiederholte „ja — nein", auch, daß er aufs Land gehen möchte, 
wann ich ihn entlasse? usw. 

Da. der Traum sehr charakteristisch für die Zwangshandlungen 
des Patienten ist, füge ich noch ein paar Bemerkungen dazu. Es 
handelt sich vor allem um Kastrationsangst. Die Kastrationsdrohun- 
gen hat er vielleicht vom Papa und vom Großpapa gehört, da sie 
in Minsk und auch vor dem Kriege beisammen gewohnt haben; 
oder aber handelt es sich bloß um den Vater und das Fragment mit 
dem Großvater, der ihm die Macht abschwindeln will, ist nur eine 
Andeutung, die am Anfang des Traumes schon notwendig wäre: 
warum er eigentlich den Vater verzaubert, d. h. krank machen will? 
Dabei aber macht er eine Verschiebung: „vielleicht war das der 
Großpapa". Da macht er alles, besser als der Vater: er erfindet 
den Zauber, wobei er alles selbst macht (Onanie), dabei das Zeremo- 
niell, das die Lähmung der Hände aufdeckt. Für den eventuell 
kastrierten Penis aber bekommt er zwei neue. (Im Traume verzau- 
bert er dem Vater eine Hand, sich selber aber beide. Die Hand 
ist ja bloß ein Symbol des Penis.) 

Und so viele, eben zwei Hände, eventuell zwei Seiten des Kör- 
pers, benützt er in allen Zwangszeremoniellen x ). Da ist, scheint es, 
nur die Wiederholung von Details im ersten Traum: Ein Rad, 
zwei Räder, das Selbstrollen. 

Es entsteht noch die Frage: wober stammt der große Schreck 
im Traume, der ihn nicht mehr schlafen und die Mutter wecken läßt? 
Stammt er von einem tief im Unbewußten schlummernden Material? 
Nein, er kommt von der nahenden Erkenntnis, die sich auf den 
Mechanismus der Krankheit selbst bezieht und sich in den Traum 
Eingang verschafft. Das ganze war seinerseits kein echter Zauber, 
sondern ein mißlungener Sehwindel, der ihn unglücklich gemacht hat. 

Zwei Tage später träumt er: 

Papa ist in Minsk eingerückt, bekam aber vier Monate Urlaub. 
Mama und er liefen fortwährend die Stiegen auf und ab. In dem- 
selben Zimmer, wo man die Männer musterte, war eine Seihe auf- 
gestellter Weiber. 



J ) Analogie mit den symmetrischen Zwangshandlungen, von denen Dr. Fe- 
renozi berichtete. 



Analyse einer infantilen Zwangsneurose. 239 



Einfälle: 



Der Vater ist in Minsk eingerückt, wurde aber wegen chro- 
nischen Schnupfens entlassen. 

Ein mehr als dreimonatiger Urlaub existierte überhaupt nicht 
im russischen Heere, aber er hat sich gedacht: einen vierten hätte 
man doch vielleicht gegeben. 

Die aufgestellten Weiber waren Frauen und Mütter, die auf 
ihre gemusterten Männer und Söhne warteten. 

D e u t u n 1 e*. 



'S' 



Ich. erkläre ihm, was der viermonatige Urlaub bedeute; da man 
maximal drei Monate bekommen konnte, den' vierten wäre schon Papa 
an der Front gewesen. Und was passiert denn im Felde? Mehr 
oder weniger deutlich antwortet er, daß. man im Felde fallen kann. 
Und Mama war ja nicht unter den Frauen, die ihre Männer ab- 
warteten, da sie mit ihm die Stiege auf und ab lief. Dabei erklärte 
ich ihm das Symbol „die Treppe steigen". Er antwortet nichts, 
einen Moment später erzählt er alle Detektivgeschichten, die ihm 
der in dieser Bichtung so belesene Monja erzählt hat : von Sherlock 
Holmes, Arsene Lupin und Pinkerton, und welchen starken Eindruck 
die Erzählungen auf ihn machten, und wie die Mutter von Monja 
ihren Sohn dafür schimpfte, und wie Monja für sie beide solche 
Samtmasken genäht hat, wie sie die Banditen in einer der Ge- 
schichten trügen. 

Am nächsten Tag erklärte mir die Mutter, der Kleine war den 
ganzen Tag furchtbar nervös, beklagte sich, daß ich ihm einreden 
wollte, er möchte seinen Vater töten, oder daß er sich wünsche, daß 
man den Vater töte. Da fügte er energisch (schon bei mir) hinzu: 
„Ich lasse mich nie überzeugen, daß ich so 'was denke." So hat er 
Schlüsse gezogen, die erst angedeutet wurden. 

Wie bereits gesagt, vertraten während der Behandlung immer 
neue Zwangshandlungen die verschwundenen. Ob vorübergehend ge- 
schaffen oder nur erinnert, waren sie bestimmt für die Etappen der 
Kur charakteristisch. Sie wurden immer einfacher und überhaupt 
waren die Zwangssymptome nur scheinbar kompliziert, im Grunde ge- 
nommen aber einheitlich. Ihr Ausgangspunkt war die Überschreitung 
eines Verbotes (das Klettern durch das Fenster anstatt durch die 
Tür 1 ). (Im letzten Grunde Onanie.) Das, Gemeinsame aller Zwangs- 
handlungen war: 1. Das Anrühren; eine Verzauberung, die 
Überschreitung des Verbotes vermag (= Onanie, als Ersatz für den 

*) Dr. Geza E ö h e i m hat mich aufmerksam gemacht, daß diese Handlung, 
ebenso wie das Überschreiten eines Körpers, im Folklore ein bekanntes Symbol 
des Koitus ist. 



94.Q Eugenia Sokolnicka. 

sexuellen Verkehr). 2. Das Zeremoniell; eine Entzauberung, 
die Vorbeugung der Folgen des Anrührend (= Kastration und Krank- 
heit infolge der Onanie) erzielte. 

Interessant ist, daß sich als letzter Zwang die fortwährende 
Verneinung des Gesagten manifestierte (will, will nicht, Tisch, nicht 
Tisch Usw.). Dies scheint der äußerste Ausdruck der Vereinfachung 
zu sein; der Kern der Ambivalenz selbst. Ein paar Tage vor der, 
Beendigung der Kur, d. h. vor seiner Abreise in die Sommerfrische, 
bat ich ihn, mir zu erklären, warum er dieses „nein" zu allem schon 
Gesagten nachträglich hinzufügt. Da erklärte er: „Nehmen wir 
am, Mama vergißt mir den Tee zu geben, da bitte ich: Mama, gib 
mir Tee; und dann füge ich hinzu: gib mir nicht Tee. Es ist, 
als ob ich gar nichts gesagt hätte, und Mama weiß doch, daß sie 
mir Tee schenken soll." Ist diese Erklärung nicht ein schöner 
Beitrag zur Psychologie der Entstehung seiner Zwangshandlungen? 

Am Tage vor der Abreise, nach einem ganz rührenden Abschied, 
bat ich ihn., mir zu versprechen, sich auf dem Lande selbst anzu- 
ziehen, also alles anzurühren. Er gab das Versprechen nicht — da 
es bei dem kleinen Ehrenmanne immer ein echtes Ehrenwort be- 
deutete — und sagte nur, er werde sich bemühen, meinen Wunsch 
zu erfüllen. Ein paar Wochen später besuchte mich die Mutter 
und erzählte, die Bemühungen glückten vollkommen. Übrigens sagte 
mir die Mutter, meine Autorität wäre so groß, daß man alles bei 
ihm mit Berufung auf meinen Namen erreichen könne, welchen Er- 
folg man, vor allem der Entlarvung seines Systems zuschreiben kann, 
die dabei ohne jede Spur von Beschämung vor sich ging. Wie mir 
auch die Mutter sagte, ging es meinem Patienten sehr gut. Es 
ließen sich noch manchmal Spuren der überstandenen Krankheit 
merken, sonst nichts. Er ist meistens sehr froh, wird ein immer 
größerer Spitzbube, sieht vorzüglich aus. Ein paar Wochen später 
hat mich die Mutter noch einmal, diesmal mit dem Knaben zu- 
sammen, besucht, ich war aber anläßlich der Sommerferien eben 
abgereist. Sie besuchten damals auch den Arzt, der sie zu mir ge- 
schickt hatte, und der ihn auch in vollkommen gutem Zustand be- 
funden hat. Die Kur sollte nach den Sommerferien fortgesetzt 
werden, ich bin auch jetzt der vollkommenen, dauernden Heilung 
nicht sicher. loh habe ihn' aber nicht mehr gesehen, was entschieden 
dafür spricht, daß es ihm ganz gut geht, da die Eltern — wenig 
zivilisierte Juden — sonst Angst gehabt hätten, ich hätte sie aus- 
nützen wollen, und darum auf der Fortsetzung der Analyse bestanden 
hätten. 

Ich habe mich oft gefragt, wie soll man das rasche Verschwinden 
des scheinbar so argen Zustandes des Patienten erklären? Und ich 



Analyse einer infantilen Zwangsneurose. 



241 



bin zu folgenden Schlüssen gekommen : Die Zwangsneurose hat trotz 
der starken konstitutionellen Veranlagung des Kindes nicht Zeit 
genug gehabt, um sich zu einem tiefgreifenden System auszubilden: 
erstens, weil der Patient so jung war, zweitens, weil er rasch, ein 
halbes Jahr nach der Erkrankung, zur Behandlung gelangte. Alles 
übrige, was außer der Zwangsneurose die Krankheit bildete, war 
einfach eine Unart, die sich feig hinter die hysterische Komponente, 
die sich ja fast immer mehr oder weniger mit der Zwangsneurose 
vergesellschaftet, geflüchtet hatte. 

Der Erfolg, den ich mehr dem pädagogisdh-psycbologischen Ein- 
griff, wobei allerdings der psychoanalytisch geschärfte Blick behilf- 
lich war, als der methodischem Analyse verdanke, ließ mich ver- 
stehen, durch welche Mittel andere Psychotherapeuten außerhalb der 
Psychoanalyse parallele Erfolge erreichen. 

Das Hauptmittel jeder erfolgreichen Seelenheilung und Päd- 
agogik war immer die Übertragung, wenn sie auch von den Ärzten 
und Erziehern entweder unsystematisch oder unbewußt angewandt 
wurde. Die Psychoanalyse hat mit Hilfe der Systematisierung der 
Übertragung und der freien Assoziation die Bewußtmachung des 
Verdrängten ermöglicht. Wenn wir diesen Kurbehelfen die pädago- 
gische Bekämpfung des sekundären Krankheitsgewinnes hinzufügen, 
haben wir nicht nur das Rüstzeug der psychoanalytischen Therapie 
bereichert, sondern wahrscheinlich alles, was an anderen Seelenheil- 
methoden brauchbar ist, auch für unsere Zwecke nutzbar gemacht. 



Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. YI/3. 



16 






Die Bedeutung des Überschreitens. 

Von Dr. Geza Roheim. 

Die Analyse des oben mitgeteilten Falles von Frau Dr. S o k o 1- 
11 i c k a ist, meines Erachtens, von ganz besonderem Interesse, da wir 
es hier mit einem Fall zu tun haben, wo der Ausgangspunkt einer 
individuellen Neurose, das Trauma, im Volksglauben zu suchen ist. 
Erstens ist damit wieder einmal die Wesensgleichheit der indivi- 
duellen und kollektiven Verdrängungsformen der Urtriabe erwiesen, 
und zweitens läßt es sieh 1 hoffen, daß Individualanalyse und Völker- 
psychologie hier gegenseitig erläuternd herangezogen werden können. 
Der Ausbruch der Phobie wird durch- die Mitteilung der Amme 
veranlaßt: man dürfe das Kind nicht über das; Fenster heben, da 
es dann nicht mehr wachsen würde. In Mecklenburg beißt es: 
ein Kind darf man nicht durchs Fenster hinausreichen, sonst wächst 
es nicht; oder auch: es darf kein erst wachsender Mensch durch 
ein Fenster aus- oder einsteigen, er nehme denn denselben- Rückweg. 
Reicht jemand einer anderen Person das Kind zu durch eine Öff- 
nung, welche zu niedrig ist, als! daß ein erwachsener Mensch in der- 
selben stehen könnte — durch ein Fenster oder eine Luke — , so 
muß dasselbe durch eben diese Öffnung zurückgegeben werden, sonst 
erreicht es später nicht die Größe eines erwachsenen Menschen *). In 
Holstein, Mecklenburg, Schlesien, Ostpreußen, Thüringen dürfen 
Säuglinge nicht durch ein Fenster hindurchgereicht werden, und 
wenn ein Kind durch ein Fenster gehoben wird, so muß es wieder 
durch dasselbe zurückgegeben werden, sonst wächst es nicht (Ost- 
preußen, Wetterau, Brandenburg, Baden, Schwaben), oder es wird 
ein Dieb (Baden, Schlesien), auch darf es nie anders als mit den 
Füßen voran in die Stube getragen werden (Schlesien) 2 ). Eine wei- 
tere Phobie des Kindes erinnert aber auffallend an die Furcht vor dem 
Durch-das-Fenster-gehoben- werden: wenn man ihm irgend einen Ge- 
genstand mit der Rechten über einen anderen Gegenstand 

i) K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg, 1880, 

II, S. 51. 

2 ) Yv'uttke: Der deutsche Volksaberglaube, 1900, S. 391. 



Die Bedeutung des Überschreitens. 243 

hinüber reicht, so muß man es mit der Linken wieder zurück- 
nehmen und ihm dann, mit Leiden Händen anfassend, geben, sonst 
würden dieselben Gegenstände nicht wachsen. Genau so heißt es 
im Volksglaubens ein Kind dürfe nicht überschritten werden, weil 
es sonst nicht wächst, oder man muß das Überschreiten durch ent- 
sprechendes Zurücksehreiten wieder rückgängig machen 1 ). Die 
beiden Verbote werden auch in unseren Quellen häufig nebenein- 
ander aufgezählt: dieses Aneinanderreihen ist freilich kein Zufall, 
der Berichterstatter spürt den gleichen unbewußten Sinn der beiden 
Verbote heraus: „Ein Kind zum Fenster hineingegeben, wird nicht 
größer. Dasselbe ist der Fall, wenn man über ein Kind schreitet 
oder springt; man bannt damit dessen "Wachstum; um ihn zu lösen, 
muß man wieder über dasselbe zurückschreiten. 2 )." „Kleine Kinder 
darf man nicht Kröte nennen, nicht über sie hinwegsohreiten oder 
springen, sonst wachsen sie nicht mehr, oder man muß über sie 
wieder zurücksohreiten. Auch darf man ein kleines Kind nicht 
zwischen jemandes Beine oder durchs' Fensten oder unter einer Wagen- 
deichsel durchkriechen lassen : oder es muß wenigstens wieder zurück- 
kriechen. Ein Säugling darf nicht durch ein Fenster hinduroh- 
gereicht werden; auch darf es nicht anders als mit den Füßen voran 
in die Stube getragen werden, sonst geht es mit dem Tode ab 3 )." 
Wenn wir also sehen, daß das Fenster oder die Beine einer lebenden 
Person im Volksglauben gleichbedeutend sind, so wird uns die Ver- 
mutung nahegelegt, daß Haus hier Weib, Fenster Vagina, das Durch- 
schreiten oder Gehoben-werden den Koitus bedeutet. Wir wissen 
ja aus der Analyse, daß seine Furcht, die Gegenstände würden nicht 
wachsen, eine Kastrationsfurcht ist, das Wachsen bedeutet also die 
Erektion. In der letzten Phase der Krankheit hat der Knabe die 
Gewohnheit, auf alles „ja, nein" zu sagen: dieselbe Ambivalenz 
findet ja auch im Volksglauben in dem Hin- und Zurücksohreiten, 
Hin- und Zurückreichen ihren Ausdruck. Was er eigentlich wünscht^ 
ist durch das Fenster gereicht zu werden, denn dann muß er bzw. 
sein Glied ja wachsen, und ebenso ist es mit den Gegenständen, die 
somit sämtlich in die Penissymbolik einbezogen werden, nur daß 
Volksglaube sowie Neurose den Wunsch sich nur in der Verdrän- 
gungsform zu äußern getraut. 

Die Koitusbedeutunlg des Überschreitens läßt sich aber auch 
rein folkloristisch nachweisen, wodurch dann wieder die psyehoanaiy- 

i) Beispiele vgl. Röheim: Psyehoanalysis es ethnologia. Ethnographie, 
1918, S. 64, 213 (Ung.). 

2 ) Er. Schönwert h: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen, 1857, I, 
Seite 181. 

3 ) P. Drechsler: Sitte, Bräuche und Volksglaube in Schlesien, 1903. 
I, S. 212. 

16* 



244 Dr. Geza Röheim. 

tische Deutung als doppelt gesichert erscheint. Um (im Komitat 
Bekes) die Geburt zu beschleunigen, überschreitet der Mann, nach- 
dem er sich splitternackt ausgezogen, seine Frau dreimal und gibt 
ihr aus seinem Munde zu trinken. In den Komitaten Pest, Heves 
und Szolnok geschieht dasselbe, nur daß der Mann dabei vorsichtig 
den Bauch der Gebärenden mit dem Fuße berührt. "Wenn das auch 
nichts nützt, so verbrennt der Mann seine Schamhaare, um mit dem 
Rauche die Vagina der Frau zu beräuchern, erfolgt die Geburt noch 
immer nicht, so koitiert er die Gebärende 1 ). Unter dem Drucke 
der psychischen Spannung (verzögerte Geburt) sehen wir ein Fort- 
schreiten vom Symbol zur Wirklichkeit, ein stückweises Vordrängen 
der Libido gegen die Verdrängung. Zuerst Übersehreiten, dann eine 
mittelbare Annäherung der Schamhaare aneinander und zuletzt der 
Koitus. Wenn bei den Baganda der erste Fisch dem Gott Mukasa ge- 
opfert wird, wird der Best vom Fischer mit seiner Frau verzehrt (Fisch 
als Embryo !), dann springt der Mann über die Frau hinweg. Um 
den glücklichen Ausgang des Krieges zu sichern, übt der Häuptling 
mit [»einer Frau den Beischlaf aus, und dann springt er über sie hin- 
über. „In every case when jumpin g over a wife or step- 
ping over her legs 1 is mentioned it is regarded by the 
Baganda asequivalent to, or ins tead of, having sexual 
connection with her 2 )." 

Eine ähnliche Bedeutung wie dem Fenster dürfen wir auch der 
Hausschwelle zuschreiben 3 ). Die Bedeutung des Auf-die-Sehwelle- 
tretens und Uberspringens ist eine doppelte und doch einheitliche. 
Einerseits soll damit eine feindliche Absieht gegen den Besitzer 
des Hauses angedeutet werden. So heißt es z. B. in Göcsej : wer 
auf die Schwelle tritt, tritt auf den Besitzer und beschleunige da- 
mit dessen Tod 4 ). Daß aber dieses Überschreiten der Schwelle auch 
den Koitus bedeutet, ersehen wir z. B. daraus, daß es sich als eine 
Art Eingangszauber bei der Hochzeit vorfindet: die Braut wird von 
ihrem Manne über die Schwelle gehoben 5 ). Wenn die Schwelle die 

x ) Temesväry: Volksgebräuche und Aberglauben in der Geburtshilfe 
und der Pflege der Neugeborenen in Ungarn. 1900, S. 50, 54. Das Trinkenlassen 
aus dem Munde ist eine nach oben verschobene Effusio seminis. 

2 ) J. Roscoe: The Baganda. 1911, S. 395, 357. Vgl. ebenda S. 17, 53, 
55, 57, 63, 144, 206, 363, 378, 428, 459. 

3 ) Vgl. Th. Reik: Die Türhüter. Imago, V, 1919, insbesondere S. 349, 
Anmerkung 1. 

*) F. Gönczi: Göozej, 1914, S. 340. Zu den Schwellenriten vgl. auch 
van Gennep: Les Rites de Passage. 1909. Auf die funktionale Bedeutung 
dieser Riten soll hier, da dies von anderer Seite bereits geschehen ist (vgl. 
demnächst im Imago Felszeghy: Janus), nicht näher eingegangen werden. 

ä ) Vielleicht überwiegt im Betreten der Schwelle die feindselige Absicht 
gegenüber dem Hause und dem Besitzer, während das Überspringen den Koitus 
symbolisiert. Beides zusammengenommen würde heißen: Ich töte den Haus- 
herrn und beschlafe die Hausfrau. 



Die Bedeutung des Überschreite 



245 



Vagina vertritt, dann wird es klar, warum Tote, insbesondere aber 
stillgeborene Kmder, deren Wiedergeburt man ja in der Familie 
erwartet, unter der Schwelle begraben werden 1 ). In Dharwar be- 
tritt die Braut den Ashma, den Geisterstein, in welchem sich ein 
Ahnengeist aufhält, damit die Seele sich in ihr reinkarniere 2) I n 
Fife wird ein Kind eine Hasenscharte haben, wenn die Frau über 
eine Stelle tritt, wo eini Hase gelegen ist % d. h. das. Übertreten 
ist ein Geschlechtsverkehr mit dem Hasen, wodurch dieser zu seinem 
eigenen Vater wird, d. h. er wird in seinem eigenen Kinde wieder- 
geboren *). Die jüdische Braut und der Bräutigam übertreten einen 
btem laut dem Targum Onkelos: „damit sie sich vermehren wie die 
Fische des Meeres 5)". Also bedeutet das Überschreiten in all diesen 
Fallen offensichtlich den Koitus, aber win,dürfen nicht vergessen, daß 
im Brauche des Durch-das-Fenster-reiehens noch ein anderes Element 
enthalten ist; es ist nicht bloß ein Überschreiten, sondern auch ein 
Hindurchziehen. Nun sind aber die Bräuche des Durchziehens von 
Liebrecht und Zachariae als magische Wiederholungen der 
Geburt erkannt worden «). Das sind die bekannten Zwieselbäume, 
durch welche man kranke Kinder zieht. Jedoch wird keineswegs jedem 
gespaltenen Baume solche Heilkraft beigemessen, sondern es ist not- 
wendig, daß der Baum an seinem Vereinigungspunkt eine Gestaltung 
besitzt, die den weiblichen Geschlechtsteilen ähnlich ist. Ein Baum 
zu Lutzow hat diese Bildung und oben einen Wulst, der gerade 
wie ein Bauch mit Hüfte und Nabel aussieht. Das Ganze gleicht 
daher dem Unterteil eines die Beine spreizenden Weibes Darin 
hegt die Heilkraft: wer zwischen den Beinen eines Weibes: durch- 
kriecht, wird neu geboren. Deshalb stecken die Weiber des Abends 
krankhche Kinder durch ihre Beine hindurch oder lassen sie durch- 
knecben?). Werm wir obe » geaahen haben, daß das Durchkriechen 

presented' S>' ^ T rllr^^W^ S* Testame ^ Anthropologie Essays 
presented to E. B. Tylor. 1907. S. 172. Nachgeburt (Doppelgänger des Kindesl 
unter dxe Sehwelle begraben, damit die Kinder des Hauses wohl geS J 

i n l l ^ UBd H ° f bei den Huzulei1 - Mitteilungen der AntbWoloS 
sehen Gesellschaft in Wien, 1896, XXVI, S. 182. ^ncnropoiogi- 

2 ) W. Crooke; The Lifting of the Bride. Eolk-Lore 1902 \TTT H °>M 
Se1 1 te264 eChSler: "** ^ »* **>*»•*« H? flS^lÄ^ 

3 ) Crooke: 1. c. 237. 

. _.*> W ° mit ■»<* au <A «He Beinkarnationsdoktrin als eine Wunscherfülhme' 

, / Z S \\ lehTeoht: Znr Volkskunde. 1879, S. 379. Zachariae- Schein' 
gebuxt. Zeitschrift des Vereines für Volkskunde, 1910 XX S 155 

I S 41?' A ar , tS /!? : Sagen v,' t Märchen und Gebräuche ans' Mecklenburg, 1879 
I, S. 418 Auch daß es verboten ist, ein Kind Kröte zu nennen (siehe oben in 



246 



Dr. Geza Röheim. 



durch, jemandes Beine oder durchs Fenster in Schlesien als gleich- 
bedeutend erachtet werden, so kommen wir hiemit von diesem Stand- 
punkt zu einer anderen Deutung des ! Brauches und der individuellen 
Phobie, indem man ein Kind durch ein Fenster reicht, geht es*, zu- 
rück in den Mutterleib, d. h. es geht wieder den Weg, den es bei 
der Geburt passiert hat, und es kann darum nicht wachsen, weil 
eben ein Embryo nicht über ein gewisses Maß wachsen kann. Dies 
wäre auch die Erklärung für ein anderes Verbot, welches häufig im 
selben 1 Atem von den Berichterstattern erwähnt wird: das Kind 
dürfe nur mit den Füßen voran in die Stube gebracht werden, sonst 

Igehe es mit dem Tode ab. Mit dem Kopfe voran tritt ja das Kind 
in die Welt ein, da das Sterben als ein Eingehen in den Mutter- 
leib aufgefaßt wird, würde ein 1 Kind, wenn man es mit dem Kopfe 
voran ins Zimmer brächte, sterben. Wie sich die beiden Deutungen 
in Einklang bringen lassen, ist nicht schwer zu erraten. Die Ka- 
strationsbefürchtung des Knaben hat sich ja nicht auf das Sexuelle 
überhaupt, sondern in erster Reihe auf den Koitus mit der Mutter 
bezogen, daher bedeutet auch das Durch-das-Fenster-gehoben-werden 
nicht einen beliebigen Geschlechtsverkehr, sondern den inzestuösen, 
bei dem er tatsächlich durch jenes Genitale kommen würde, welches 
er schon bei der Geburt passierte. Die Ursache, warum der Ritus 
(bezüglich der Tabu) die Geburt und den Geschlechtsverkehr zu- 
gleich bedeutet, liegt wohl darin, daß er in seinem tiefsten Kern 
eben den inzestuösen Geschlechtsverkehr symbolisiert 1 ). 



Verbindung mit den Durchkriecheverboten), dürfte daher stammen, weil die 
Kröte ebea ein Symbol der Gebärmutter ist. Siehe R. Andre e: Votive und 
Weihegaben des katholischen Volkes in Süddeutschland, 1904, S. 130. Die 
Schwangere wird durch einen Reif gezogen. Ploß-Bartels: Das Weib, 
1908, I, S. 311. Sie wird dreimal über die Schwelle hinweggeführt, ebenda 310, 
oder sie schreitet über die Füße ihres am Boden liegenden Gatten und über 
das Krummholz des Mittelpferdes fort, ebenda 309. 

i) Vgl. S. Freud, Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Sammlung 
kleiner Schriften, 1918, Vierte Folge, S. 625. 



Mitteilungen. 



Vorwort zur vierten Auflage der „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" *). 

Von Sigm. Freud. 

Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man 
mit Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische 
Forschung in der großen Welt ungeschädigt geblieben ist. Doch haben 
nicht alle Teile der Lehjre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein 
psychologischen Aufstellungen und Ermittlungen der Psychoanalyse über 
das Unbewußte, die Verdrängung, den Konflikt, der zur Krankheit führt, 
den Krankheitsgewinn, die Mechanismen der Symptombildung u. a. er- 
freuen sich wachsender Anerkennung und finden selbst bei prinzipiellen 
Gegnern Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück der Lehre, 
dessen Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch immer 
unverminderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich 
eine Zeit lang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum 
Abfall von ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle 
des sexuellen Moments für das normale Und krankhafte Seelenleben wieder 
eingeschränkt werden sollte. 

Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser 
Teil der psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit 
viel weiter entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer 
wieder von neuem wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus eben so sorg- 
fältiger und erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist, und die 
Erklärung jener Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet 
keine Schwierigkeiten. Erstens können nur solche Forscher die hier be- 
schriebenen Anfänge des Sexuallebens bestätigen, die Geduld und tech- 
nisches Geschick genug besitzen, um die Analyse bis in die ersten Kind- 
keitsjahre des Patienten vorzutragen. Es fehlt häufig auch an der Mög- 
lichkeit hiezu, da das ärztliche Handeln eine scheinbar raschere Erledi- 
gung des Krankheitsfalles verlangt. Andere aber als Ärzte, welche die 
Psychoanalyse üben, haben überhaupt keinen Zugang zu diesem Gebiete 
und keine Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden, das der Beeinflussung 
durch ihre eigenen Abneigungen und Vorurteile entzogen wäre. Verstünden 
es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der Kinder zu lernen, so 
hätten diese drei Abhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben können. 

i) Im Druck. 



248 



Mitteilungen 



Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt 
dieser Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle 
menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes 
der Sexualität, von jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen 
die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden 
Schlagworten ist man so weit gegangen, von dem „Pansexualisinus" der 
Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie 
erkläre „alles" aus der Sexualität. Man könnte sich darüber verwundern, 
wenn man im stände wäre, an die verwirrende und vergeßlich machende 
Wirkung affektiver Momente selbst zu vergessen. Denn der Philosoph 
Arthur Schopenhauer hat bereits vor geraumer Zeit den Menschen 
vorgehalten, in welchem Maße ihr Tun und Trachten durch sexuelle 
Strebungen — im gewohnten Sinne des Wortes — bestimmt wird, und 
eine Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so 
packende Mahnung so völlig aus dem Sinn zu schlagen! Was aber die 
„Ausdehnung" des Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse 
von Kindern und sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen alle, 
die von ihrem „höheren" Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse 
herabschauen, sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität 
der Psychoanalyse mit dem Eros des göttlichen P 1 a t o zusammentrifft. 
(Siehe Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eros- 
lehre Piatos, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III, 1915.) 

Wien, im Mai 1920. 



Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern. 

Von Roman Markuszewicz. 

Mein vierjähriger Neffe, Lolo, spielt an einem Vormittag allein, und 
zwar ahmt er ein Kätzchen nach, das er liebt und das ihm weggenommen 
worden war: Er geht also unter dem Tisch auf allen Vieren herum, wie 
eine Katze, und miaut. Als der Tisch zum Mittagessen gedeckt war, und 
die Mutter das Kind auf seinen Sessel setzen will, — begegnet sie einem 
kräftigen Widerstand seinerseits; Lolo weint und spricht: „Ich bin nicht 
Lolo, ich bin das Kätzchen"; er läßt sich nicht aufheben und will durch- 
aus auf dem Fußboden unter dem Tisch essen, — wie es das Kätzchen 
sonst tut. Es hilft kein Zureden und keine Drohungen. Lolo weint und 
behauptet, er sei doch ein Kätzchen. Da die Mutter sich nicht zu helfen 
weiß, stellt sie ihm das Essen unter den Tisch. Lolo ist zufrieden, — 
ißt aber die Suppe nicht wie immer mit dem Löffel, — sondern versucht die 
Suppe mit der Zunge, wie eine Katz», zu schlürfen. Er verschüttet dabei 
die Suppe, macht sich schmutzig, — und deswegen nimmt ihm die Mutter 
den Teller weg. Um ihn jedoch zu gewinnen, ■ — spricht sie zu ihm, wie 
zum Kätzchen, was allein schon von bester Wirkung ist, und erklärt 
ihm, daß nur die ganz kleinen Kätzchen unter dem Tisch essen, — die 
größeren aber schon bei Tisch sitzen können. Dieses Argument über- 
zeugt den Kleinen vollständig, — und erlaubt ihm, sich zu Tisch zu 
setzen, wie gewöhnlich. 

Aus diesem kleinen Bildchen sehen wir, wie Lolo, der wirklich ein 
kleines Kätzchen hatte^ — die äußeren Merkmale des Tieres, welches er 



Roman Markuszewicz : Beitrag zum artistischen Denken bei Kindern. 249 

gern hatte und mjit dem er spielte, annahm, und als die Katze zu seinem 
großen Kummer weggenommen wurde* sein Wunsch nach dem Besitz des 
Kätzchens und dem Spielen mit ihm, seinen Ausdruck in dieser Szene — 
in seinem Spiel, gefunden hat, so wie ein erwachsener Mensch seine 
Wünsche im Traum zum Ausdruck bringt und ihnen so die Realität ver- 
leiht. Und genau wie im Traum, wo das Denken dem Kriterium des Er- 
fahrungsdenkens nicht unterliegt, wo Wünsche und Instinkte ihre Be- 
friedigung suchen, — schuf das Denken dieses Kindes auf artistischem 
Wege die Erfüllung seiner Wünsche nicht im Traum, sondern in der 
Wirklichkeit, was durch sein Alter ohne weiteres erklärlich ist. Er erschuf 
sich, ein Bild, das im gegebenen Moment für ihn mehr Realität besaß, 
als die ihn umgebende Wirklichkeit der Dinge. In dieser Realität kam 
sein lebendiger Wunsch, diese Katze zu besitzen, zur Sprache, und da 
der Knabe mit seiner ganzen ihn beherrschenden Affektivität diesen 
Wunsch empfand, so übertrug er ihn in seinem Spiel in die Wirklichkeit 
und verlieh ihm so die Realität: das Spiel wurde so zur Verkörperung 
seines Wunschtraumes. Und deshalb der Schrei des Kindes: „Ich bin 
nicht Lolo, — ich bin das Kätzchen!" 

Wir sehen hier zunächst die merkwürdige Anschauung der auch im 
Traum und in der Schizophrenie alltäglichen Identifikation mit dem 
geliebten Gegenstande. Lolo möchte das Kätzchen wieder haben, drückt 
das aber dadurch aus, daß er das Kätzchen ist. Er denkt sich die 
Eigenschaften des Kätzchens so lebhaft, daß er sie sich appersoniert. 
Diese Fiktion, von einem starken Affekt getragen, wurde ihm zur Realität, 
zu größerer Realität als die Wirklichkeit. Vielleicht liegt in derselben 
auch ein bißchen Trotz gegenüber den Eltern, die ihm das Kätzchen weg- 
genommen haben, und denen er nun zeigen kann, daß es doch da ist. 

Viele Kinderspiele stellen Wunschträume in ähnlicher fiktiver Form 
dar. Um eine Eisenbahnfahrt zu genießen, kann es den Kleinen auch 
genügen, eine Reihe Sessel hintereinander zu stellen. Sie setzen sich 
darauf, der eine ist Maschinist, der andere Kondukteur, Passagier usw., 
— sie glauben zu fahren, obwohl sie nicht von der Stelle weichen, — 
und geben so dem Wunsche, mit der Eisenbahn zu fahren, ihren Ausdruck. 
Es ist bekannt und charakteristisch, daß die Kinder ungern bei 
solchen Spielen die Erwachsenen dulden, deren Gegenwart allein schon 
sie an die Wirklichkeit mahnt. Die Wahrheit des autistischen Denkens 
wird durch die Erwachsenen beeinträchtigt; sie gehören nicht hinein 
in den Bereich der Welt, welche zur Zeit des Spieles so real für das 
Kind da ist, daß neben ihr die Wirklichkeit, welche dieser Erwachsene 
repräsentiert, nicht bestehen kann. Und nur, wenn der Erwachsene ohne 
weiteres die Voraussetzungen ihrer Vorstellungen annimmt und von der 
normalen Realität sich loslöst, kann er an den Spielen der Kinder teil- 
nehmen, dann aber wie ein Gleicher unter Gleichen, weil das Kind im 
autistischen Denken keine Autorität anerkennt, sondern vielmehr den 
Wunsch hat, die Autorität der Erwachsenen abzuschütteln; dies kommt 
zum Ausdruck in Spielen, wo das Kind als Lehrer oder Vater auftritt. 
Der Erwachsene, der mit den Kindern spielen will, muß mit außerordent- 
licher Zartheit vorgehen: Nie an der Wirklichkeit ihrer Vorstellungswelt 
zweifeln, nie ihnen den Altersunterschied zum Bewußtsein bringen. Der 
Erwachsene muß seine ganze Lebenserfahrung beiseitelassen, die reale 
Welt ignorieren, er muß es verstehen, im Wachen zu träumen, — wie 



oiu) Mitteilungen. 

Kinder es können und Dichter. Deshalb vielleicht können auch Frauen 
und Dichter am leichtesten Kinder sein unter Kindern. 

Einen komplizierten Fall gebe ich mit den eigenen Worten des Helden, 
eines jungen Akademikers, für dessen Wahrhaftigkeit ich einstehen kann, 
wieder. 

„Ich war acht Jahre alt. Ich machte die Aufnahmsprüfung ins 
Gymnasium. Ich sollte dabei aus meinem Lesebuch ein Kapitel abschreiben. 
Die Prüfung war als bestanden zu betrachten, wenn es rein, ohne Fehler 
und ohne Korrekturen abgeschrieben wurde. Zu dieser Aufnahmsprüfung 
hatte mich meine ältere Schwester vorbereitet, welche mich zum Gym- 
nasium begleitete und im Vorraum das Resultat meines Examens ab- 
warbete. 

Mit krampfhafter Aufmerksamkeit war ich bei meiner Aufgabe; ich 
schrieb mit der größten Sorgfalt, um ja nur ins Gymnasium eintreten zu 
können. Auch wollte ich meiner Schwester, die mich unterrichtete und an 
der ich hing, diese Freude machen. Als ich schon fast am Ende meiner Auf- 
gabe war, geschah das so gefürchtete Unglück! Ein Wort war fehlerhaft 
geschrieben. Ich wurde starr vor Entsetzen. Das Wort mußte gestrichen 
und richtig geschrieben werden. Mit einer unbeschreiblichen Angst dachte 
ich an die Lehren meiner Schwester, die es mir einschärfte, daß man in 
der Aufgabe nichts streichen dürfte, andernfalls man eine schlechte Note 
bekommt, und in meiner großen Angst dachte ich daran, daß ich die 
Prüfung dieses Fehlers wegen nicht bestehen werde. Und mit einer blitz- 
artigen Geschwindigkeit zogen in meiner Vorstellung Bilder vorüber, die 
in ihrer schrecklichen Tragweite mich so lähmend unglücklich machten: 
ins Gymnasium werde ich nicht aufgenommen, ich werde die schöne 
Uniform, die von den Schülern des Gymnasiums getragen wurde und von 
der ich so sehnsüchtig träumte, nicht bekommen, meine Schwester, was 
das wichtigste für mich vor allem war, wird sich kränken, und der Vater 
wird mich mit Vorwürfen überschütten, wird mir vorhalten, daß ich nur 
durcli Nachlässigkeit und Unaufmerksamkeit die Prüfung nicht bestanden 
habe. Und in dem Moment, als ich mit einer furchtbaren Deutlichkeit 
und Plastik mir vorstellte, wie mein Vater mir diese Vorwürfe machen 
werde, ergriff ich plötzlich die Feder und korrigierte das Wort — nicht 
in meinem Hefte, sondern im Buche, im Text, damit so der Fehler auch 
im Buche stehen soll! Und jetzt atmete ich auf: Wenn ich es falsch 
geschrieben habe, so war es nicht meine Schuld, es stand ja auch im 
Texte so. Und dadurch beruhigt, schrieb ich weiter bis zu Ende. 

Aber es war doch keine wirkliche Beruhigung, denn, dachte ich, das 
Buch war ganz neu, und niemand wird doch glauben, daß in einem neuen 
Exemplar ich das Wort falsch korrigiert schon vorfand. In dem weiteren 
Bestreben, den drohenden Vorwürfen des Vaters zu entgehen, fing ich an 
heimlich, vom Lehrer unbemerkt, das neue Buch absichtlich zu beschä- 
digen. Ich zerriß den Einband, zerknüllte einzelne Blätter, machte auf 
vielen Seiten des Buches Klexe und verschiedene Tintenzeichen, damit 
das Buch wie ein längst gebrauchtes aussehe. Und erst dann, als ich 
das ganze Buch schrecklich zugerichtet hatte, fand ich Beruhigung, und 
fast gleichzeitig, unbewußt, für mich selbst unerwartet, entstand in mil- 
der Gedanke, daß der Vater mir wirklich ein altes Buch gekauft habe. 
Ich sah es immer ungern, wenn mein Vater mir ein altes Buch anschaffte, 
aber jetzt triumphierte ich geradezu. Also, durch die Schuld meines 
Vaters, dadurch, daß er mir ein altes Buch kaufte, wo das Wort falsch 



Roman Markuszewicz : Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern. JJÖ1 



korrigiert wurde, geschah alles ! loh selbst war unschuldig, weil ich 
ja genau, wie es im Buche stand, abgeschrieben hatte und gerade da- 
durch werde ich die Prüfung nicht bestehen, weil der Fehler ja dennoch 
da war. Ich triumphierte bei dem Gedanken, daß jetzt die Reihe an mich 
kommen werde, die Vorwürfe dem Vater zu machen, daß ich durch sein 
Verschulden die Prüfung nicht bestanden habe, obwohl ich sorgfältig 
meine Aufgabe schrieb. Und als ich auf das vor mir liegende Examinations- 
schreibheft hinsah, wo alles mit Ausnahme dieses einen Wortes so schön 
geschrieben dastand, mir vorstellte, daß es mir durch meinen Vater, von 
dessen Schuld ich jetzt innerlichst überzeugt war, verdorben sei — dies 
bewies ja das stark beschädigte Buch — , stieg in mir das Gefühl einer 
furchtbaren Erbitterung auf, daß mir ein so großes Unrecht geschehe, 
daß ich dadurch zum Gymnasialstudium nicht zugelassen werde. Ich 
kam mir so verlassen und einsam vor, daß sich niemand um mich kümmere, 
daß ich nicht einmal ein neues Buch besitze, um richtig und gut meine 
Aufgabe abschreiben zu können. Und im Gefühle der erlittenen Ungerech- 
tigkeit fing ich bitter zu weinen an. 

Und in dem Moment erblickte ich durch die Glastür meine Schwester, 
die mit Angst auf mich schaute. In ihrem Blicke war so viel Liebe und 
zärtliche Sorge um mich, daß ich zu weinen aufhörte, lächelnd ihren 
Blick erwiderte. Und dieser, der Schwester zulächelnde Blick, unsere 
gegenseitige Liebe und das Verständnis, wurden zur Brücke, stellten den 
schwer bedrohten affektiven Kontakt zwischen mir und der realen Welt 
hex, mich so von der autistischen Gedankenwelt, in die ich mich ver- 
strickt und versponnen hatte, befreiend. Ich vergaß das Buch, das ich 
in der Hilflosigkeit, um die Verantwortung von mir abzuwälzen, so zuge- 
richtet hatte. Denn jetzt las ich deutlich im Antlitz meiner Schwester, 
daß ich verstanden, gerechtfertigt und weiter geliebt werde. Ich korri- 
gierte jetzt in meinem Heft das falsch abgeschriebene Wort, und, mit 
einem befreiten Gefühl, freudig verließ ich den Prüfungssaal." 

Nachdem der Fehler einmal geschrieben war, existierte für den jungen 
Examinanden nur noch der Wunsch, ihn ungeschehen zu machen. Im 
eigenen Heft korrigieren, das war verpönt. So blieb nichts, als den Text 
im Buche zu ändern. Durch diese nun überwertig gewordene Idee, wurde 
alles widerstrebende unterdrückt : daß der Lehrer wohl das Buch gar nicht 
ansehen und daß auch eine Korrektur im Buch© den Knaben nicht ent- 
schuldige. Erst als der Weg beschritten war, traten einige Schwierig- 
keiten ins Bewußtsein ; die Vorstellung bestand allerdings, daß der Lehrer 
das Buch ansehe, sonst hätte die ganze Korrektur keinen Sinn, aber in 
diesem Falle mußte die frische Korrektur in dem neuen Buch doch zu 
sehr auffallen und Urheber und Zweck verraten. Also mußte das Buch 
ein altes werden. Aber bei dem bereits achtjährigen und sonst klar 
denkenden Jungen ließ sich auch diese Fiktion nicht wie bei einem 
Schizophrenen, in dem Sinne durchführen, daß der Fehler nun nicht 
mehr existierte. Er existierte trotz aller Listen weiter; aber schuld 
daran war nun nicht der Schreiber, sondern der Vater, der ihm nur alte 
Bücher gönnen mochte. Diese Fiktion wurde ganz durchgeführt. Sie 
riskierte ja keine Korrektur an der Wirklichkeit und entsprach im all- 
gemeinen, wenn auch nicht im speziellen Falle, der Realität. 

Und noch eines, was wohl das Wichtigste ist: Wir sehen an dem 
Weinausbruch, daß hier der größere Affekt, ich möchte sagen, der wirk- 
liche Affekt saß. Der Vater hatte ihn so ungerecht behandelt, daß er 



252 Mitteilungen. 

seinetwegen nicht einmal ins Gymnasium eintreten kann.- Diese Vor- 
stellung, sei sie auch im Bewußtsein noch so wenig klar in Zusammen- 
hang gebracht mit dem Vorhergehenden, bringt aber auch die Lösung. 
Die Schwester hat ihn weinen gesehen, sie versteht seinen Kummer, 
ja, sie teilt ihn. Auch sie hat nun begriffen, wie unrecht der Vater 
handelt. Sie hat seine Anklage angenommen, den Vater gerichtet und 
den eigentlichen Missetäter freigesprochen. Sie ist es auch, die als seine 
Lehrerin aufler ihm selbst das größte Interesse hat, daß er die Prüfung 
bestehe, also besteht er sie. Die Hintansetzung durch die Korrektur in 
der Examenarbeit wird nicht mehr empfunden, nur noch ihr Vorteil. Es 
besteht kein Hindernis mehr, die Wirklichkeit anzunehmen wie sie ist, 
und freudig verläßt der Gerechtfertigte und Gereinigte den Prüfungssaal. 

Sehr hübsch ist es, wie von Stufe zu Stufe die Realität der Einbildung 
zunimmt, bis sie vollständig ist nach der Ablenkung von dem Fehler des 
Schülers auf den des Vaters. Das zeigt, daß hier als wesentliche Mit- 
ursache, ich möchte fast sagen, als eigentliche Triebfeder, ein viel tieferer 
Komplex mitspielt, als die momentane Examennot, die ja in Wirklichkeit 
gar nicht so groß war: die Unzufriedenheit mit dem Vater. Er hat ihm 
zwar diesmal ein neues Buch gegeben, aber gerade dadurch bewies er 
seine Bosheit ; denn nun hat der Hintangesetzte im kritischen Moment 
nicht einmal eine Entschuldigung, wenn er einen Fehler macht, während 
er sonst so viel Anlaß hatte, sich über die alten Bücher zu beklagen. Es 
würde auch dem Vater schon recht geschehen, wenn der Sohn nicht durchs 
Examen käme. In diesem Gedanken genießt er nicht nur seine Rache, 
sondern auch sein märtyrerhaftes Wehleid. Für diesen weinenden Triumph 
braucht er natürlich ein Publikum. Er wendet seine Blicke zur Schwester. 
Die versteht ihn. Sie übernimmt die Anklage gegen den Vater, die Gerech- 
tigkeit setzt sich zu Tische, und damit zieht Befriedigung ins Herz des 
Sohnes ein. Seine Gefühle können zur geliebten Schwester und zugleich 
zur Wirklichkeit zurückkehren. 

Was alles hinter diesem Vaterkomplex steckte, von welchem Punkte 
der Veranstaltung er mitspielte, inwiefern namentlich die gegensätzliche 
Liebe zur Schwester eine Übertragung von der Mutter bildet, das wäre 
nur durch eine eingehende Analyse zu entscheiden, die leider nicht ge- 
macht werden konnte. 



Aus der analytischen Praxis. 

Von Dr. Hanns Sachs (Zürich). 
1. 

Der Wunsch, ein Mann zu sein. 

Die Analysandin, von der ich im folgenden berichten will, ist ein 
sehr intelligentes Mädchen aus vornehmer, streng religiöser Familie. In 
die Analyse kam sie nicht wegen ausgeprägter neurotischer Störungen, 
sondern wegen innerer Unsicherheit, insbesondere über ihre Zukunfts- 
pläne, ferner wegen Zerstreutheit und ähnlichem, doch waren diese Ein- 
schränkungen nicht so stark, um ihre Arbeitsfähigkeit aufzuheben. Erst 
in der Analyse tauchte. ihr ein bereits in Verdrängung geratenes, aus- 



Hanns Sachs: Der Wunsch, ein Mann zu sein. 



253 



gesprochen neurotisches Symptom in der Erinnerung auf: sie hatte in 
der Nachpubertät, etwa mit 14 Jahren, eine Zeitlang unter der Vor- 
stellung gelitten, daß alle Leute auf der Straße ihr Genitale sehen 
könnten. Was sie eigentlich veranlaßte, die Analyse aufzusuchen, er- 
fuhr ich allerdings erst, als diese schon begonnen hatte. Als ich sie 
aufforderte, ihre Einfälle mitzuteilen, erklärte sie mir nach einigem 
Zögern mit deutlichen Zeichen eines inneren Kampfes, sie fühle, daß 
sie die analytische Grundregel nicht befolgen könne, ehe sie mir ein 
Geständnis von etwas, was sie besonders bedrücke, gemacht habe: Sie 
hatte als 12y g jähriges Mädchen einige Monate im Hause einer Tante 
zugebracht. Dort war ihr um ein Jahr jüngerer Vetter ihr Spielkamerad 
gewesen und die beiden hatten miteinander allerlei getrieben, was er- 
heblich über die „Unarten" der üblichen sexuellen Kinderspiele hinaus- 
ging; nach .verschiedenen gegenseitigen Besichtigungen und Betastungen 
hatten sie eine sehr weitgehende Annäherung an den vollen Geschlechts- 
verkehr erreicht. Das alles mußte ich halb erraten, denn die Analysandin, 
obwohl intellektuell über der Prüderie stehend, fühlte sich zunächst 
nicht im stände, diese Dinge auszusprechen. Ich erriet und sie be- 
stätigte es, daß sie die Furcht mit sich herumtrage, ihre Jungfräulich- 
keit eingebüßt zu haben. .Überhaupt stand sie unter der Herrschaft des 
Gefühles, sie sei eigentlich ein sittlicher Auswürfling und konnte mit 
ihren Schwestern und Freundinnen nur mit schlechtem Gewissen ver- 
kehren, da diese, wie sie meinte, sich mit Abscheu von ihr abwenden 
würden, wenn sie alles wüßten. Einzig ihre Mutter sei, so erzählte sie, 
in das Geheimnis eingeweiht. Auf meine Frage, woher die Mutter davon 
wisse, da sie ja damals gar nicht zugegen gewesen sei und die an- 
wesenden Verwandten nichts gemerkt hatten, erwiderte sie mit Er- 
staunen, 'das könne sie nicht sagen, es sei ihr nie eingefallen, sich 
diese Frage vorzulegen. Im übrigen stehe sie schon seit ihrer Kindheit 
mit ihren Eltern nicht mehr in einem Vertrauensverhältnis, sie seien 
ihr zu fromm und engherzig. Im Zusammenhang mit jener Kindersünde 
schilderte sie mir ihren weitgetriebenen Ekel vor dem Sexuellen, das 
sie im Leben und in der Kunst gleicherweise floh. Körperliche Be- 
rührungen waren ihr unerträglich, nach der Hochzeit ihrer ältesten 
Schwester hatte sie sich versteckt, um dem Kuß des neuen Schwagers 
zu entgehen. Im Pensionat konnte sie sich niemals entschließen zu- 
zuhören, wenn ihre Freundinnen von erotischen Themen zu sprechen be- 
gannen. Sie habe auch, so berichtete sie weiter, erst mit 18 Jahren 
in einer höheren Schule, die sie besuchte, Aufklärung über die Ver- 
schiedenheit des männlichen und weiblichen Genitals, über Kinder- 
zeugung und Geburt empfangen. An dieser Stelle unterbrach ich sie 
mit der Bemerkung, daß die Erlebnisse mit ihrem Vetter ihr ja genügend 
sexuelle Aufklärung gegeben hätte. Sie blieb aber mit Entschiedenheit- 
dabei, daß sie bis zu ihrem 18. Jahre in sexueller Hinsicht vollständig 
unwissend geblieben sei. Wie sich dies mit ihren Jugenderlebnissen 
vereinigen lasse, sei ihr selbst unerklärlich. (Dies scheint mir das 
typische Bild einer nur unvollkommen gelungenen Verdrängung zu sein.) 
Das traumatische Erlebnis selbst blieb dem Bewußtsein erhalten — aller- 
dings mußte die Analysandin zahlreiche, bereits in Verlust geratene 
Details wiederbringen — , aber die Zusammenhänge mit dem übrigen 
bewußten Seelenleben waren vollkommen zerrissen. In Hinsicht auf die 
Verwertbarkeit und psychische Verarbeitung stand diese Erinnerung dem 



254 Mitteilungen. 

Unbewußten fast vollständig gleich; insbesondere hinderte der daran 
geknüpfte Abwehraffekt, daß die Sexualforschung daraus irgendwelchen 
Nutzen zog. 

In jener ersten Sitzung — die sich übrigens über zwei Stunden, 
ausdehnte — stellte eine Eigentümlichkeit der Analysandin, an die ich 
mich erst nach und nach gewöhnte, an meine Selbstbeherrschung einige 
Anforderung. Es war dies eine ganz außergewöhnlich starke motorische 
Unruhe. Bald warf sich die Analysandin nach links, bald nach rechts ; 
niin zog sie, auf den Rücken liegend, ihre Eüße an sich und stieß 
sie wieder weg, nun setzte sie sich auf, um ihr Kleid zu richten, 
tastete mit ihren Händen an der Wand, spielte mit ihrem Schnupf- 
tuch und ihren Haaren usw. unaufhörlich fort. 

Ich gab ihr hinsichtlich ihres Schuld- und Verworfenheitsgefühles 
einige beruhigende Aufklärungen, die einen gewissen Eindruck zu machen 
schienen, im übrigen ihren Gemütszustand und ihre Unruhe weder so- 
gleich noch späterhin beeinflußten. 

In jener ersten Aussprache erfuhr ich ferner, daß ihre erste Kind- 
heitserinnerung sei, sie habe einem fremden Herrn, von dem sie auf 
den Schoß genommen wurde, ins Ohr gebissen. Sie war übei-haupt ein 
sehr wildes Kind, wollte nie mit Puppen spielen, wählte bis zu ihrem 
12. Jahr keine Mädchen zu Spielgefährten, sondern nur Buben, und zwar 
immer die wildesten und unbändigsten, mit denen sie dann wetteiferte. 
Daran schlössen sich Klagen, die von nun an in allen möglichen Eormen 
immer wiederkehrten und die ihr Minderwertigkeitsgefühl als Mädchen 
betrafen. Der Refrain dessen, was sie sagte, war sehr oft, eine Erau 
werde gar nicht als vollwertiger Mensch behandelt, gerade die feinsten 
und begabtesten jungen Männer ihrer Umgebung würden es verschmähen, 
ein Mädchen an ihren ernsten, geistigen Interessen teilnehmen zu lassen. 
Wo es wirklich um etwas Wichtiges und Bedeutendes gehe, werde sie 
■ als Mädchen immer ausgeschlossen usw. Einem oberflächlichen Beob- 
achter hätte es scheinen können, als sitze in diesem „Minderwertigkeits- 
gefühl" der Kern dessen, was sie bedrückte. 

Diese erste Unterredung hatte sozusagen das Programm entworfen, 
die zweite brachte zwei wichtige Ergänzungen dazu. Die Anatysandin 
hatte — selbstverständlich ohne Auftrag von mir — - ihre Mutter be- 
fragt, woher sie denn von jener Geschichte mit dem Vetter erfahren 
habe, und erhielt die überraschende Aufklärung, sie selbst habe kurz 
nachher, an dem neuen Aufenthaltsort der Eamilie, der Mutter ohne 
jede äußere Veranlassung alles gebeichtet. Sie erzählt ferner, daß sie 
— übrigens ganz im Sinne der bei der Analyse von ihr gezeigten moto- 
rischen Unruhe — zwar fest und lange, aber äußerst unruhig schlafe; 
sie spreche und schreie im Schlafe, werfe sich herum und stehe auch 
• manchmal auf ohne es zu wissen. In der Nacht nach der ersten ana- 
lytischen Sitzung sei ihr nun etwas besonders Tolles passiert : Als man 
sie wecken wollte, zeigte sich, daß sie bei Nacht, im Schlaf, den Riegel 
ihrer Tür vorgeschoben hatte. Der zeitliche Zusammenfall konnte keinen 
Zweifel lassen, daß es sich um die unbewußte Phantasie eines sexuellen 
Überfalles durch den Analytiker gehandelt hatte — offenbar eine „Über- 
tragung" jener Jugenderlebnisse auf die Analyse. Mit der Aufdeckung 
dieser Übertragung gewann die Analyse rasch einen Schritt nach vorn. 

Nach etwa dreimonatiger Dauer der Analyse kamen wir in eine 
Region, in welcher die Analysandin fortwährend Träume brachte, die 



Hanns Sachs: Der Wunsch, ein Mann zu sein. 



255 



gut erinnert waren, bei denen aber das Material an Einfällen stets so 
unvollständig blieb, daß die Deutung große Lücken aufweisen mußte. 
Es handelte sich in diesen Träumen stets um ein verbotenes Tun, bald 
so, daß die Träumerin in eine Villa eindrang und dort gegen den Willen 
des Eigentümers übernachtete, bald so, daß sie Blumen aus fremden 
Gärten abpflückte usw. Nachdem dies eine Weile gedauert hatte, tauchte 
im Verlaufe einer besser gelungenen Traumdeutungsarbeit plötzlich eine 
intensiv verdrängt gewesene Erinnerung auf, die ein wichtiges Stück 
des Sexuallebens der Analysandin enthielt. Mit 15 — 16 Jahren, das er- 
innerte sie nun mit einem Schlage' in voller Deutlichkeit, hatte sie am 
Abend im Bett ständig die Phantasie gehabt, Christus liege im Bett 
neben ihr und sie wiederhole mit ihm die ihr von den Jugenderlebnissen 
her bekannte geschlechtliche Vereinigung; dabei fühlte sie lebhafte 
sexuelle Erregung. Obgleich die Abwehr gegen diese Phantasie schon 
damals so stark war, daß sie vor dem Schlafengehen Angst hatte, unter- 
lag sie ihr längere Zeit immer wieder. Im Zusammenhang damit fiel 
ihr nun noch etwas Wichtiges ein, nämlich daß sie bald nachdem sie 
damals von der Tante weg, wieder zu ihren Eltern gezogen war, also 
bald nach dem Aufhören jener sexuellen Beziehungen, ihre erste Men- 
struation gehabt hatte. Sie weiß von diesem Ereignis nur mehr zu er- 
innern, daß sie davon höchlichst überrascht worden sei. Bei ihrer älteren 
Schwester sei die Menstruation aufgetreten, als sie eben bei Bekannten 
einen Besuch machte, und diese sei so sehr darüber erschrocken, daß 
sie um Hilfe gerufen habe. 

Bis dahin hatten sich bei der Analysandin keinerlei Erinnerungs- 
spuren einer Kindheits- oder Pube.rtätsmasturbation gezeigt. Ich konnte 
ihr nun sagen, daß die Christusphantasie eine unzweifelhafte Mastur- 
bationsphantasie gewesen sei ; zwar möglicherweise nur ein Ausläufer 
der früher geübten Onanie, doch sei es wahrscheinlicheT, daß auch da- 
mals noch, wenn auch unbewußt, etwa durch das Zusammenpressen der 
Schenkel, die Befriedigung auf masturbatorischem Wege angestrebt 
wurde. Aus dem Zusammenhang jener Erinnerung mit der an der ersten 
Menstruation (zeitlich lag ein Zwischenraum von mehr als zwei Jahren 
dazwischen) sei folgendes zu schließen: Die sexuelle Aufregung, in 
welche sie durch den Verkehr mit dem Vetter geriet, hatte nach der 
Trennung von ihm noch angehalten und sie nun zu masturbatorischer 
Betätigung veranlaßt. Als die Menstruation unvermutet auftrat, faßte 
sie die Blutung am Genitale als Eolge des von ihr daran verübten Miß- 
brauches auf und legte, von Schrecken und Beue getrieben, der Mutter 
jenes, bisher unerklärbar gebliebene Geständnis ab. 

Nach dieser Erklärung, die den Ereignissen ihren Zusammenhang 
wiedergibt, ist die Erinnerung an das Erschrecken der Schwester als 
„Deckerinnerung" mit Verschiebung auf eine nahestehende Person (wohl 
mit Wunscherfüllungstendenz, denn sie fühlte sich gerade vor dieser 
sittenstrengen Schwester sehr verworfen) aufzufassen. Ich kann hinzu- 
fügen, daß das einzige Stück, das ich in die Deutung einzusetzen hatte, 
nämlich die Masturbation resp. die fortdauernde sexuelle Erregung, nach 
der Trennung vom Vetter von der Analysandin einige Wochen später 
von einem anderen Zusammenhang her mit Bestimmtheit erinnert wurde. 

Damals konnte ich noch einen Schritt weiter gehen und eine Ver- 
mutung aussprechen, der die Analyse nachher auch ein gutes Stück 
näher gerückt ist. Das Erschrecken über die menstruelle Blutung und 



256 Mitteilungen. 

ihre Zurückfükrung auf die Onanie, obgleich, die Analysandin zweifellos 
von ihrer Mutter die Aufklärung erhielt, daß es sich um eine normale 
Entwicklungserscheinung handle, scheint nämlich entschieden auf eine 
infantile Quelle hinzudeuten. Ich mußte annehmen, der Zusammenhang, 
der damals hergestellt wurde, beruhe auf viel älteren Eindrücken. Die 
tiefe Erschütterung durch die Blutung ließ sich nur durch die Kastrations- 
angst erklären und diese nur, wenn sie als ganz kleines Mädchen ■ — 
vielleicht bei einem ähnlichen, nur weit unschuldigeren Erlebnis wie 
mit ihrem Vetter — ein männliches Genitale bei einem Altersgenossen 
gesehen und daraufhin dieses wichtige Stück bei sich selbst vermißt 
hatte. Diese Vermutung hing nicht bloß in der Luft, sondern konnte 
sich auf allerhand Erinnerungsmaterial aus ihren ersten Kinderjahren 
stützen, das nachher noch vervollständigt wurde. Sie wußte von einem 
irgendwie zärtlichen, aber an Verbotenes rührenden Beisammensein mit 
ihrem Lieblingsspielkameraden im Alter von etwa fünf Jahren, kannte 
ferner zu ihrer eigenen Verwunderung trotz Sexualabscheu und strenger 
Erziehung den vulgären Ausdruck für den Geschlechtsverkehr in der 
Sprache jenes Landes, das sie mit etwa zehn Jahren verlassen hatte. 
Als sie sich an einem gemeinsamen Kinderspiel mit jenem Erkorenen 
zurückzog, wurden sie von den übrigen Kindern als Liebespaar ver- 
spottet. Zwischen dem vierten und dem sechsten Jahr hatte sie eine 
Kinderfrau, die sie mit besonderer Vorliebe quälte, was sich als 'Rache 
für die, wohl beim Abgewöhnungskampf gegen die infantile Mastur- 
bation, ausgesprochene Kastrationsdrohung auffassen läßt. 

Der Analysandin teilte ich nun mit, ich vermute, daß sie als Kind 
einmal beim Anblick eines männlichen Genitals geglaubt habe, daß sie 
selbst einmal ein solches besessen habe, es ihr aber zur Strafe irgend- 
wie abgenommen worden sei. 

Die Analysandin läßt auf diese Mitteilung ein längeres Schweigen 
folgen und fragt dann unvermittelt : „Was bedeutet das, wenn man 
sich in die Hand beißt?" Ich erwiderte nur, „man" heiße doch wohl 
„ich"? Sie vermag mir nun selbst ihre Deutung dieser Gewohnheit mit- 
zuteilen, nämlich, daß sie damals wohl geglaubt habe, ihr ehemaliges 
männliches Genitale sei abgebissen worden. 

Es ist darauf zu verweisen, daß dieser aus dem Infantilen stam- 
mende Glaube über den Ursprung der Menstruation eine weitverbreitete 
völkerpsychologische Parallele hat, da viele primitive Völker das men- 
struierende Weib deshalb für unrein halten, weil ihnen die genitale 
Blutung als Eolge dessen gilt, daß ein Dämon das Weib an dieser 
Stelle gebissen habe. Die früheste Kindheitserinnerung vom Biß ins 
Ohr hat sich nunmehr als exquisite Deckerinnerung zu erkennen ge- 
geben, freilich mit einer charakteristischen Umkehrung vom Passiven 
ins Aktive. Sie ist jetzt nicht mehr die Gebissene, sondern die Bei- 
ßende, eine Lust, die sie später nur mehr an der eigenen Person be- 
tätigt, die aber zweifellos auf ihre Abwehr gegen den Kuß großen Ein- 
fluß hat. 

Von hier aus zeigt sich das Minderwertigkeitsgefühl der Analy- 
sandin, ihr Neid gegen die Männer und der Wunsch einer von ihnen 
zu sein in ganz neuem Lichte. 

Die volle Überzeugung von der Richtigkeit des durch die Analyse 
hergestellten Zusammenhanges erhielt ich durch den Erfolg. Von dieser 
Stunde an war die motorische Unruhe der Analysandin, obgleich sie 



Hanns Sachs : Eine symbolische Gleichung. 



257 



damals überhaupt nicht erwähnt worden war, vollständig geschwunden. 
Die Analysaridin lag von da an vollständig ruhig und stärkere Bewe- 
gungen kamen nur mehr als angemessene Affektäußerungen vor. 



Eine symbolische Gleichung. 

Ein Analysand berichtet einen Traum, in welchem mehrere Frauen 
unter seiner Anleitung eine süße Speise — im Verlaufe der Deutung 
erinnert er, daß es eine Creme gewesen sei — bereiteten. Er weiß; 
daß er dabei die einzelnen Zutaten, insbesondere Eiweiß, namhaft ge- 
macht hat. Hiezu fällt ihm zunächst ein Eierschnee ein, den er am 
Traumtage im Hause eines nahen Verwandten, dessen Trau der Ent- 
bindung entgegensieht, gegessen hat. Dann gerät er auf einige Bekannte, 
die die Gewohnheit haben, auf ihren Ausflügen Kondensmilch unver- 
dünnt, aus der Dose herauszulöffeln oder zu schlürfen. „So eine Schwei- 
nerei, pfui, diese ekelhaften Kerle!" „Warum ist denn das für Sie so 
unappetitlich?" „Fragen Sie doch nicht, Sie wissen ja ganz gut, was 
Kondensmilch ist." „Nein, ich weiß es nicht." „Sperma natürlich," 
schreit er unter erneuten Anzeichen von Ekel heraus. 

Nun kommen Erinnerungen an einen Schulkollegen, den er vor 
kurzem ganz flüchtig gesehen hatte; mit diesem hatte er im Pubertäts- 
alter gewisse sexuelle Praktiken getrieben. Zuerst fällt ihm ein, daß 
ihm dieser beim Küssen einmal die Zunge in den Mund gesteckt hatte. 
Dann erinnert er einen anderen, noch anstößigeren Vorgang, und zwar 
mit der ganzen Szenerie. Im Walde hatte dieser Kamerad ihm einmal 
seinen erigierten Penis in den Mund gesteckt. Die Ejakulation war 
nicht in der Mundhöhle, sondern unmittelbar nachher außerhalb erfolgt. 

Der Traum stellt die Erzeugung eines Kindes im Sinne einer in- 
fantilen Sexualtheorie dar, derzufolge 'sich der Analysand selbst zur 
Kinderzeugung für befähigt gehalten hat, und zwar unter Benützung 
der bei ihm stark erogen betonten Mundzone. Die gemeinsame Mahl- 
zeit mit einer schwangeren Frau hatte die infantilen Phantasien wieder 
erweckt. 

Der ganze Zusammenhang läßt mich aber vermuten, daß diese 
Phantasie, die Geburt und Sexualakt auf die Mundzone verschob, sekun- 
där war. Der Analysand hatte, infolge einer sehr früh einsetzenden 
Sexualforschung schon von der Existenz des weiblichen Genitals er- 
fahren, zu Gunsten der besseren Abwehr des Kastrationskomplexes ver- 
zichtete er jedoch auf diese Erkenntnis und .verdrängte sie, indem er 
auf die aus dem frühesten, oralen Stadium stammende erotische Be- 
tonung der Mundzone zurückgriff. 

Die tiefe Wirkung und nachfolgende Abwehr des Kastrationskom- 
plexes dürfte auf den intensiv verdrängten Wunsch zurückzuführen sein, 
beim Vater an die Stelle der Mutter zu treten. Wenige Tage nach dem 
oben Mitgeteilten brachte der Analysand einen Einfall, der sich wieder 
auf die erotische Betonung der Mundzone bezog. Nach Anweisung seines 
Gesangslehrers übe er jetzt so, daß er dabei seinen Mund im Spiegel 
betrachte und bekomme bei dieser Gelegenheit regelmäßig eine Erektion. 
Daran knüpft sich aber ein anderer Einfall, der ein Stück der erotischen 
Bindung an den Vater offenbart. Er erinnert sich, daß er in den Pu- 
bertätsjahren jeden Sonntag in der Kirche eine Erektion bekommen 
habe ■ — und zwar regelmäßig beim „Vater Unser". 



Intern. Zeitsohr. f. Psychoanalyse. Vl/3. 



17 



258 



Mitteilungen. 



Eine infantile Sexualtheorie in Übertragungsform. 

Eine Analysandin, bei der die Analerotik eine große Rolle spielt, 
produziert in einer Stunde eine Keine von Erinnerungen und Phan- 
tasien, welche mich die Vermutung aussprechen lassen, es habe einst 
bei ihr die infantile Sexualtheorie von der Geburt des Kindes aus dem 
After bestanden. Sie erwidert darauf, sie habe bis lange nach der Pubertät, 
etwa bis zum 17. Jahr, noch geglaubt, daß die Kinder auf diesem Wege 
zur Welt gebracht werden. Diese Antwort war ebenso charakteristisch 
wie überraschend, denn die Analyse hatte schon einigemal zum Problem 
der Zeugung und Geburt geführt, sowie zur Erörterung darüber, wie die 
Analysandin über diese Fragen aufgeklärt worden war, ohne daß sie eine 
Andeutung dieser so lange festgehaltenen Geburtstheorie gegeben hätte. 
Ich erkläre ihr daran anschließend, daß zu dem Glauben, das Kind komme 
wie ein Exkrement aus dem After, wohl auch die Ansicht gehöre, die 
Empfängnis geschehe durch den Mund, etwa durch das Essen einer be- 
stimmten Speise. Die Analysandin antwortet darauf nicht, sondern fährt 
bei einem anderen Thema fort, das sie plötzlich abbricht, mit der Er- 
klärung: „Ich habe so schrecklichen Hunger; ich habe heute nämlich 
keine Zeit mehr gehabt zu frühstücken, ich wäre sonst zu spät in die 
Analyse gekommen." Daran schließt sich der Einfall, ob es nicht besser 
sei, das Frühstück ganz aufzugeben, sie bekomme jetzt ein so ., dickes 
Gesicht". (Die Angst vor dem Dickwerden gehört zu ihren neurotischen 
Zügen.) Ich erinnere sie an den Zusammenhang mit der infantilen 
Schwängerungsphantasie und sie berichtet nun, daß sie oft abends im 
Bett Angst empfinde', weil sie das Gefühl habe, „als ob ihr Blut im Hals 
hinabrinne". Schon zu Anfang dieser Analysenstunde hatte sie alles 
ihr Erreichbare, erst einen Schlüssel, mit dem sie gespielt hatte, dann 
die beiden Divanpolster, scheinbar achtlos, aber mit energischem Schwung 
zu Boden geworfen. Ich weiß bereits, daß dies ein aus der Kindheit 
stammender Ausdruck des gegen ihre älteren Geschwister gerichteten 
Beseitigungswunsches ist. Die Angst vor dem Dickwerden und das Gefühl 
der Blutung im Hals, so erkläre ich ihr jetzt, sind die Wiederkehr des 
verdrängten infantilen Wunsches, ein Kind zu bekommen, der im Sinne 
ihrer damaligen Auffassung der Empfängnis dargestellt wird. Das Wie- 
derauftauchen des Todeswunsches gegen die Geschwister in diesem Zu- 
sammenhang beweist, auf wen der Wunsch gerichtet war. Es sind die 
von der Mutter, der Rivalin, dem Vater geborenen Kinder, die sie besei- 
tigt sehen wollte, um selbst dem Vater ein Kind zu schenken. Daraufhin 
berichtet sie unter großem Widerstand eine Kindheitserinnerung: Wie 
einmal, als sie ihr Fleisch nicht essen wollte-, ein älterer Bruder die 
anderen hinausgeschickt und die Tür zugesperrt habe (der weggeworfene 
Schlüssel!), um sie zu zwingen. Er sei aber dann sehr lieb mit ihr ge- 
wesen, habe sie auf den Schoß genommen und das Fleisch ganz klein 
geschnitten. 

Zur nächsten Stunde kommt die Analysandin — zum erstenmal seit 
sechs Monaten — Tim eine volle Viertelstunde zu spät. Sie arbeitet dem- 
gemäß unter großem Widerstand, berichtet mir übrigens gleich zu Anfang, 
sie habe wieder keine Zeit gehabt, zu frühstücken. (Es sei bemerkt, daß 
die Analyse schon seit längerer Zeit um 9 Uhr morgens begann und die 



Hanns Sachs: Die Konstanz der erogenen Zonen. 259 

Analysandin keine neue Morgenbeschäftigung übernommen hatte.) Mitten 
in einem anderen Thema fährt ihr dann heraus: „Ich habe Hunger" und 
nach einer Pause: „Geben Sie mir etwas zum essen!"; worüber die scheue 
und sonst mit den selbstverständlichsten Wünschen zurückhaltende Analy- 
sandm im höchsten Grade verblüfft war. 

So hatte sich der Kindheitswunsch, vom Vater zärtlich gefüttert zu 
werden und ihn dafür mit einem Kinde zu beschenken, in der Übertragung 
auf den Analytiker durchgesetzt. S 



Der Durchbruch des Unbewußten. 

Der Analysand, von dem ich hier berichten will, kam eines Ta<res 
sehr verspätet und mit einer plötzlich eingetretenen, durch keinen 
äußeren Umstand veranlagten Depression in die Analyse. Zuerst erklärte 
er sich überhaupt unfähig, heute . Einfälle zu produzieren, er sei tot" 
Dann kam eme Keine von Phantasien, die unter den stärksten Abwehr- 
reaktionen - Ekel, Abscheu usw. - geäußert wurden. Ich konnte ihn 
ctorauf hinweisen, daß sich alle diese Phantasien an ein Stück der ge- 
TT* £*t 7 °* anS0hl0Ssen > in welchem sich seine erotische Fixierung 

verkehr Z VU™ "^ ^ ^ ~ Besc ™^S mit dem Sexual- 
verkehr der Eltern _ gezeigt habe. Von daher stamme auch sein Wider- 
stand: die Depression sei eine Äußerung des Schuldgefühles; das „Tot- 
naTh deTfoll 1 v* ??"* ^^ ^^ '^™ als "uiSJt 
Muttertib V - ^ST"* "^ "" MUtter " ■ Wi6derkehr * ** 
Diese Deutungen entfachten seinen Widerstand erst recht Er pro- 
testierte zuerst heftig und begann mich dann zu ironisieren. „Warum 
entdecken Sie nicht auch meine erotische Einstellung zu meiner Tante 
oder zu meiner Großmutter, oder zu einem Butterwecken?" Hier unter 
brach er sich mit der Mitteilung, ein Butterwecken habe ihn immer 
an ein weibliches Genitale erinnert, besonders wenn im Bäckerkorb da- 
neben _än stangenförmiges Gebäck gelegen sei. Nun tauchte ihm lang- 
sam eine völlig verdrängt gewesene Erinnerung auf: wie er mit etwa 
vier Jahren in einem Gartenhäuschen das Genitale einer Spielgefährtin 
betrachtet und mit dem Einger untersucht hatte. Heute, so erklärt er 
mir am Ende der Stunde, habe er zum erstenmal die Überzeugung ge- 
wonnen daß meine Behauptung, die Psychoanalyse könne Vergessenes 
ms Gedächtnis zurückrufen, auf Wahrheit beruhe. Die Depression ~ 
eine typische „passagere Symptombildung" im Sinne Perenczis - 
war behoben. 



5. 

Die Konstanz der erogenen Zonen. 

Ein homosexueller Analysand berichtete im Laufe der Analyse einen 
Vorfall, der sein lebhaftestes Schuldgefühl wachgerufen hatte. Im allge- 

sTchte Z V 1 ' "S W T n del ' Art ' iQ d6r er SeÜle Sexualbefriedigimg 
tellnl Vorwurfe; dieser eine Eall betraf aber nach seiner Dar! 

Stellung einen bisher völlig reinen jungen Mann, der seiner Mutter alles 
anzuvertrauen pflegte, und dieses schöne Verhältnis habe er -! mein 
Analysand - nun durch seine Verführung auf immer zerstört. Das 

17* 



nnn Mitteilungen. 

Schuldbewußtsein war so groß, daß er nach diesem einen Beisammensein 
keine erotische Annäherung mehr wagte, obgleich er dazu sehr starben 
Antrieb fühlte. Bei jenem ersten und letzten Mal war Eines gesehenen, 
was dieses Schuldgefühl noch erheblich vermehrte. Er hatte bei solchen 
Gelegenheiten vorher und nachher ausnahmslos die Befriedigung durch 
mutuelle Onanie herbeigeführt, damals aber - „ich verstehe selbst nicht, 
wie ich darauf verfiel", bemerkte er — war von ihm an dem „Ver- 
führten" ein coitus per anum ausgeführt worden. 

Zufälligerweise befand sich zu gleicher Zeit — wovon jener Ana- 
lysand selbstverständlich nichts wußte — ein junges Madchen bei mir 
in der Analyse, das die Spielgefährtin jenes „völlig reinen jungen 
Mannes gewesen war, als sie beide etwa zehn Jahre alt waren. Damals 
hatten ihre Kinderspiele jenen bekannten, ins Sexuelle hinüberfuhrenden 
Charakter angenommen. Besonders peinlich war ihr die Erinnerung, daß 
ihr Gefährte sie aufgefordert hatte, den Einger recht weit in seinen 
After zu stecken, was von ihr auch ausgeführt worden war. 

Es läßt sich wohl mit Sicherheit annehmen, daß, wenigstens was 
die Form der Sexualbefriedigung anlangt, der Verführte in Wirklichkeit 
der Verführer war, der dabei von den, schon in der Vorpubertat durch 
ihre abnorme Steigerung hervorgetretenen Ansprüchen der erogenen 
Analzone geleitet wurde. 

6. 

Das Geheimnis der Zahl. 

Ein Analysand berichtet, daß er am vorhergehenden Abend einen 
Maskenball besucht habe, und zwar als Frau verkleidet. Es handelt 
sich mm einen Homosexuellen, der auf diese Weise die Phantasie, ein 
Weib zu sein, aus seiner Kindheit wiederholt. In der Schule, die er 
in seinen Pubertätsjahren besuchte, wurde mutuelle Onanie unter den 
Schülern in stärkstem Ausmaß betrieben, was zur Verstärkung seiner 
Fixierung erheblich beigetragen hatte. Als er mit 15 Jahren an eine 
andere Schule kam, beschloß er, von jetzt an mit diesen Praktiken ganz 
zu brechen und sich keusch zu erhalten, was ihm aber nicht vollständig 
gelang. Er erzählt nun von dem gestrigen Maskenball, bei dem das 
Faschingstreiben ziemlich wüst und ausgelassen war. Er habe dabei 
in seiner weiblichen Verkleidung so recht gespürt, daß in ihm die An- 
lage zu einer Dirne stecke, die im stände ^sei, „27 Kerle zu reizen, 
ohne sich einen ganz auf den Leib zu lassen". 

Meine Frage: „Warum gerade 27?" erwidert er mit offenem Hohn. 
Wegen des schönen Klanges. (Halb singend:) Siebenundzwanzig. Drei- 
ünddreißig, das klingt noch schöner. 27 ist leider nicht einmal die 
Hausnummer des Herrn N. - Oder 27 Franken? Oder 2 Franken 70? 
Was meinen Sie?" Ich versichere ihm, daß die Zahl nicht willkürlich 
gewählt sei, ohne ihn aber bei der Deutung' festzuhalten. Seme Ein- 
fälle nehmen nun .eine andere Richtung und er teilt mir u. a. mit, daß 
seine homosexuelle Liebeseinstellung in letzter Zeit eine Veränderung 
durchgemacht habe. Junge Männer seien ihm jetzt gleichgültig ge- 
worden, dagegen interessiere er sich für Knaben zwischen 15 und 17 
Jahren (sein Alter, als er in der zweiten Schule in N. war). 

Gegen Schluß der Stunde schlägt seine ironische Haltung gegen 
mich in eine liebenswürdige, beinah© zärtliche um. Dann folgt eine 



Hanns Sachs: Eine Bestätigung. 



261 



Stockung mit deutlichen Zeichen des Widerstandes. Auf mein Befragen 
erklärt er, er habe jetzt ein Bild vor sich gehabt, aber das könne er 
nicht sagen, das sei zu ekelhaft. Nach einigem Zureden schildert er 
seine Phantasie : er sah an dem Lüster, der in der Mitte des Behandlungs- 
zimmers hängt, einen Penis baumeln. Ich frage ihn: „Also dort, wo 
früher der Mistelzweig aufgehängt war," er fährt aber nach einer Pause 
plötzlich heraus: „27 Schüler waren in meiner Klasse in N." 

Die „27 Kerle" sind also eine unbewußte Reminiszenz an die Schule 
in N., wo er sich die gewohnte Sexualbefriedigung mit den Mitschülern 
versagt, aber gewiß um so intensiver gewünscht hatte. Die Bevorzugung 
an Knaben jetues Alters, das damals er und seine Mitschüler hatten, 
entspricht einer Fixierungsstelle. 

Der Analysand sucht der Aufklärung noch Widerstand entgegen- 
zusetzen und flüchtet zunächst in den Zweifel, es könnten viel- 
leicht auch 28 in der Klasse gewesen sein. Als ihm klargelegt wird, 
daß diese Zahl nicht minder passen würde, wehrt er sich durch Hervor- 
hebung einer anderen Determinante: „Als Sie den Mistelzweig nannten, 
dachte ich an ein Weihnachtsfest in unserem Landhaus, wo das Zimmer 
mit solchen Zweigen geschmückt war. Damals war meine ganze Klasse 
zugegen und so fiel mir ein, daß es 27 gewesen seien. Gegen diese 
Erklärung ist nichts einzuwenden, im Gegenteil, sie zeigt, wie der Zug 
der Assoziationen von einem durchaus gleichgültigen Detail auf die 
Zahl 27 hinstrebte und die Aufklärung brachte, während unter der Herr- 
schaft des noch ungebrochenen Widerstandes das von der Zahl aus- 
gehende Raten ganz vergebliches Bemühen geblieben war. 




7. 

Eine Bestätigung. 

Eine an Zwangsneurose leidend© Analysandin erzählt in mehreren, 
nicht unimittelbar aufeinanderfolgenden, aber zeitlich nahe beisammen- 
liegenden Sitzungen drei Erlebnisse der letzten Zeit, die alle denselben 
Inhalt haben : Sie hatte jedesmal bei einem Ausgang irgend etwas be- 
merkt, was ihr die Sicherheit der Passanten zu gefährden schien, und 
sogleich in sich die Pflicht gefühlt, die betreffende Aufsichtsbehörde auf 
die Gefahr aufmerksam zu machen, bzw. auf Abstellung zu dringen ; dieser 
selbstauferlegten Pflicht war sie dann unter großem Aufwand von Zeit 
und Mühe nachgekommen. Das eine Mal handelte es sich um die Lücken 
im Bohlenbelag einer Brücke, beide andere Male um eine Gefährdung durch 
das Herabfallen eines Gegenstandes, und zwar um einen herunterhängen- 
den Telegraphendraht und um einen, den Bestandteil eines Stationsnamens 
bildenden Bleibuchstaben. — Bei der ersten Erzählung, die den Tele- 
graphendraht betraf, war die Analysandin während des Berichtes zweimal, 
scheinbar willkürlich, abgeschweift. Ihr kam in den Sinn, daß sie von 
ihrer Schwägerin wegen der falschen Aussprache eines Fremdwortes einmal 
zurechtgewiesen worden sei, später fiel ihr ein kleines Ereignis desselben 
Tages ein, wie ihr jüngerer Bruder über eine Frage, die sie an ihn gerichtet 
hatte, höhnisch lächelte. 

An diese beiden Zwischeneinfälle konnte ich mit meiner Deutung an- 
knüpfen. Sie wisse bereits, daß derartige Besorgnisse die Reaktion auf 
unbewußte böse Wünsche seien. Es handle sich um alte, aber im Unbe- 
wußten noch bestehende Schädigungsimpulse gegen nahestehende Per- 



262 



Mitteilungen. 



sonen. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß die Zwischeneinfälle „zu- 
fällig" gerade jene Personen betreffen, hinsichtlich deren sich der ver- 
drängte Haß schon wiederholt deutlich gemeldet hatte: gegen den jün- 
geren Bruder richte sich ihr Haß als den Rivalen in der Kinderstube, gegen 
die Schwägerin als die Gattin des zum Ersatz des Vaters gewordenen 
älteren Bruders. Überdies beträfen beide Einfälle Gelegenheiten, bei denen 
sie sich von jenen herausgefordert und beleidigt gefühlt habe. 

Sie widersprach nicht und ebensowenig, als ich nach der zweiten Er- 
zählung die Deutung wiederholte. Um so intensiver wurde ihr Einspruch 
nach dem dritten Bericht, der den schlecht befestigten Buchstaben betraf. 
Sie erklärte, sie glaube einfach nichts von alledem; sie wisse, was ihre 
Pflicht sei und wenn andere Leute gleichgültiger dagegen seien und sie 
lächerlich fänden, so kümmere sie das gar nicht. Überhaupt habe sie 
nicht aus Ängstlichkeit oder aus Schuldbewußtsein gehandelt, sondern 
aus Pflichtgefühl. 

In der Periode, in welcher diese Erlebnisse erzählt wurden, hatte sich 
eine neue Angewohnheit der Analysandin gebildet, die man als „passagere 
Symptombildung" (E e r en c z i) gelten lassen kann. Unmittelbar über 
dem Divan, auf dem sie während der Analyse lag, hing etwa 1 / 2 Meter 
über ihrem Kopfe ein kleines Bild. Sie begann nun eines Tages mit einer 
Hand an der Wand herumzutasten, so daß sie sich stets in der Nähe des 
Bildes bewegte. Einmal berührte sie es wirklich und erklärte, sie habe 
es fast hinuntergeworfen. Sie begann Befürchtungen zu äußern, daß sie 
das Bild zerschlagen könnte, stellte aber ihre Armbewegungen keineswegs 
ein. Hingegen fragte sie mich nach allen Richtungen aus, was ich in 
diesem Ealle tun würde, und verlangte schließlich von mir kategorisch, 
ich müsse das Bild wo anders hinhängen, was ich natürlich verweigerte. 

Wir waren damals eben mitten in neuerwachenden Erinnerungen an 
die Kindheitsmasturhation und, da ich das „passagere Symptom" in diesen 
Zusammenhang einreihte, so beging ich den Fehler, die Analogie mit der 
in jenen drei Geschichten ausgedrückten „Angst vor dem Herabfallen 
und Beschädigen" vollkommen zu übersehen, so nahe mir dies auch von 
der Analysandin durch den an mich, genau wie an jene Aufsichtspersonen 
gerichteten Auftrag, die Gefahr zu beseitigen, gelegt worden war. 

In der nächsten Stunde nach jener Ablehnung meiner Deutung wiar 
die Analysandin in vollstem Aufruhr und Widerstand. Sie befahl mir zu 
sprechen, wenn ich schwieg, schnitt mir das Wort ab, wenn ich zu sprechen 
begann und ihr Einfallsmaterial bestand fast nur aus unfreundlichen 
Bezeichnungen für mich und die Analyse. Mitten darin begann sie mit 
ihren Handbewegungen, berührte das Bild selbst und sagte dann: „Sie 
wollen das Bild nicht weghängen? Gut, dann ist es Ihre Schuld, wenn 
es herabfällt. Ich wünsche mir jetzt, daß es herabfällt und ein Glas- 
splitter soll Ihnen ins Auge geraten. — Das letzte war mir unangenehm 
zu sagen und ich weiß auch nicht, ob ich es wirklich wünschte." 

Ich durfte ihr nun erklären, daß sie das Vorhandensein böser Wünsche 
gegen ihre Umgebung — und zwar gerade im Zusammenhang mit der 
Schädigung durch herabfallende Gegenstände — nicht mehr in Abrede 
stellen könne. 



E. Hitschmann: Urethralerotik und Zwangsneurose. 



263 



8. 

Eine Symptomhandlung während der Analyse. 

Ein junges Mädchen, das an Zwangsneurose leidet, erzählt in. der 
Analyse, sie sei, als sie etwa li Jahre alt war — angeblich, weil sie 
nicht bemerkt hatte, daß sie früher als gewöhnlich erwacht war — in 
das Zimmer ihrer Tante, bei der sie sich auf Besuch befand, einge- 
drungen und habe dieselbe beim Anziehen mit nacktem Unterkörper und 
entblößtem Genitale überrascht, weshalb sie von der Tante mit einem 
strengen Verweis angefahren worden sei. Als sie den Bericht beendigt 
hat, fragt sie: „Haben Sie mich jetzt beobachtet?" (Eine bei ihr typisch 
wiederkehrende „Zwangsfrage".) Sie fügt der Frag© dann hinzu, sie müsse 
jetzt etwas ihr sehr Unangenehmes sagen, und gesteht, sie habe wäh- 
rend des Sprechens „gedankenlos" den neben ihrem Ruhebett stehenden 
Kasten ein wenig geöffnet und hineingeschaut, was ich doch, wenn ich 
es bemerkt habe, für eine grobe Indiskretion ihrerseits halten müsse. 

Ich konnte ihr antworten, daß sie mir mit dieser Symptomhandlung 
ihre Neugierde (eigentlich: Schaulust) vorgespielt habe, und also da- 
mals nicht aus Irrtum, sondern von sexueller Neugierde getrieben bei 
der Tante eingedrungen war ■ — ■ eine Ansicht, die übrigens die letztere 
geteilt zu haben scheint. 



Urethralerotik und Zwangsneurose. 

Vorläufige Mitteilung von Dr. E. Hitschmann. 

Im Verlaufe von Analysen an Zwangsneurotikern ist mir aufgefallen, 
wie häufig und stark ausgebildet sich urethralerotische Symptome nach- 
weisen lassen. Sämtliche Zwangskranke zeigten daneben den sadistischen 
Partialtrieb sowie auch den analerotischen, als die dispositionelle prä^ 
genitale Organisation beherrschend. 

Es handelt sich bei den kindlichen Zwangsneurosen wie bei den 
juvenilen und älteren um Individuen, die lange an Enuresis gelitten hatten 
oder noch gelegentlich näßten oder Pollutionsträume mit Harnerguß auf- 
wiesen. Ein achtjähriges Mädchen urinierte zwangshaft vier- bis fünfmal 
nacheinander, saß über eine Stunde lang auf dem Topf, „konnte nicht 
aufstehen, mußte bis 8 zählen, wobei sie irre wurde". Eine Sechzehn- 
jährige mit Waschzwang hatte bis zum vierten Jahre genäßt, mit neun 
Jahren durch ein halbes Jahr tagsüber genäßt, und näßt wieder zunehmend 
angeblich zwangshaft, seit einem halben Jahre. Ein 21jähriger Zwangs- 
neurotiker mit schwerem Waschzwang litt bis zum 13. Lebensjahre an 
Bettnässen. Die Zahl der Beispiele ließe sich noch reichlich ergänzen. 

Zweifellos gehören die Analerotik und Urethralerotik derselben Ent- 
wicklungszeit an, sie finden sich bei Perversen gleichmäßig mit Sadismus 
verschränkt. Z. B. hatte ein perverser Zwangsgrübler folgende Onanie- 
phantasien: er bestraft sadistisch weibliche und männliche Individuen 
durch Bemachen mit Stuhl oder Anpissen mit Urin. In seinen masochisti- 
schen Phantasien muß er sich von Männern anmachen lassen oder sie 
anal lecken, von weiblichen Individuen wird er im Gesicht bepißt oder ge- 
zwungen, ihnen Cunnilinguus zu machen. 



264 



Mitteilungen. 



Die Erziehung des Bettnässers zur Trockenheit gibt ebensoviel Anlaß 
zu Wut oder strengen Strafen des Erziehers und zu Trotz des Erzogenen 
wie die Stuhlerziehung. 

Einen Urethraloharakter, ähnlich dem Analcharakter, kennen wir 
zwar nicht, aber zwei Züge x ) werden empirisch doch an den seinerzeitigen 
Urethralerotikern später konstatiert, der „brennende" Ehrgeiz und Vorliebe 
für Betätigung im und Beschäftigung mit dem Wasser. Geistiger Ehrgeiz 
findet sich beim Zwangsneurotiker oft stark ausgebildet, nicht ohne Zu- 
sammenhang vielleicht mit der „Allmacht der Gedanken" und dem Nar- 
zißmus. Die Exzesse beim Baden und Waschen scheinen nun mit der 
Urethralerotik in engem Zusammenhang (Harn = Wasser) zu stehen. 

Die starke Ausbildung von Harnerotik bei Zwangskranken steht sta- 
tistisch fest, den näheren Zusammenhang sollen noch weitere Analysen 
erweisen, so insbesondere, ob die Harnerotik zur Disposition zu 
rechnen ist, wie die Analerotik?), oder nur eine ergän- 
zende symptomatische Rolle spielt. 

Es sei noch ergänzt, daß das Auftreten vpn Enuresis im Verlaufe 
einer Zwangsneurose gelegentlich auch als Zeichen des Zerfalls der sexuellen 
Organisation und damit als Vorzeichen einer Dementia praecox aufgefaßt 
werden muß. (Freu d.) 



Psychotechnik und Psychoanalyse. 

Kritische Bemerkungen 8 ) von Dr. U. Grüninger (Zürich). 

Die niedergehende akademische Experimentalpsychologie verwandelt 
sich anscheinend in eine Psychologie der psychophysischen Arbeitsbedin- 
gungen. Die Hilfsmittel sind die alten, experimentellen, das Objekt aber 
ist — endlich — das tätige Leben. Die Literatur darüber wächst in dem 
Maße, wie die veraltete zurückbleibt, und sie atmet einen erfreulich 
frischen Geist. 

Die Psychotechnik kam durch die Wirtschaftsnot zur Anerkennung. 
Ihr Ursprung ist der amerikanische Taylorismus. Wir erkennen in ihr 
eine noch hoch entwicklungsfähige und notwendig gewordene Forschungs- 
methode, soweit sie die objektiven Arbeitsbedingungen erforscht und die 
subjektiven richtig wertet. Es steht außer Zweifel, daß der noch ver- 
hältnismäßig einfache, bewußte Funktionenkomplex von Wahrnehmungen, 
Bewegungen, Aufmerksamkeit usw. in Stichproben erfaßbar ist. Es han- 
delt sich um eng begrenzte, mechanische Tätigkeiten, die nicht bleibende 
Persönlichkeitswerte vermitteln, die automatisch und reflexiv vor sich 
gehen sollen. Die Psychotechnik hat darum dort große Erfolge, wo Auto- 
matismen und Reflexe verlangt sind (Maschinenbedienung, Kontrolltätig- 
keiten, Lenkerberufe). Die Produktion oder Betriebssicherheit soll nach 



!) Vgl. Sadger, „Über Urethralerotik", Jahrbuch für pa. u. psychopat. 
Forschungen, II. Band. 

2 ) Vgl. Freud, „Die Disposition zur Zwangsneurose", Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge. 

3 ) Dr. A. Kühne (M. Ullrich, Piorkowski, Nenke, Wolff, Bern- 
hard), Berufswahl und Berufsberatung. Eine Einführung in die Praxis. 1919. — 
Dr. E. Stern, Psychologie der Berufseignung. Ein Sammelbericht. Zeitschrift 
für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. Heft 2, 1920. • — Dr. W. Moede- 
Dr. C. Piorkowski, Praktische Psychologie. Monatsschrift für die gesamte 
angewandte Psychologie, für Berufsberatung und industrielle Psychotechnik. 
1. Jahrgang. Leipzig 1920. 



U. Griininger: Psychotechnik und Psychoanalyse. 



265 



psychotechnischer Auswahl des Personals in Großbetrieben bis zu mehreren 
hundert Prozent zugenommen haben. Die Eignungsprüfung hat also auf 
diesem Gebiet ihre Tauglichkeit bewiesen und damit eine Industriepsycho- 
logie begründet. 

Nicht so einfach und unbedenklich erscheint mir die Begabtenauslese 
und Intelligenzprüfung auf der heutigen psychotechnischen Grundlage. 
Peinlich auffällig ist die Umgehung oder Ignorierung der affektiven, un- 
bewußten Seite der Psyche, was die Psychotechnik mit jeder anderen Be- 
wußtseinspsychologie gemein hat. Die Psychoanalyse weist seit Jahr- 
zehnten schon den überragenden Einfluß des Affektlebens gerade auf die 
hochwertigen Leistungen nach, und nun kommt eine viel jüngere, uner- 
fahrene Wissenschaft und glaubt, an solchen Tatsachen vorbeigehen zu 
können. Im oben zitierten Buche (Kühne, Berufswahl und Berufs- 
beratung), das den ganzen psychotechnischen Prüfungsapparat beschreibt, 
findet sich einzig auf der Seite 62 die Erwähnung der Gefühlsmomente. 
Allerdings mit dem Geständnis : „. . . man könnte sonst zu groben Trug- 
schlüssen kommen." Die Konsequenz daraus ist nicht gezogen. 

Mit zuverlässigen Stichproben (Tests) und genügender Erfahrung 
lassen sich unzweifelhaft wertvolle Feststellungen machen. Die Psycho- 
techniker (hier Piorkowski) scheinen aber noch ziemlich unbefangen 
darin zu sein, was als Intelligenz anzusprechen ist. Sie müßten die 
inneren Krisen, symbolische Abschweifungen, Phantasien, den affek- 
tiven Aufruhr im Zusammenhang der großen Leistungen jener schöpferi- 
schen Menschen, bei denen das Intelligenzkriterium zu holen wäre, auch 
beachten. Ich bin noch der Meinung, daß man mit dieser Methode der 
Begabtenauslese die eigentlich Hochbegabten nicht zuverlässig findet und 
die Schwachen, sobald sie triebhaft und vielleicht noch moralisch verwahr- 
lost sind, nicht immer entlarvt. Das (autistische) Eaffinement trieb- 
hafter Debiler oder tieferstehender verfügt oft über Kombinationsfähig- 
keit, Situationsklarheit, Erinnerungskraft, auf die selbst Piorkowski- 
sche Teste nicht geaicht sind. Das ist meine mehrfache Wahrnehmung 
(an schwererziehbaren und rechtsbrecherischen Mündeln). Die schöpfe- 
rische Intelligenz arbeitet noch mit anderen als bloß rationalen Mitteln, 
darum versagen hier die bisherigen Tests. Das Studium der Träume 
(der Traumarbeit) und der künstlerischen Inspiration lassen das zur Ge- 
nüge erkennen, und wissenschaftliche oder höhere technische Begabung 
ist darin nicht wesensverschieden. Erich Stern lehnt sehr bezeichnend 
selbst W. Ostwalds biographischen Versuch zum Studium der Biologie 
des Genies ab, worin Ostwald den emotionalen Momenten der Ent- 
wicklung unbefangenes Verständnis entgegenbrachte. Seine (Ost- 
walds) Angaben seien „viel zu allgemein gehalten, als daß sich sehr 
viel mit ihnen anfangen ließe". Die Psychotechnik muß Zeit gewinnen 
und verliert den Tiefenblick. In so hochwertigen Eigenschaften wie bei 
der schöpferischen Intelligenz spielen vor allem andere unberechenbare 
Dinge mit. Beim Gedanken, daß durch die psychotechnische Begabten- 
auslese i) die jungen Menschen für Jahre als Begabte usw. wissenschaft- 
lich gestempelt sind, kann angesichts der Konsequenzen, Zurückhaltung 
heute noch gerechtfertigt sein. Die Psychotechniker werden Ostwald 
doch besser beachten müssen,, wenn sie dem Begabten einen Dienst 

1) Moede und Piorkowski, Die Berliner Begabtenschulen und die 
experimentell-psychologischen Methoden der Schülerauswahl. II. Aufl., 1918. 






266 



Mitteilungen. 



I 



erweisen wollen. Er bemerkte, wie spät und „zufällig" oft die produktive 
Kraft durchbrach und wie geringes Ansehen die jugendliche Intelligenz 
mancher großer Männer hatte (Jul. Rob. Mayer, Pestalozzi u.v.a.). 

Schwerer wiegt ein dritter Punkt, der in gewissen Fällen selbst die 
psychotechnische Eignungsprüfung des industriellen Arbeiters entwertet. 
Ich bemerke nicht selten, allerdings an extremem Material, daß Jugend- 
liche, trotz ausgewiesener Eignung, nicht berufstüchtig sind. Ich denke 
nicht an Arbeitsscheue, aber an eine große Zahl von Triebhaften, zeitweise 
Verstimmten, Pechvögeln, Durchbrennern, plötzlich Interesselosen, die ihre 
Arbeit unausgesetzt wechseln. Sie sind keine Versager in technischer 
Hinsicht, leiden aber an einem dunklen Drang. Die psychotechnische 
Eignungsprüfung würde gleiche Ergebnisse zeigen wie bei Guterziehbaren 
(vielleicht gelegentlich ein besseres, weil periodisch überbetonte Vorliebe 
nicht selten ist). Die affektiven, also unbewußt determinierenden Mo- 
mente wären der Psychotechnik als ausschließlicher Bewußtseinspsycho- 
logie ebenso entgangen wie dem raschen gemeinen Urteil. 

Die Psychotechnik arbeitet mit der — leider — so 
selten gegebenen Voraussetzung der Intaktheit des 
Gefühlslebens. 

Der „Beobachtungsbogen", von dem Erich Stern behauptet, daß er 
dem Ostwaldschen Vorgehen entspreche, ist eine besonders fragliche 
Sache, sobald Gefühlsdefekte vorliegen und darum eine Prüfung besonders 
wünschenswert wäre. Die Psychoanalyse weist klar genug nach, wie un- 
wesentlich der Inhalt von Mitteilungen und Selbstbeobachtungen (Lebens- 
lauf) oft ist. Das Lebenswichtige ist darin in der Regel nicht ausge- 
sprochen oder nur unkenntlich angedeutet. 

Die Psychotechnik erstrebt das hohe Ziel der wissenschaftlichen Be- 
rufsberatung. Diese ist nirgends dringender als bei Schwererziehbaren, 
wo die Psychotechnik versagen muß. Wenn diese Untersuchungsmethode, 
über ihre Domäne hinausgreifend, die Prüfungsergebnisse als unantastbar 
angibt, dann ist sie nicht unbedenklich. Ich denke an versperrte Lauf- 
bahnen Hochbegabter, die durch neurotische Hemmungen die psychotechni- 
schen Begabungsausweise nicht erlangen können, aber auch an die vielen 
begabten Schwererziehbaren, die, trotz psychotechnischer Beratung, durch 
Gemütsschäden ratlos bleiben. In diesem Punkte müßte die Psychoanalyse 
mit ihrem ganzen Gewicht zur Geltung kommen, psychologisch und ge- 
gebenenfalls psychotherapeutisch. Die Tests, heute noch einseitig an das 
Bewußtsein angepaßt, geben allerdings Auskünfte über die bewußt verfüg- 
baren Funktionen, leider nicht über die motivische Seite des Seelenlebens. 

Nach der Abfassung obiger Bemerkungen lese ich den Aufsatz von 
Dr. Franziska Baumgarten (in der Zeitschrift für „Praktische Psycho- 
logie", Moede und Piorkowski) : Die psychoanalytische Bewe- 
gung. Darjin ist dem Bedenken der Einseitigkeit des psychotechnischen 
Experiments Ausdruck gegeben angesichts des psychoanalytischen Tat- 
sachenmaterials. Die Aufnahme dieses Referates in der Zeitschrift der 
Psychotechniker und die darin enthaltene Selbstkritik sind erfreulich 1 ). 

i) Weniger dagegen die Ignorierung, die der Autor des Referates der Mit- 
arbeit zu teil werden läßt, die Freud gerade in letzter Zeit in der Schweiz 
gewonnen und die vor mehr als Jahresfrist zur Gründung der Schweizerischen 
Gesellschaft für Psychoanalyse geführt hat, was dem Verfasser bekannt war. 
Das Eeferat schließt mit der irreführenden Konstatierung, daß Zürich und die 
Schweiz der Sitz der heftigsten Gegnerschaft von Freud geworden sei. — Der 



Henri Flournoy: Symbolisme de la Clef. 



267 




Symbolisme de la Clef. 

Par le Dr Henri Flonrnoy, Privat docent ä la Faculte' de m^decine de Geneve. 
C'est unfait de constatation courante que 1'homme n'exprime pas toujours 
ses pensees par les termes propres et strjcteraent adaptes, que la langue 
met a sa Disposition. Souvent il prefere recourir, pour des motifs que 
jai cberche a exposer dans un article precedenti), ä des voies detournees, 
ä des metaphores ou ä des imäges, qui n'ont que des relations indirectes 
avec les idees qu'elles representent. Mais leur emploi peut s'Stre generalise 
de teile sorte que tout le monde comprend ce qu'elles veulent dire: on 
ne s etonne guere que le lion puisse §tre l'embleme! de l'autorite royale 
m que latalanoe soit oelui de la justice. Tel objet ou imäge peut donc 
avoir, a cöte de son sens reel, ün sens figure ou symbolique. Eemarquons 
des mamtenant qu'il doit exister au moins un point commun ientre 
lobjet et soa Symbole, comme la justice et la balance, qui ont toutes 
öeux pour fonction de peser le pour et le contre; sans cela il fnje 
nous viendrait pas ä l'esprit d'associer deux choses aussi distinctes, ni 
d operer entre elles la „confusion" qui est ä la base du symbolisme, 

_ Les expressions symboliques abondent dans les delires, les hallu- 
cmations et dans les reves; mais comme leur cboix y dopend de fac- 
teurs persomiels et inconscients, il est beaucoup moins facile d'en saisir 
la sigmfication. Le sujet lui-meme l'ignore dajis la plupart des cas, 
a morns qu'il ne fasse un effort pour la decouvrir: tel cet individu qui 

T tl\ Se Vit dam Üne 6gHse ä c6t6 de la fill ' e d ' un souverain, dont 
ii netait separe que par une coupe de communion; il n'etait pas arrive 
tout seul a se rendre compte que ce tableau trahissait des preoccupations 
concernant a la fois ,sa vi« oonjugale et certaines difficultes d'ordre social. 
Freud a montre que ce qui touche au domaine de la sexualite est 
particuherement apte ä §tre refoule et ä reparaitre sous forme symbo- 
lique. Partant de ce principe, il a m§me cberche ä etablir une sorte de 
lexique mdiquant, pour un grand nombre d'objets, quelle peut Öftre, dans 
la sphere sexuelle, leur sens voile le plus frequent^). Cette tentative 
a souleve, comme on pouvait s'y attendre, une nuee de protestations et 
de commentaires dedaigneüx; on est cependant bien oblige d'admettre la 
notion du symbolisme sexuel pour eclairer certains phenomenes de psycho- 
logie^ normale ou anormale qui, sans cela, resteraient incomprehensibles 
Oe n est pas un effet du hasard si la legende veut que la tentation du 
peche origm el se soit presentee ä Eve d'abord sous la forme d'un serpent, 

wahrnehnmngsdiagnostische Versuch, über den Rorschach in einer der letzten 
Sitzungen der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse ausführlich be- 
richtete (vgl. den Sitzungsbericht vom 26. März d. J.), ist nicht nur _ und 
vielleicht in höherem Maße als die heute üblichen Testprüfungen - geei-net 
wirklich vorhandene und schlummernde Fakultäten nachzuweisen, sondern ver- 
fugt über jenen Vorteil, den Grünin ger in der heutigen Psychotechnik ver- 
mißt und dessen Mangel er mit Eecht als eine bedenkliche Schattenseite des 
einseitigen Testverfahrens bezeichnet, daß er nämlich gleichzeitig und in um- 
fassender Weise über die Affektivität und die Triebrichtung der Versuchsperson 
Auskunft gibt. (Anmkg. d. Red.) 

i) Quelques remarques sur le symbolisme dans l'hysterie Archives de 
Psychologie, 1919, XVII, p. 208. 

2 ) Die Traumdeutung. Leipzig et Vienne, 1914, 4me ed., p. 262. 



268 



Mitteilungen. 



— ni si cet animal continue ä frequenter les fantaisies de bien des femmes, 
dans des pays ou son importance zoologique est pourtant tres secondaire. 

La connexion, le point commun entre le symbole et la chose qu'il 
represente, est de natura variable; une ressemblance de forme ^ peut 
suffire, comme dans l'exemple oi-dessus, oü eile est renforcee d'ailleurs 
par la erainte du danger, inherente aussi bien ä l'idee du serpent qu'ä 
oelle de la tentation sexuelle. D'autres fois, c'est une simple analogie 
dans la Situation qui permet d'appliquer aux elernents inanimes^ des 
images humaines beaucoup plus expressives, comme lorsque nous disons 
les „entrailles" de la terre, pour designier oe qui est ä l'interieur; ou 
bien nous nous laissons guider par la tendance inverse, afin d'eviter des 
allusions corporelles, en parlant du „giron" d'une mere. Enfin une simili- 
tude de fonction peut justifier l'emploi de tel ou tel symbole; o'est 
dans cette categorie que je ferais rentrer la clef, instrument dont le 
röle est de penetrer et d'ouvrir. 

Le sens masculin que la olef peut avoir dans les rlves ou dans les 
delires — et sa forme y est dans doute aussi pour quelque chose — n'a 
pas besoin d'explication ; pas davantage le sens feminin que prennent 
parfois divers objets qui reclament 1'usage d'une olef, entre autres les 
serrures, coffres, tiroirs, valises, maisons, et en langage poetique les 
chateaux et citadelles 1 ). 

N'y a-t-il pas un juste milieu entre le point de vue de quelques fana- 
tiques de la doctrine, pour lesquels il faudrait toujours chercher tune 
signification sexuelle inconsciente, — et l'opinion des adversaires qui, 
par principe, jugent toutes les interpretations symboliques comme arbi- 
traires ou erronees et estimeint qu'on ne devrait jamais y recourir? 
II va de soi que si Ton cherche ä expliquer un fragment delirant, onirique 
ou hallucinatoire, on ne peut se passer d'hypotheses, et Ton s'expose par 
lä ä cominettre des erreurs. Mais il est clair aussi que oe n'est que par 

i) Le Prof. Weber a publie le reve d'une alienee aux tendances fortement 
erotiques, qui montre le symbolisme de oes divers objets (Petite Psychologie, 
Aren, de' Neurol., juillet 1913). Plusieurs annöes apres, la malade me^ raoonte 
ce rSve aveo quelques variantes, mais le fond est le meme: „J'etais ä la nie 
de la Synagogue avec M. W.; nous sommes entres dans une allee qui meue 
ä la rue de la Bourse (que j'habitais au inoment de me marier; o'est lä que 
j'ai commence ä frequenter). Je portais une petite. valise ou sao de voyage, 
dont nous ne trouvions pas la clef; j'etais enervee d'avoir cette valise fermee. 
Tout ä coup l'idee m'est venue qu'avec l'aide du parapluie que portait M. W., 
je pourrais ouvrir mon petit sac. La poignee du parapluie avait la forme d'un 
fer ä cheval avec un crochet au milieu; je m'en suis servie pour tourner dans 
la serrure du sac, et pour l'ouvrir comme avec une clef." Puis le reve se 
termine chez un perruquier, oü l'on fait la barbe (les poils) avec de l'ecume 
de savon! — Pour le symbolisme des chateaux, lire entre autres la poesie 
d'Uhland: „Graf Eberstein" (Gedichte, Stuttgart, 1860, 7me ed., p. 325). 
Apres avoir vaillamment defendu son chäteau contre une attaque noctume, que 
la fille de l'empereur lui avait predite la veille en lui recommandant de^ se 
tenir sur ses gardes, le comte Eberstein obtient la main de cette derniere 
comme recompense : 

Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Beigen, 
Da flüstert er leise, nicht kann er's verschweigen: 
„Schön Jungfräulein, 
Hüte dich fein! 
Heut' nacht wird ein Schlößlein gefährdet sein." 






Henri Flournoy: Symbolisme de la Clef. 



269 



la compaxaison d'une foule d'exemples, et apres bien des tätonnements, 
que Ton finira paar decouvrir le sens le plus habituel que peut prendre 
ohaque figure du hieroglyphe. 




On a publie des exemples aaalogues tires des ceuvres de Shakespeare, 
Goethe, et d'autres poetes (voir Rank, Dattner, Keik, Internat. Zeitschrift, 
1914, II, p. 50). ■ — » La mythologle aussi est toute penetree de symbolismes, 
dont l'etude a et6 faxte surtout par Hank, Jones, Jung ete. Dans la legende 
suivante on voit transpercer la signification sexuelle du coffret, de la boite, 
comme objet de seduotion presente par la femme, Lorsque Promethee eut vole 
le feu du oiel pour fabriquer un homme, Jupiter irrite ordonna ä Vulcain de 
forger une femme, Pandore, ä laquelle Venus donna fcous les charmes et les 
attraits de son sex». Pandore fut chargee d'offrir une boite bien close, remplie 
de tous les maux, ä Promethee ; mais celni-ci se mefia, refusa de toucher 
ä la boite, et fut alors enchaine. Par contre son frere, Epimethee, ne put 
resister au piöge; en voyant la belle Pandore, il i'accueülit, devint son epoux 
et ouvrit ■ — on peut bien se demander avec quelle clef — le rnysterieux coffret 



270 



Mitteilungen. 



En ce qui conceme le symbolisme de la clef, l'etrange dessin reproduit 
ici me parait constituer un document interessant. II est l'ceuvre d'un 
ancieii charpentier hallucine et dement, interne depuis bien des annees 
ä l'Asile d'alienes de Rosegg, oü il a eouvert une porte de gravures 
analogues. D'apres les renseignemetits qu'il fournit, les organes genitaux 
mäles se composent d'un Systeme de canalisation dont Pouverture varie 
Selon la nationalite : eile est carree pour les Francais, ovale ou ronde 
pour les Anglais. Mais la plupart du temps le trou en question, le meat, 
situe ä l'extremite de Toi-gane, est ferme, en sorte qu'il ne se distingue 
pas sur les dessins. Quant aux creatures femelles, beaucoup plus rares, 
elles different des autres par un largo orifioe qui se trouve ä la base 
du „caisson" representant le eorps. 

Ce qu'il y a de plus curieux, o'est que le malade ne parle pas de clef s ; 
mais comment se fait-il que chaque fois qu'il veut figurer les parties 
viriles d'un de ses singuliers personnages, il nous donne en realite l'image 
d'une clef? Est-il assez inconscient pour ne pas voir la ressemblance, 
■ — ou est-ce nous qui sommes victime d'une illusion? Dans un cas comme 
dans l'autre, il y a une „confusion" entre deux choses distinctes, due 
ä un point commun: l'analogie de forme ou de fonction. Que cette con- 
fusion, qui est ä la base de tout Symbole, se soit produite dans l'esprit 
.de notre fou ou dans le nötre, peu importe; eile n'en existe pas moins 
comme fait psychologique 1 ). 

qu'elle apportait. Tous les maux s'en echapperent et s© repandirent sur lo 
monde, comme ceux dont le peche originel fut la cause d'apres le reeit de la 
Genese. Mais une seule chose, bonne celle-ci, resta au fond de la boite: l'espe- 
rance. 

l ) Je remercie M. le Docteur Greppin, Directeur de l'Asile canfconal 
d'alienes de Rosegg- (Soleure), de m'avoir permis d'utiliser l'observation de 
ce malade, et d'en reproduire les dessins. Comme point de repere pour les 
dimensions, le cadre qui entoure chacun de cea dessins mesure uniformement. 
sur les originaux, 20 centimetres de hauteur sur I6V2 de largeur. L'une des 
inscriptions indique: „couranfc electrique insuffle ä travers la tete au moyen 
d'un cor"; l'autre: „deux hommes dtnent a la meme table et se disputent". 




Kritiken und Referate. 



Prof. E. Bleuler, Das autis tisch -undisziplinierte Denken 
in der Medizin und seine Überwindung. (Julius Springer 
Berlin 1919.) 6 

Es ist vielleicht das persönlichste Werk Bleulers, entsprungen 
einer schon in der Studienzeit sich geltend machenden Indignation über 
allerlei Schlampereien im Denken und Handeln der Ärzte, in Wissenschaft 
und Praxis. Nur tiefstes Verantwortungsgefühl, peinliches Ordnungs- 
bedurfms und ungeduldiges Bessernwollen konnten dieses Werk entstehen 
lassen; es erinnert an Senecas „Werdet endlich weise!" Überall treten 
Gerechtigkeit, Gründlichkeit und Ökonomie als leitende Gesichtspunkte 
hervor. Das Buch handelt vom Autismus in Behandlung und Vorbeugung, 
m Begriffsbildung, Ätiologie und Pathologie, ferner vom medizinischen 
Autismus in der Alkoholfrage. Diszipliniertes Denken, skeptisches Nach- 
prüfen, Vereinfachung, Wirkenlassen der Vernunft und Natur sind die For- 
derungen. Einige Beispiele mögen angeführt sein: Bei der Elektrotherapie 
fehle der Nachweis des Nutzens, bei der Hydrotherapie mangeln uns ver- 
standliche Indikationen; die künstlichen Nährmittel sind ganz ungenügend 
auf ihren Nutzen untersucht. Durch unvorsichtige Verschreibung von 
Müßiggang und Erholung schaden wir sehr. 

Bleuler verlangt im Gegensatz zum „gewöhnlichen Denken" in der 
Wissenschaft ein diszipliniertes: d. i. ein aufmerksames und rein 
realistisches. Mangel desselben führt zu vagen Begriffen, wie „Psycho- 
pathie, Degeneration, Nervenzerrüttung". Die medizinische Statistik die 
Beweisführung für den Wert einer Krankenbehandlung, die Methoden der 
wissenschaftlichen Publikationen scheinen dem Autor dringend verbesse- 
rungsbedürftig. Die Pfuscher müsse man studieren und ein Zusammen- 
arbeiten nicht verschmähen; man könne von ihnen lernen. — Pur den 
psychoanalytischen Leser ist die Lektüre des Buches doppelt wertvoll 
und erfreulich. Denn er findet, daß der Skeptiker und fast nihilistische 
Therapeut Bleuler gerade die Preud sehen Lehren überaus hoch- 
schätzt; sie haben nach ihm „die ganze Psychopathologie auf eine andere 
Basis gestellt, und zwar auch bei denen, die. sie abgelehnt haben und noch 
jetzt abzulehnen glauben". „Aber auch hier die wildesten Angriffe; auch 
hier wollte man viel schärfere Bedingungen für den Nachweis der Heilungen 
verlangen als sonst; ja hier griff man sogar den Begriff der Beobachtungen 
an, indem man behauptete, die Beobachtungen der Psychoanalytiker seien 
ja gar keine Beobachtungen, sondern Auslegungen. Nun ist der Übergang 
von Beobachtung zur Auslegung in Wirklichkeit viel fließender als man so 



272 



Kritiken und Referate. 



gewöhnlich meint, liegt doch in der einfachsten Wahrnehmung schon 
recht viel Auslegung. Aber was man da angriff, das waren Beobachtungen 
im gleichen Sinne wie die sonst in der Medizin üblichen, ebenso wie viele 
der angegriffenen Beweisführungen (nicht alle, wie ich selbst konstatiere) 
an Wahrscheinlichkeitswert den Durchschnitt unserer therapeutischen De- 
duktionen übertrafen." 

Von besonderer Bedeutung ist, das Kapitel „ V o n d e n W a h r s c h e i n- 
lichkeiten der psychologischen Erkenntni s". Denn wäh- 
rend die Psychoanalytiker, gefesselt vom zuströmenden psychologischen 
Beobachtungsmaterial und überzeugt von den zwingenden Beweisen der 
sich immer erneuenden Bestätigungen am Analysierten — sich nicht recht 
die Zeit nehmen, dem Außenstehenden in seine r Sprache Beweise zu er- 
bringen, ist es Bleuler, dem kühleren Beobachter, vorbehalten geblieben, 
eine wertvolle Anregung zu geben, die für die Psychoanalyse und ihre An- 
erkennung durch Fernstehende nicht gleichgültig scheint: nämlich ^ zu 
einer erschöpfenden Untersuchung der psychologischen Wahrscheinlich- 
keiten. Das Problem ist hier in ausgezeichneter Weise in Angriff genom- 
men. Bleuler leugnet, daß ein prinzipieller Unterschied die Psycho- 
logie von den „exakten" Wissenschaften trenne und verwirft Jaspers 
Formulierung, daß für die Psychologie das bloß „verstehende", für die an- 
deren Wissenschaften das „kausale Denken" maßgebend sei. Motive seien 
genau so causae, wie irgend welche physikalische Ursachen, wenn wir . 
nicht in unsere Psyche etwas hineinlegen, das wir nicht sehen. 

„Nirgends wie in der Psychologie", heißt es an einer anderen Stelle, 
„leistet uns die Einreihung eines einzelnen Falles in 
frühere Erfahrungen so gute Dienste, wenn sie auch an anderen 

Orten, ebenfalls etwas Selbstverständliches ist Ich muß diese 

Trivialitäten erwähnen, weil sie auf psychologischem 
Gebiete oft, und von vielen Kritikern Freuds regel- 
mäßig, übersehen wurden. Es konnte sein, daß in einem bestimmten 
Falle die Annahme, daß eine Schachtel das weibliche Genitale bedeute, 
nicht streng zu beweisen war; sie war aber doch berechtigt, weil unter 
ähnlichen Umständen und im Sprachgebrauch ein solcher Zusammenhang 
bereits als gewöhnlich nachgewiesen war . . . Wenn ein Mensch beim 
Aussprechen oder Anhören einer bestimmten Idee errötet, so ist es unge- 
heuer wahrscheinlich, daß die beiden Dinge in einem Zusammenhang 
stehen. Es ist der Nachweis der örtlichen, zeitlichen 
und funktionellen Verbindung im nämlichen Hirn, der 
in solchen Fällen die Möglichkeit zur (praktischen) 
Gewißheit erhebt. Auch das ist von den Freud-Kritikern meist 
vergessen worden." 

Eines der am meisten der Ungläubigkeit der Vielzuvielen ausgesetztes 
Beispiel aus der „Psychopathologie des Alltagslebens' („exoriare aliquis 
nostris ex ossibus ultor") benützt Bleuler zu einer komplizierteren 
psychologischen Wahrscheinlichkeitsbestimmung und kommt nach dieser 
zum Teil mathematischen Beweisführung (S. 155 — 158) zum Schlüsse, daß 
gerade das aliquis-Beispiel mehr Wahrscheinlich- 
keitswert hat als tausende von unangefochtenen medi- 
zinischen „Erkenntnissen"; seine Sonderstellung bekomme es 
nur dadurch, daß man noch nicht gewohnt ist, in der Wissenschaft mit 
psychologischen Wahrscheinlichkeiten zu rechnen. Die Kompliziertheit 
der einzelnen Probleme sei eine besonders große, könne aber oft durch 







Kritiken und Referate. 



273 



Introspektion und Einfühlung überwunden werden. — Referent will nicht 
unterlassen, hinzuzufügen, daß es die Vorurteile gegen das Unbewußte und 
die Sexualität zu sein scheinen, welche der Psychoanalyse jenes Wohl- 
wollen in der Skepsis so selten zu teil werden lassen, wie es jeder neu- 
artigen Methode sonst entgegengebracht wird. Trotzdem wird sie ihre 
Glaubwürdigkeit, die dem, der sie praktisch miterlebt, selbstverständlich 
ist, mit der Zeit auch in der Umwelt sich erwerben : die Lehren der Sym- 
bolik, der Phänomene und Mechanismen des Unbewußten, der Sexualität 
beim Kinde und in allen ihren Auswirkungen — werden zu Spezial- 
wissenschaften ausgebaut werden, deren Vertretern die Zweifel nicht mehr 
nahetreten können. Auch die angewandte Psychoanalyse wird dahin mit- 
helfen. Bleuler erscheint hier wie öfter als der vorsichtige, treue 
Ekkehard der Psychoanalyse. 

Dr. E. Hitschmann. 

Wilhelm Neutra, S e e 1 e n m e c h a n i k und Hysterie (Psycho- 
dystaxie). Vorlesungen über allgemeine und medizinisch ange- 
wandte Lustenergetik (Psychosynthese). Leipzig 1920, F. C. W. Vogel. 
Großoktav. 521 Seiten. 

Das Ignorieren und die Ignoranz der Gegner der Psychoanalyse hat 
deren Verbreitung um Jahrzehnte verzögert und die Zahl der Mitarbeiter 
wesentlich eingeschränkt. Es wurde so viel auf sie geschimpft, daß der 
junge Arzt, der Assistent werden wollte, einfach mit seinem Chef mit- 
schimpfte und, wer ein Sanatorium leitete, die „Irrlehre" verleugnete, 
damir, er recht viel Fälle zugeschickt bekomme. Es war das Verwerfen 
auch viel bequemer, da man sich ein schwieriges Studium ersparen konnte 
— von den persönlichen Widerständen ganz abgesehen. Und da die thera- 
peutische Technik der Psychoanalyse nur langsam und unsicher tappend 
zu erlernen war, erwies es sich wieder bequemer, bei der bewußten oder 
unwissentlichen Suggestion zu bleiben. 

„Mißverständnisse und Trägheit" — heißt es in Goethes Werther, 
„machen vielleicht mehr Irrungen in der Welt, als List und Bosheit." So 
mag der Kritiker auch des vorliegenden Buches, das die Freudschen 
Lehren, verstümmelt und durch Umtaenennungen falsch deklariert, als 
neue und selbstgefundene hinstellt, — nur „Mißverständnisse 
und Trägheit" voraussetzen. Wo die Lehre Freuds Peinliches enthält, 
so das obligate Sexuelle der Übertragungsneurosen, ist es in der Theorie 
Neu t ras eliminiert, kehrt aber — in seiner Kasuistik ausnahmslos 
wieder! Wo die Analyse des Unbewußten oder der Träume zu schwierig 
wii-d, — findet der Autor sie überflüssig; wo er mit seinem Verständnis 
nicht nachkommt, — ist Freud zu weit gegangen. Zum Beweis der 
Umbenennungen seien zwei Kolonnen Neutrascher und Freudscher 
Aussagen nebeneinander abgedruckt: 



Präsidialbewußtsein. 
Unterbewußtsein. 
Psychomechanik. 
Psychenergetik. 

Die Hysterie als Resultat des Kampfes 
zwischen Situation, Trieb und Hem- 
mung. 



Bewußtsein. 
Das Unbewußte. 

Psychische Dynamik. 

Die Hysterie als Resultat des Kampfes 
zwischen Trieb und Gegentrieb — 
auf bestimmte Veranlassung hin 
ausbrechend. 



Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VI/3 



18 



274 



Kritiken und Referate. 



Das Bewußtsein ist das Selbsterkennen 
ausschließlich, der obersten psychi- 
schen Vorgänge. 

Kunstwerk und hysterisches Symptom 
.sind die Symbolisierung des inneren 
Erlebnisses. 

Psychologik. 

Die Lust ist es, die wir suchen. 

Interbestiale Sprache. 

Verdrängung, Abreaktion. 

Nicht nur registrieren und deskriptiv 
zusammenfassen, sondern analy- 
sieren. 

Hysterische Erscheinungen sind nur 
psychomechanisch zu verstehen. 

Die Disposition ist in der Fähigkeit 
des Individuums gelegen, ein Kraft- 
gleichgewicht von Trieb und Moral 
herzustellen. 

Wenn bei der Verdrängung der dem 
Erlebnis anhaftende Affekt nicht 
abreagiert worden ist und der Ver- 
drängung anheimfällt, so strebt er 
noch lange Zeit hindurch selbst aus 
der Versenkung des außerbewußten 
Seelengebietes seine Lösung an. 

In der Hysterie des Weibes steckt 
sehr häufig ein psychischer Konflikt 
auf der Basis der Sexualität. 

Bestätigen kann ich die Ansicht Freuds, 
daß die psychischen Wurzeln einer 
Hysterie bis in die Kindheit zu- 
rückreichen. 

Es muß kein sexuelles oder sonstiges 
psychisches Trauma in der Kind- 
heit sein. 



Das Bewußtsein ist ein Organ zur 
Wahrnehmung psychischer Quali- 
täten. 

Die Hysterie entspricht sozusagen dem 
Kunstwerk. 

Unbewußtes Denken. 
Das Lustprinzip. 
Sprache des Unbewußten. 
Verdrängung, Abreaktion. 

Die unbewußten Triebkräfte durch 
Analysieren aufdecken. 

Durch Aufdeckung der psychischen 
Dynamik. 

Die hysterische Psyche ist von über- 
mäßigen Gegenimpulsen gegen ihre 
abnorm starken Triebregungen be- 
herrscht. 



Es ist nur statt „aus der Versenkung des 
außerbewußten Seelengebietes" ein- 
zusetzen: „aus dem Unbewußten". 



Nur statt „sehr häufig" „regelmäßig" 
einzusetzen; „des Weibes" zu 
streichen. 

Fehlt: „in jedem Fall". 

Die Psychoanalyse setzt nicht mehr 
das infantile Trauma als notwendig 
voraus (Konstitution, psychische 
Realität). 

Der Kranke hat die Überwindungs- 
arbeit zu vollziehen, der Arzt er- 
möglicht sie ihm durch die Bei- 
hilfe der im Sinne einer Er- 
ziehung wirkenden Suggestion. Die 
immer wieder vorgenommene Auf- 
lösung der Übertragung befreit 
die analytischen Ergeb- 
nisse von dem Verdacht 
suggestive Erfolge zu sein. 

Während Freud Jahrzehnte mühevoller selbstkritischer Arbeit zur 
Aufstellung seiner Theorien benötigte, springt „Neutras System" anschei- 
nend fertig und lückenlos hervor! Neutra erscheint hier als ein mit 



Auch der Psychoanalytiker gewinnt 
Einfluß auf den Patienten und sugge- 
riert ihm seine eigene Auffassung. 



r 



Kritiken und Referate. 



275 



fremden Federn Geschmückter, der seine alles-besser-wissen-wollende 
Überhebung — dem Weltkrieg verdankt. 

Denn als die Kriegshysterien - die aber zu den von der Psycho- 
analyse früher me bearbeiteten traumatischen Hysterien gehören 
- sich als psychogen, aber nicht sexogen im groben Sinne erwiesen!) 
glaubte so Mancher, sich über Freud erheben zu können und ihn 

l e uTrTV" w' A " e nicM ^^^ Hysterien aber, über die 
Neutra bewehret, sind natürlich deutlich sexuellen Ursprungs: Ver- 

ST £* ic fit s :*: 15 145> 153; 160 ' 165 ' i69 - 170 ' &-***. 2 ° 2 > 

221, 233, 460, 464, 486, 499, 514 usw. Trotzdem deklariert er: Die An- 
schauung von der sexuellen Genesis der Hysterie ist unhaltbar." 

_ Wie schlecht der Autor die psychoanalytische Literatur versteht, 
zeigt seine falsche Angabe, daß nach Freud jede Lust sexuell, Lust und 

S™< fVJ^V 61 - DaS V ° n Freud län ^ st ^gegebene „infantile 
Trauma, ist bei Neutra noch obligate Prämisse der Freud sehen 
Neurosenlehre. Neutras Kritik ist unwichtig, da er auf die tieferen 
Probleme gar nicht eingeht. Oberflächlich und willkürlich ist seine 
Ablehnung der Traumdeutung; man kann ihm ruhig glauben, „er habe 
m semen Traumdeutungen niemals etwas Neues und dem bereite durch 
die gewöhnlichen psychometrischen Anschauungsformen Erfaßten 
Widersprechendes gefunden". --Neutra definiert die Hysterie nicht 
eben sehr verständlich folgendermaßen: „Die Hysterie ist eine unter- 
bewußtausgelöste und lustenergetisch zweckdienliche, in ihren physischen 
Zustanden als psychophysische Korrelation zu betrachtende Selbsttäuschung 
im Sinne von Krankheit." Referent ist seinen Lesern nun schuldig zu 
erklaren, was „lustenergetisch" heißt, und dies führt zu Neutras philo- 
sophischen Grundanschauungen. 

Neutra huldigt einem monistischen Vitalismus: die Lust ist die 
subjektive Seite des Lebenstriebes, des individualisierten Weltwillens- der 
Lusttrieb ist der Motor für alles. Alle anderen Triebe sind nur die Werk- 
zeuge des Lusttriebes. „Wir können willkürlich unser Lustenergiequantum 
steigern das technische Mittel dazu ist die Anregung." Darauf beruht 
Neu tras aktive Therapie: Die Analyse genügt nicht, es muß die Psycho- 
synthese dazukommen. Hier hören wir eine alte Melodie! Neutra 
is auch nur ein Zureder, ein Suggerierer, ein Dubois mit verändertem 
ethischen System und vielleicht eben so guten Erfolgen. Seine Behand- 
lung gehört zu den Methoden jener zahlreichen Reform- und Bruchstück- 
Psychoanalytiker, die Freud wie folgt geschildert hat: „Jene kratzen 
die psychische Oberfläche an und ersetzen das Unterlassene durch S 
kulationen, die sie unter die Patronanz irgend einer philosophischen 
Anschauung stellen." Die Psychosynthese - übrigens eine inhal leei" 

^chlT 6 ' d V*ft heS <?««*) -■ B-ht ja bei der wirklfcll 
Psychoanalyse automatisch vor sich: „Der neurotisch Kranke bringt uns 
ein zerrissenes, durch Widerstände zerklüftetes Seelenleben entgegen, und 
wahrend wir daran analysieren, die Widerstände beseitigen, wächst dieses 
Seelenleben zusammen, fügt die große Einheit, die wir sein Ich heißen; 
sich alle die Triebregungen ein, die bisher von ihm; abgespalten und 
abseits gebunden waren. So vollzieht sich bei dem analytisch Behan- 
delten die ^ Psychosynthese ohne unser Eingreifen, automatisch und un- 

w ^ V fr übrigens Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen", Intern pa Bi- 
bliothek, Nr. 1, wo die narzißtische Libido zur Erklärung herangezogen wird. 

18* 



276 



Kritiken und Referate. 



ausweichlich" (Freud). Was Neutra in seiner Behandlung Analyse 
nennt, ist — Anamnese, und, was er Synthese nennt, ist — Suggestion. 
Seine ' Theorie aber ist verwässerte und umgetaufte Psychoanalyse. Wo- 
zu das dicke Buch!? Dr. E. Hitschmann. 

Dr. Gtraßl, Zur Frage der Bisexualität. (Zeitschr. f. Sexual- 
wissenschaft, 1920, VI. Bd., 12. Heft.) 

Vom Standpunkt des praktischen Arztes kommt der Autor, der auch 

in die Tierzucht hineingeblickt hat, zur Überzeugung von der allgemeinen 

und dauernden Bisexualität des Menschen, einer Überzeugung, der die 

Psychoanalyse längst huldigt. Alle sind bisexuell und der Ausdruck 

.homosexuell" ist lediglich eine Gradbezeichnung. 

Der Verfasser war in jungen Jahren Hirtenbube und beobachtete 
Kühe, die wieder auf Kühe aufritten, und diese Kühe waren we- 
niger milchergiebig. Es sind Beobachtungen, die jedem Bauer be- 
kannt sind; solche Kühe sind männlicher als kastrierte Ochsen. Kampf- 
lustige Hennen mit Krähversuchen und starker Kammbildung sind 
schlechte Eierlegerinnen. Bei der männlichen Hysterie finde man merk- 
würdig oft Anzeichen einer weiblichen Seele, manchmal sogar somatisch- 
weibliche Merkmale; sie ist nach weiblicher Art eifersüchtig. „Nicht 
unmöglich," sagt Graßl, „daß die männliche Hysterie doch mit dem 
Geschlecht erklärt werden könnte," Der Autor hat sich in der Praxis 
auch überzeugt, daß die ärztliche Untersuchung in der Gegend des Kitzlers 
Geschlechtsgefühle auslösen könne, auch wo sie von der Scheide her fehlen. 
„Ist vielleicht diese Kitzlerwollust entsprechend der Entwicklung _ der 
Klitoris männlichen Ursprung und sind vielleicht gar die naturae frigidae 
mit ihrer Klitoriswollust das Gegenstück zur männlichen Homosexualität? 
Dann wären ja die weiblichen Homosexuellen weit in der Überzahl." So- 
weit der Autor. 

Auf alle diese durch naive Beobachtung aufgeworfene Fragen 
kann die Psychoanalyse Antwort geben. In jeder durchgeführten Psycho- 
analyse erweisen sich homo- und heterosexuelle Triebregungen als wirksam, 
besonders in den Träumen, und waren schon in frühen Entwicklungsstadien 
jedes Individuums vorhanden. Das postulierte anatomische Substrat der 
Biologen muß also in bisexueller Anordnung da sein. Die Klitoris- 
sexualität ist tatsächlich eine männliche; homosexuell ist das Individuum 
aber nicht durch die Leitzone allein schon klassifiziert. 

Einstweilen ist die Biologie noch zu stolz, um der Psychoanalyse 
Gehör zu schenken; aber auch unsere Beobachtungen sind exakt, und ein 
unbefangener Kritiker bestätigt sie hier unbewußt. 

Dr. E. Hitsohmann. 

Dr. Kort K. Kortsen, Die Psychologie der menschlichen 
Gefühle und Instinkte in der sogenannten Psycho- 
(Übeirsetzt aus dem Dänischen.) („Eos", Vierteljahres- 
die Erkenntnis und Behandlung jugendlicher Abnormer, 
3—4.) 

In dieser größtenteils referierenden, intelligenten Arbeit eines Dänen 
zeigt sich so recht der Schaden, den Jung anrichtet, indem er, in den 
Grundlagen und der Therapie so weit von Freud abgerückt, noch 
immer den Namen „Psychoanalyse" auch für seine: abweichende Lehre 
festhält. Kennen sich schon viele deutsche Leser mit der Libido nicht 



a n a 1 y s e. 
schritt für 
1918, Heft 




Kritiken und Referate. 



277 



mehr aus, so ist der Ausländer natürlich ganz verloren. Ähnlich geht es 
mit der Introversion. Das selige „obligate Trauma" erscheint als Ge- 
spenst. Die Therapie besteht auch in „Harmonisierung". Kein Wunder, 
daß der Autor meint, die Psychoanalyse sei eine „vielgestaltete Schöp- 
fung", und „der Analytiker projiziere seine eigenen Komplexe und psycho- 
pathischen Zustände in seine Patienten hinein". 

Es gibt nur eine Psychoanalyse, d.i. die mit der Freud- 
sehen objektiven Technik erfahrungsgemäß festgestellte und von Freud 
zum hypothetischen System vereinigte Tatsachenreihe. Inkonsequenz und 
Oberflächlichkeit der Technik, subjektives Eingreifen und entsexualisie- 
renden Tendenz schaffen Anderen Resultate, die mit Freuds Erfahrungen 
und Lehren, also mit dem, was rechtlich Psychoanalyse heißt, nichts mehr 
zu tun haben. 

Dr. E. H i t s c h m a n n. 



Prof. Erwin Stransky, Hysterie als Anlagedefekt und Hysterie- 
fähigkeit. (Wiener mediz. Wochenschrift, 1919, Nr. 48 und 49.) 

Während sich Professor Pötzl und Dozent Schilder von der Klinik 
Wagner-Jauregg in Wien offen zur Psychoanalyse bekennen, findet hier 
ein weniger selbständiger Kopf den Weg zur Freud sehen Lehre erst 
durch ein Gestrüpp eigenbrötlerischer Wort- und Begriffsbildungen. Eine 
angeborene, auch dem Tier eigene „mimikryartige Tendenz" suche durch 
allerlei „Simulationsmechanismen" die triebartigen Regungen des Hyste- 
rischen zu. „verdecken". Dieses Verbergen gelte aber auch für das Be- 
wußtsein des Hysterischen, d. h. also der Mimikryakt ist unbewußt, oder 
wie Stransky sich direkt ausdrückt : „verdrängt" ; er gibt dann 
zu, daß er, die Größe des besonderen Verdienstes der Freud sehen Schule 
um die Verdrängung „nicht verkennen sollte und dürfte", obwohl er die 
Reservation aufrecht hält, „er sei in der Hauptsache zu den Gegnern 
dieser Richtung zu zählen". Ob er dies mit Recht behaupten darf ! 1 
Man höre weiter: „Die Amnesie für Einzelkomplexe, deren Erinnerung 
unerwünschte Vorstellungen wachwerden ließe, ist ja nur ein Einzelfall 
der Grundrichtung der hysterischen Seele, in den Untergrund des Be- 
wußtseins zu drangen und so zu , decken', was dem Oberbewußtsein nicht 
zusagt ; also wiederholt sieh hier der ,Deck-', der , Simulations- 
mechanismus', natürlich wieder in fließendem Übergehen von Willkürlich 
und Unwillkürlich, nur im kleinen, wie er die hysterische Seele grund- 
sätzlich im großen kennzeichnet." Stransky spricht ferner von der 
„Flucht der hysterischen Seele in das Reich der Abulie". Eine Um- 
schreibung der Konversion finden wir im folgenden: „Der die Tiefe der 
Seele beherrschende Krankheitswille konkretisiert sich, von populärphysio- 
logischen und -pathologischen Ideen getragen, in der Insuffizienz ganzer 
Körperteile, Körperabschnitte, Körperhälften." Die hysterischen Anfälle 
sind ihrem Symptomenbild nach ein Abreagieren verdeckter Komplexe 
„unter dem Bilde der klassischen Indirektheit des hysterischen Deck- 
typus". Im vielberufenen „Are de cercle" stelle sich „meist wohl" der 
Koituskomplex dar. Die Sublimierung umschreibt Stransky folgender- 
maßen: „Der hysterische Charakter maskiert sich, beherrscht sich so weit, 
daß die innerste Antisozialität dank der eigenartigen Decktendenz zur 
Triebkraft ethisch-sozialer Werkheiligkeit transformiert wird." Die narziß- 
tische Natur der Kriegsneurose wird, wie folgt, akzeptiert: „Auch eine 



278 



Kritiken und Referate. 



sonst in normale Breite fallende Energie der altruistischen, sozial- 
ethischen Antriebe wird durch den Selbsterhaltungstrieb und sein© Energien 
vorübergehend oder selbst für längere Zeit geschwächt oder selbst ganz 
ausgeschaltet ; ... sie bewirkt also . . . die seelische Elucht in die Ver- 
antwortungslosigkeit des Krankseins." Für die Therapie wird zuge- 
geben, „daß die sicher zugreifende Hand des planvollen Seelenanalytikers 
für viele Fälle die zweckentsprechendste Zügelführung vorstellt". 

Stransky akzeptiert also grundlegende Resultate Freuds, scheint 
aber ganz zu vergessen, daß sie durch die Methode analytischer 
Untersuchung gefunden sind; denn er selbst begnügt sich, statt 
psychogenetisch verstehend, wieder in der antiquierten Methode der Be- 
schreibung und Behauptung des Angeborenseins weiterzuarbeiten. Kennt 
er die früheste Jugend seiner Simulationshysteriker, ihre Charakterentwick- 
lung, ihre Triebanlagen ? Weiß Stransky ohne Analyse zwischen Ent- 
stehung eines Symptoms und sekundärer Verwendung desselben zu diffe- 
renzieren!? Dann würde er zugeben müssen, daß bei der Entstehung, dem 
ersten Auftreten des determinierten Symptoms keine Willkür, kein Nicht- 
könnenwollen mitspielt. Stransky müßte unterscheiden zwischen 
der Entstehung eines Symptoms und dessen Erhaltung oder Erneuerung 
zum Krankheitsgewinn; wo es dann Übergänge vom unbewußten Simu- 
lieren' oder Dissimulieren bis zum bewußteren (halbbewußten) Nicht- 
könnenwollen geben mag: dies ist aber dann eigentlich nicht mehr hyste- 
risch, sondern moralisch-defekt. 

Freud war bemüht, die Disposition zur Hysterie aus der Kombina- 
tion von starkem Trieb und starkem Gegentrieb abzuleiten; ein Ausweg 
der mißlingenden Verdrängung ist dann die Symptombildung. Von an- 
geborenen Tendenzen zu sprechen hat nur der ein Recht, der bis in die 
früheste Kindheit analysiert hat. Sonst bleibt alles nur behauptet, be- 
schrieben und hypothetisch auf Anlage und Vererbung zurückgeführt. 
Stranskys Ausführungen über einen Anlagedefekt als Disposition der 
Hysterie dekretieren nicht mehr als : die Hysterie beruht auf einer Anlage 
zur Flucht in die Krankheit, zur Konversion, zur Verdrängung usw. 

Dr. E. H i t s c h m a n n. 

C. L. Schleich, Gedankenmacht und Hysterie. (Berlin 1920. 
Ernst Kowohlt.) 

Der bekannte, erfinderische Berliner Arzt wäre mit Rücksicht auf seine 
schwelgerische Sprachkunst und sein Popularisierungstalent medizinischer 
Themen als ein nicht ungefährlicher Menschen-Bölsche zu bezeichnen. 
Die Hysterie ist ihm eine Formen schaffende Ideenperversion, sie weist im 
Kranken das auf, was das Grundgesetz der Natur ist: Formenbildung aus 
Idee. „Sie ist eine Ausschweifung der Phantasie, ein Gewaltstreich der- 
selben, ein Einbruch in die Fluren und Heimstätten friedlicher Zellager. 
Man sollte sie also eine Arroganz, eine Prätention, eine Orgie der Phan- 
tasie, eine Phantasiasis nennen ... Ja, was noch wichtiger ist, erst diese 
Betrachtungsweise ergibt Aussichten auf eine rationelle Behandlung des 
weitverbreiteten Leidens. Sie kann Hur von den systematischen Übungen 
am Mechanismus der Phantasieorgane ausgehen durch eine Art rhyth- 
mischer Gymnastik der Bendaseben und der Gefäßmuskeln nach dem 
Prinzipe der Exerzitien des Ignatius von Loyola..." 

Der sich hinter solchem Schwulst verbergende Grundgedanke, daß die 
Hysterie zu Formveränderungen im Leibe führt, bedeutet offenbar die Kon- 



Kritiken und Referate. 



279 



version von Breuer und Freud. Dieser „rätselhafte Sprung aus dem 
Seelischen ins Körperliche" wurde übrigens von Ferenczi in seinem 
Aufsatz „Hysterische Materialisationsphänomene 1 )" näher behandelt. 

Dr. F. Hitschmann. 

Oskar Lessing - , Die Hysterie oder sogenannte psychogene 
. Neurose. (Berlin, 1920. S. Karger.) 

Eine kurze, popularisierende Darstellung der Hysterie, ihrer Entstehung 
und Behandlung, die sich zum Teil auf die „Vorlesungen zur Einführung 
in die Psychoanalyse" stützt. 

Dr. E. Hits ch mann. 

Prof. J. Schwalbe, Diagnostische und therapeutische Irr- 
tümer und deren Verhüttung. (Leipzig, 1917. Verlag von 
G. Thieme.) 

a) Zweites Heft. Psychiatrie, von Prof. E. Meyer (Königsberg). 

Verfasser betont, daß das Grundprinzip jeder Behandlung der Hy- 
sterie („Psychogenie") Psychotherapie sein muß. Doch sei eine 
Abschätzung der verschiedenen, durch physikalisch-diätetische Therapie 
unterstützten Methoden gegeneinander unmöglich, da man — wie zwischen 
den Zeilen eingestanden wird — bei jedem einzelnen Falle der Willkür 
individueller Zufälligkeiten preisgegeben ist. „Nur so viel kann man 
vielleicht — ohne auf die einzelnen Behandlungsmethoden einzugehen — 
sagen, daß der Praktiker die Hypnose nur, wenn er darin erfahren ist, 
zur Anwendung bringen sollte und daß die Freud sehe Methode jeden- 
falls für die Praxis nicht geeignet erscheint." (S. 102.) 

b) Drittes Heft. Neurosen, von Prof. L. W. Weber (Chemnitz). 
Am Schlüsse seiner Erörterungen kommt Verfasser auch auf die 

Psychoanalyse zu sprechen und skizziert deren Voraussetzungen und Me- 
thoden in sehr gedrängter Form. Dieser Kürze der Darstellung will 
es Referent zuschreiben, daß sie nicht unwesentliche Mißverständnisse 
und Irrtümer aufzeigt, wie z. B. die Behauptung, daß „Freud in seiner 
Traumdeutung ein förmliches Lexikon (der Symbole) ausgearbeitet" hätte. 
Sodann fährt er folgenderweise fort: 

„Diese Theorie enthält tatsächliche Unrichtigkeiten und innere 
Widersprüche, die in der Literatur der letzten Zeit ausführlicher nach- 
gewiesen wurden. Ihre praktische Anwendung ist vielfach bedenklich, 
besonders weil sich Unberufene (Pfarrer, Lehrer) darauf gestürzt haben 
und förmliche psychoanalytische Orgien mit Kindern und Erwachsenen 
treiben. Dabei wird in dem ohnehin psychisch labilen und haltlosen 
Menschen das so bedeutsame sexuelle Triebleben ständig aufgerührt und 
in Erregung gehalten; es wird unbedeutenden seelischen Erlebnissen eine 
unberechtigte Wertschätzung beigelegt und allmählich eine übertriebene 
Selbstbeobachtung gezüchtet, die bei der oft erwähnten egozentrischen 

Richtung im Denken und Fühlen des Neurotikers nicht gut ist Auch 

spielt die Kostenfrage in den bis jetzt publizistisch gewordenen Psycho- 
analysen oft eine merkwürdige Rolle". 

„Verständige Psychotherapeuten werden das psychoanalytische Ver- 
fahren in seiner reinen und ausschließlichen Form nicht anwenden; wo 
dies doch geschieht und damit Heilung in Aussicht gestellt wird, muß 

!) „Hysterie und Pathoneurosen," Intern, pa. Bibliothek, Nr. 2. 



280 



Kritiken und Referate, 



man die erheblichsten Bedenken haben und dem Patienten, der sich 
einem solchen Verfahren anvertrauen will, raten, erst bei einem als zu- 
verlässig bekannten Nervenarzt Auskunft darüber und über die Persön- 
lichkeit des Psychoanalysators einzuholen. Daß manchmal durch ein sol- 
ches Verfahren auch „Heilungen" erzielt werden, wo andere ärztliche Be- 
mühungen versagten, beweist ebensowenig, wie die durch Kurpfuscher 
gelegentlich erreichten Erfolge bei hysterischen Zuständen." 

Die Leser mögen das lange und nicht sehr erbauliche Zitat ent- 
schuldigen. Es sollte nur gezeigt werden, daß in der „offiziellen" Wissen- 
schaft noch immer und immer wieder das alte Liedchen abgeleiert wird. 

Dr. J. H. 

Gustav Bychowski, Zur Psychopathologie der Brandstif- 
tung. (Schweiz. Arch. f. Neur. u. Psychiatrie, Bd. V, H. 1, 1919; 
Inaugural -Dissertation, Psychiatrische Klinik Zürich, Prof. Bleuler.) 

„Eine dem Bewußtsein als unsinnig imponierende Tat kann von den 
unbewußten Zusammenhängen aus zweckmäßig sein, sie kann auch momen- 
tanen seelischen Konstellationen entsprechen, die, weil vorübergehend, 
nachträglich nicht mehr erkannt werden können; sie kann endlich dank 
verschiedenen psychischen Störungen der bewußten Absicht inadäquat, 
ja sogar schädlich sein." 

Von diesen Gesichtspunkten aus versucht der Verfasser einige Fälle 
von Brandstiftung zu schildern, die ihm geeignet erscheinen, das 
Unsinnige der pathologischen Handlungsweise dem Verständnis zu er- 
schließen. Im ersten der angeführten Fälle handelt es sich um eine 
schizophrene Patientin, bei der diei Brandstiftung den Charakter einer 
Zwangshandlung trug. Die Tat wird aufgefaßt — „vom rein persönlichen 
autistischen Standpunkt der Patientin ans verständlich" — als flam- 
mender Protest gegen die unerträgliche Umgebung. Beim zweiten Ealle 
— eine mit Alkoholismus komplizierte Schizophrenie — spielt das Motiv 
der Rache eine Rolle. „Es ist, wie wenn nicht nur die Entladung der an- 
gehäuften Affektmassen durch eine besonders auffallende oder zerstörende 
Handlung gesucht würde, sondern auch, wie wenn diese Affekte selbst in 
symbolischer Weise in Feuer aufgelöst werden sollten." Der nächste 
Ball — ein Epileptiker — als Beispiel der Symbolik der Selbststrafe. Der 
Verfasser kommt hier zu sprechen auf den Zusammenhang zwischen 
Brandstiftung und Selbstmord. Zur Stütze seiner Auffassung, 
daß die Brandstiftung häufig als „symbolische Bestrafung" (d. h. als 
Suizid) erscheine, werden ähnliche Fälle von Schmid, Mönkemöll©r, 
Weingarten und Schütz zitiert. Eine vergleichende Zusammen- 
fassung der angeführten Fälle ergibt als wesentlich eine Diskrepanz 
zwischen der äußeren Situation und der psychischen Einstellung. Die 
Brandlegung ist demnach ein Versuch, die unerträgliche, scheinbar un- 
lösbare Situation zu lösen. 

„Wie kommt es nun zu dieser sonderbaren, durchaus pathologischen 
Reaktion, die so sehr von einer normalen abweicht?" Bei der Beantwor- 
tung dieser Frage wird die Auffassung S c h m i d s, die Brandstiftung sei 
eine Ersatzhandlung, um einer Libidostauung Abfluß zu verschaffen, als 
„archaischer, durch Regression bedingter Sublimierungsversuch" abge- 
lehnt. Bekanntlich baute Schmid seine Ansicht auf die Jung sehe 
Lehre von dem libidinösen Ursprung der Feuererfindung auf. Als kräftige 
Stütze dieser ablehnenden Haltung gegenüber Schmid zieht der Verfasser 



Kritiken und Referate. 



281 



die geistreiche Polemik Pf isters heran, dessen Abhandlung (Ist die 
Brandstiftung ein archaischer Sublimienmgsversuch? [diese Zeitschr., 
1915]) der Schmidschen Arbeit die schwachen Punkte nachweist und 
somit auch Jungs Hypothese von der Entstehung der Feuererzeugung aus 
der Sexualität nicht anerkennen kann. Schon Pf ister hat hervorgehoben, 
daß die Feuerzeugung selbst und die Art und Weise, wie sie ausgeführt 
werde, nicht das Wesentliche an der Brandstiftung sein dürfte: „Der 
Brandstifter nimmt das Feuer, wo er es vorfindet, oder zündet ein Streich- 
hölzchen an, was heute auch keine großartige Kulturtat mehr ist und 
jedenfalls mit dem Feuerreiben und seiner Koitussymbolik nichts niehr 
gemein hat. Alles Interesse des Brandstifters hängt an der kriminellen 
Handlung und ihren Folgen." Bychowski sieht in der Brandstiftung 
eine Symbolhandlung. „Das Feuer könnte durch seine Form, Farbe 
und Wärme die Leidenschaft, das Blut, das Leben ausdrücken, zugleich 
aber das Symbol der gründlichsten Vernichtung des Bestehenden sein, 
das in den quasi unmateriellen- Rauch verwandelt, zu den Göttern; zum 
andern höhern Dasein aufsteigt." Eine Bestätigung findet nach ihm 
dieser Deutungsversuch in der Rolle, die das Feuer in der Völkerpsycho- 
logie (Geschichte des Opferwesens) spielt, ebenso in der Bedeutung des 
Feuers als Lustration (Fegefeuer, Feueropfer, Scheiterhaufen zur Zeit der 
Inquisition). Auf (die Analogien hinweisend, die vom, Feuer zur Liebe führen, 
spricht der Verfasser die Vermutung aus, daß die Brandlegung Symbol 
eines inneren Vorganges ist. „Die Flammen könnten als Ausdruck der 
Leidenschaft — in des Wortes weitestem Sinne — gewählt werden, der 
aufgestauten, von der umgehendein Wirklichkeit abgelösten und darum 
wohl um so stärker das Innere des Individuums verzehrenden, aufbrau- 
senden, ungestümen, nach Erlösung dürstenden Affektmasse." Im wei- 
teren werden die Beziehungen der dem Autismus entspringenden Brand- 
stiftungen zum Heimweh erörtert, ein Zusammenhang, den schon 
Jaspers an Hand überzeugender Fälle darzulegen versuchte. „Die 
mangelhafte Anpassung der Brandstifter an die Umgebung, das Patho- 
logische ihres unüberlegten Dranges nach einer Veränderung, nach einem 
Ausweg, der schließlich in symbolischer Weise ein Fluchtversuch sein soll, 
demonstriert klar das häufige Zusammentreffen von Vagabundage, 
Brandstifung und Selbstmord." Diese Tatsache läßt sich nach 
Bychowski zwanglos aus dem Autismus erklären; ebenso die Beob- 
achtung, daß selbst vielfach rezidivierende Brandstifter nicht mehr an- 
zünden, sobald sie interniert sind. 

Zusammenfassend spricht der Verfasser dem Sexuellen eine Rolle 
bei der Brandstiftung zu, wenn auch die Verallgemeinerung dieser Tat- 
sache bis auf weiteres abzulehnen sei. „Oft handelt es sich um unbefrie- 
digten Trieb, was sowohl an äußeren Umständen, wie auch an der In- 
suffizienz des Betreffenden selbst liegen mag." Als Illustration zu dieser 
Auffassung werden verschiedene Fälle angeführt. „Als einzig siche- 
res und einwandfreies Ergebnis dürfte wohl die Tatsache 
zu betrachten sein, daß die Fe u erleg ung eine primitive 
Reaktion auf eine unerträgliche Situation sei, aus der 
das Individuum keinen anderen Ausweg weiß, und auf 
diese Weise sie vielleicht zu durchbrechen hofft." Da- 
mit ist auch das Verständnis geebnet für die Psychologie der Aktionen 
ganzer Volksmassen, ganz speziell für die Entstehungsbedingungen der 



282 



Kritiken und Referate. 



Revolution als Entladung der angesammelten affektbetonten Kom- 
plexe, als „ein Ausdruck der Volksverzwedflung, — als ein Ausweg aus 
der unpassenden Realität". 

Angenehm berührt an der lesenswerten Arbeit, daß der Autor sich 
nicht zur Verteidigung einer bestimmten Schule oder autoritativen An- 
sicht hergibt, sondern bemüht ist, an Hand des Materials^ unter 
kritischer Würdigung der einschlägigen Literatur, sich ein selbständiges 
Urteil zu bilden. Das unterscheidet seine Arbeit wesentlich von der- 
jenigen Schmids. Hans Meier- Müll er, Zürich. 

Henri Flournoy, Symbolismes e n Psychopathologie. (Ar- 
chives de Psychologie, 1919, XVII, p. 187-207, Kündig-Geneve.) 
L'auteur releve un des merites des Ecoles de Vienne et de Zürich, 
oelui qui consiste ä etudier les symptömes de pathologie mentale non 
seulement au point de vue descriptif, mais ä rechercher encore quelle 
peut etre leur signification symbolique. II insiste sur le cöte arbitraire 
et peu sür inherent ä ce genre de rechercbes, qui se ramenent toutes ä 
des interpretations. Mais ce n'est pas un motif pour les negliger; car 
bien d'autres domaines de la science seraient restes inexplores ; si le 
chercheur avait toujours voulu se restreindre ä des methodes d'investi- 
gation soi-disant infaillibles. „Oü en seraient les sciences medicales, 
dit-il, si on exigeait d'elles des precisions et des preuves semblables, ä 
celles dont les physiciens ne peuvent se passer dans leurs observations 1 
En Psychopathologie comme aüleurs il faut tendre ä la plus grande 
exactitude possible; mais la oü aucun procede absolument rigoureux^ne 
peut etre utilise, est-ce une faute de s'adresser aux seuls moyens d'in- 
vestigation disponibles, m§me s'ils soiit remplis d'ecueils— quitte ä se 
tromper et ä recomraitre l'erreur?" 

L'auteur expose ensuite la signification symbolique qu'il croit pouvoir 
attribuer aux symptömes presentes par cinq cas, dont il a observe trois 
dans sa clientele privee (reve de psychopathe, episode hallucinatoirie, 
rite infantile), et les deux autres dans les Oliniques medicale et psychi- 
atrique de Geneve (spasme hysterique, dessin d'aliene). Ces observations 
tres sommaires n'offrent rien de neuf pour les specialistes ; mais elles 
contribueront peut-etre ä familiariser certains medecins praticiens avec 
les points de vue nouveaux de la psychanalyse, qui leur sont trop souvent 
inconnus, H. Elournoy, Geneve. 

Henri Flournoy, Quelques remarques sur 1 e symbolisme 
dans l'hysterie (Archives de Psychologie, 1919, XVII, p. 208— 
233.) 

Description d'un cas observe ä la Clinique medicale du Prof. Bard, 
ä Geneve. II s'agit düne femme qui, ä la suite dün trauma emotif 
— eile avait cru que son ami, qui lui servait d'epoux, allait se noyer — 
a developpe une astasie-abasie hysterique greffee sur un etat organique 
(lymphocytose rachidienne). Aucune amelioration ne s'etant produite au 
bout de trois semaines de repos et de therapeutique medicamenteuse, on 
decida d'appliquer un traitem,ent psychotherapique. En quatre seances 
de Suggestion, E. reussit ä faire marcher la malade, et eile i>ut sortir 
de l'höpital appa^emment guerie au bout de dix jours; revue neuf mois 
plus tard, eile n'avait pas eu de rechute. Au cours de plusieurs inter- 
rogatoires, l'auteur croit avoir mis au jour le symbolisme, c'est-ä-dire la 






Kritiken und Referate. 283 

signification inconsciente de ce trouble. II semble que la malade s'iden- 
tifiait avec une voisine paralysee, dans le but inavoue d'obtenir, par cette 
Imitation, les meines avantages que cette derniere: obliger l'epoux ä 
rester aupres de sa femme pour lui donaer des soins. Mais en appliquant 
sans desoernemeiit ce raisonnement par analogie, l'hysterique a depasse 
le but qu'elle se proposait, eile s'est prise ä son propre piege. Car si 
le premier effet a ete de retenir son ami aupres d'elle, le resultat ulterieur 
de la^maladie, pousee ä l'extreme, a ete une Separation, puisqu'un sejour 
a l'höpital est devenu necessaire. Les troubles dont il s'agit n'en pre- 
sentent pas moins dans lern- origine une raison d'etre, un sens symbolique ; 
et leur dependanee de l'emotion initiale devient plus claire du meme 
coup, des qu'on envisage la nature intimle de celle-ci (frayeur que l'ami 
en question disparaisse). 

Au sujet de ce cas, l'auteur donne un court historique de la theorie 
ideogenetique de l'liysterie (Reynolds, Charcot, Moebiüs, Freud, Clapa- 
rede etc.), et il resume deux observations de Janet, dans lesquelles ja 
forme des symptömes s'explique par la nature des idees subconscientes. 
Puis il montre que la notion du symbolisme, introduite par les psych- 
analystes, est plus compliquee, et il clierche ä la preciser en se basant 
surtout sur les travaux de Silberer et de Terenczi; 1'auteur s'en rapporte 
aussi ä la premiere Observation clinique parue dans ce. domaine en langue 
francaise, oelle d'Odier (Arch. de Psycho!, 1914). Apres avoir resume 
les trois buts principaux que remplissent les symboles (puissance im- 
pressive, deguisement, concision synthetiqne), Tl. envisage le probleme 
de leur mecanisme caus,al; il expose ä ce sujet la theorie du refÖulement 
et de la censure de Freud, et celle de la conversion hysterique, qui 
n'est en somme qu'un cas particulier de la symbolisation. II fait aussi 
un parallele entere la theorie de l'inertie mentale, invoquee par Ferrero 
pour expliquer la pensee symbolique, et la conception dynamique de 
l'Eoole de Freud. 

Dans un dernier chapitre, l'auteur signale les critiques que les inter- 
pretations symboliques ont soulevees chez les psychiatres, et il renvoie 
aux articles de Regis et Janet. La plupart de ces critiques, qui fönt 
ressortir l'insecurite des methodes employees et leur cöte forcement 
aleatoire, lui paraissent justifiees. Mais la difficulte d'arriver ä des 
preuves absolue ( s dans ce domaine n'est pas une raison pour en dedaigner 
l'etude; d'autre sciences, comme l'anthropologie et la geologie prehisto- 
riques, sont solidement etablies, bien qu'elles reposent davantage sur le 
bon sens des connaisseurs, que sur des demonstrations mathematiques 
ou des verifications experimentales. L'analyse approfondie et la com- 
paraison d'une foule de das permettront seules, en Psychopathologie, de 
faire le depart entere ce qui est juste ou errohe, dans la d§couverte freu- 
dienne des interpretations symboliques. 

H. F 1 o u r n o y, Geneve. 

Eugene ßignano, Prof., Pathologie du Raisonnement. ( Scien- 
tia", 1919, p. 362 ä 391 et p. 460 ä 178; „Scientia", 1920, ' p. 112 
ä 133, Alcan, Paris.) 

D'apres Rignano l'etat de sommeil, et par suite le reve, seraient de- 
pourvus de toute affectivitö. „Le sommeil naturel", dit-il, „est du ä la 
Suspension de toute activite affective de l'äme". L'auteur pense que 
cest pour cela que nous conservons si peu le Souvenir de nos reves. Le 



284 



Kritiken und Referate. 



fait que nos reves ne nous surprennent pas par leur incoherence, et que 
leurs personnages sont depourvus de tout sens inoral doit enoore §tre 
attribue ä oe que E. appelle „I'anaffectivite du reve". Mais comment 
alors expliquer les etats emotifs souvent violents que nous xesseatons 
dans certains reves? Ce seraient des troubles physiologiqu.es qui les 
provoqueraient, et lä, R. demaiide que Ton distingue les etats emotifs 
des etats affectifs. Les premiers, seuls, se rencontreraient dans nos reves. 
Passant ensuite ä la pathologie mentale E. distingue: 1. Les mono- 
manes qui sont encore coherents, mais dont l'affectivite est concentree 
sur un seul objet. 2. Les maniaques, qui ont une incoherence due a un 
desequilibre affectif. 3. Les dements et les confus ou l'incoherence est 
complete parceque leur decheance affective est progressive. La pensee 
dans le reve ressemblerait ä la pensee du confus; eile serait ä la fois 
incoherente et anaffective. E. de Saussure, Geneve. 

Dr. Bonjour, La Psychanalyse. (Bibliotheque Universelle, Lau- 
sanne 1920, p. 226 ä 240 et 337 ä 354.) 
Dr. Bonjour, „Les Eeves". (ibidem 1920, p. 203 ä 224.) 

„Tout medecin vraiment au courant de la psychologie ne peut pas 
nier'que la psychoanalyse lui offre une puissance de penetration dans 
Tesprit du malade qui, dans bien des cas, rend un interrogatoire minutieux 
et approfondi completement superflu." On s'etonne qu'apres une teile 
declaration Bonjour puisse encore ecrire: „Plus on soupese ces actes 
psychiques, qu'ils s'appellent refoulement, Substitution, conversion, Subli- 
mation . . ., plus on les sent legers ; on ne se rend pas compte, au fond, 
de oe qu'ils signifient." En comparant ces deux citations on ne peut 
faire autrement que de se demanider si B. est vraiment sincere dans ses 
critiques! B. ne voit dans la psychanalyse qu'une forme de Suggestion 
qui permet au malade de rationaliser certaines idees qui le troublent. 

Dans son article sur les reves B. soutient la these que le reve n'est 
que le produit d'une irritation du corps on du cerveau. C'est de ce point 
de vue physiologique — qu'il base sur les celebres experiences des „reves 
induits" de Maui-y — , que B. voudrait critiquer la theorie psychologique 
de Freud. C'est lä une grave erreur de methode; car quelle que soit 
l'irritation physique, eile n'expliquera que tres imparfaitement^ le contenu 
psychologique du r§ve. Voici un reve qui montrera facilement l'insuffisance 
de l'explication de B. et qui, par la rneme occasion refutera la theorie 
de „l'anaffectivit6 des reves" de M. Eignano: M. X. a eu des rapports 
sexuels avec Mademoiselle M. Les regles de Mlle M. sont re-tardtes, et 
X. en est inquiet, craignant que Mlle M. ne soit enceinte. Voici le reve 
qu'il fait et qu'il me communique: „J'arrive chez mon anüe Madame T., 
qui n'a pas d'enfants et qui ne desire pas en avoir. A mon arrivee eile 
me montre un foetus dont eile vient d'accouchez. „As-tu eu tres mal?" 
fut la premiere question qua je lui posais. „Non pas du tout" me 
repondit-elle. Je me reveillai sur oette parole avec un sentiment^ de 
soulagement." II y a dans le contenu de ce reve des preocoupations 
affectives evidentes. Quelle qu'ait ete l'irritation qui ait provoque ce 
reve, eile n'en explique en rien son contenu psychologique. C'est ici que 
la theorie de Freud reprend tous ses droits. Par ailleurs, l'article de B. 
est interessant. On trouvera notamment quelques reves d'enfants souffrant 
de terreurs nocturnes. B. croit pouvoir les rattachez aux sensations 



Kritiken und Referate. 



285 



que l'enfant aurait eprouvees lors de son aocouchement. Voioi un de 
oes rüves : , v Chez un enfant ne diffioile meint avec le forceps, ses terreus 
nocturnes sont dues au reve suivant : II se oroit dans un espace au bout 
duquel il s'engage, inais il voit que la lumiere du tuyau est loin et qu'il 
ne peut avancer; alors l'angoisse le saisit, et il crie." 

R. de S a u s s u r e, Geneve. 

Dr. med. M. v. Kemnitz, Erotische Wiedergeburt. (Verlag von 
E. Reinhardt, München 1919.) 

Die Verfasserin verfügt über reiche Kenntnisse in der Entwicklungs- 
geschichte. Und solang sich ihre Ausführungen auf dem Gebiete des 
Organischen bewegen, sind die Gedankengänge klar, eindeutig und über- 
sichtlich. Die Verworrenheit beginnt, sobald sie auf das psychosexuelle 
stößt. Sie begeht den gefährlichsten Fehler vieler Gegner der Freud- 
schen Lehre: sie vermischt Freud sehe Erkenntnisse mit den Theorien 
anderer und bedient sich festgelegter Termini in einem der psychoanaly- 
tischen Forschung fremden Sinn. Daß Kemnitz einen Teil der Freud- 
schen Thesen, ohne es zu wissen, zum Unterbau ihrer Arbeit macht, zeigt, 
wie kein erster Forscher, dem es um die Ergründung der tiefsten Zu- 
sammenhänge zu tun ist, sich der psychoanalytischen Denkweise zu ver- 
schließen vermag ; aber sie verwirrt die Begriffe. So schreibt sie (S. 78) : 
„Die Gesetzmäßigkeit der Sexualität im Einzelleben wird für das ganze 
Leben im hohen Grade bestimmt durch die Art der ersten Erlebnisse der 
sexuellen Beglückung in der Jugendzeit." Natürlich handelt es sich weder 
bei den frühen sexuellen Erlebnissen nur um das, was Kemnitz „sexuelle 
Beglückung" nennt, noch ist genügend betont, daß die Geschehnisse in der 
ersten Kindheit von der ausschlaggebenden Bedeutung sind. Die 
sexuelle Anästhesie des Weibes sucht Kemnitz aus anatomisch-physio- 
logischen Bedingtheiten zu erklären; „die Frigidität ist keine Krankheit 
und hat mit Kälte nicht das Geringste zu tun, sondern ist eine Folge der 
wachsenden Geburtsschwierigkeiten und ist letzten Endes mit der Fort- 
entwicklung des menschlichen Großhirns in innigem ursächlichen Zu- 
sammenhang". Der Konflikt der beiden Sexualaufgaben der Scheide, Funk- 
tion der Begattung und Geburtsakt, mache ihr Inneres sowie die Gebär- 
mutter zur Trägerin soxueller Lustgefühle durchaus ungeeignet. Kem- 
nitz übersieht nur leider die so häufigen Formen der weiblichen An- 
ästhesie, die rein psychisch bedingt sind. 

Wenn schon aus der steten Verwendung gewisser Termini, wie „Fi- 
xierung", „erogene Zonen" usw., die durch die Freud sehe Lehre ganz 
eindeutig bestimmt, in willkürlichem Sinne eine starke Gegnerschaft gegen 
die Psychoanalyse spricht/ so kommt dies in zahlreichen Stellen un- 
mittelbar zum Durchbruch; so schreibt sie (S. 56 — 57): „Die Vergeisti- 
gung der Sexualität zur Erotik, die Verknüpfung des Sexualtriebes mit 
allen Seelenfunktionen wurde in jüngster Zeit vielfach in dem Sinne miß- 
deutet, als ob es überhaupt kein extrasexuelles Geistesleben gäbe. So 
hat man fast alle abstrakten Interessen und schlechterdings alle Sym- 
pathieregungen der Menschen mit dem Sexualtriebe in Zusammenhang 
gebracht. Wir erwähnten schon verschiedene Sympathieregungen, die mit 
der Sexualität nicht das Geringste zu tun haben" — nach Kemnitz' 
Ansicht vor allem die Mutterliebe! — „und erwähnten auch, daß es 
Kunstgebiete (z. B. einen Teil der Musik) gibt, die ohne Zusammenhang 
mit der Erotik geschaffen wurden und genossen werden. Bei Sympathie- 



23g Kritiken und Keferate. 

regungen und Gebieten der Kunst ist die extrasexuelle Natur für den 
oberflächlichen Beobachter allerdings nicht zu leicht erkennbar." 

Eine neue Methode, die psychoanalytische Lehre anzuzweifeln! 
Während die Mehrzahl der Gegner ihr vorwirft, die Sexualität gewaltsam 
in die Geschehnisse hineinzutragen, macht ihr Kemnitz den indirekten 
Vorwurf der Oberflächlichkeit. Mit starkem Affekt begegnet sie der 
Auffassung der „Pansexual i s t en", die „die Einzelerfahrungen an 
Menschen mit überstarkem Sexualtriebe auf alle überträgt, gleichgültig 
welcher Passe sie angehören, gleichgültig wie stark ihr Sexualtrieb ent- 
wickelt ist". Und sie meint, daß die Machteinflüsse der primitiven 
Sexualität auf das Geistesleben allerdings vorhanden seien, aber daß „sie 
hauptsächlich von der Stärke des Sexualtriebes abhängen und in extremen 
Fällen bei einzelnen Menschen und bei Rassen mit starkem Sexualtrieb 
oft sehr weitgehend sind". 

Infolge der Einseitigkeit in der Behandlung dieses wichtigen Pro- 
blems, das gleicherweise die sozialen, wie die geistigen und die .gemüt- 
lichen Interessen umfaßt, gelingt es der Verfasserin nicht, zu konkreten, 
für die künftigen Generationen durchführbaren Änderungsformen des 
Liebeslebens zu kommen, sondern sie begnügt sich im letzten Kapitel 
„Sexualmoralisches Neuland" mit gewissen oft gehörten Worten, die leider 
nichts mehr als die uneingestandene Umschreibung dafür sind, daß eine 
Höchstentwicklung der Erotik kaum von wenigen, geschweige denn von 
der breiten Masse je erreicht werden könne. 

Dr. Hermine Hug-Hellmuth. 

Helga, Der Weg zum Weibe. Das Tagebuch eines jungen Mädchens. 
(Bundesverlag, G. m. b. H., Berlin 1919.) 

Hätte der Herausgeber als Untertitel „Ein Weg zum Weibe" ge- 
schrieben, so ließen wir zu Recht gelten, daß es natürlich auch Mädchen 
gibt, die auf diesem Wege zum Weibtum reifen. Aber „Der Weg 
zum Weibe" sieht zum Tröste der Männer, die ihr Geschick an das einer 
Frau mit Vertrauen knüpfen wollen und zum Glücke beider Partner in der 
Regel doch etwas weniger gewaltsam und erschütternd aus. Und wenn 
man wenigstens etwas von dem ferneren Schicksal dieses jungen Ge- 
schöpfes erführe ! Die große Pose, mit der sie den Deus ex machina, den 
ältlichen Herrn, der sie trotz ihres erst zu gebärenden ( !) unehelichen 
Kindes heiraten will, in ihrer Not ablehnt, ihre Frage, „wohin der lange 
und beschwerliche Weg sie führen werde", läßt uns das stark roman- 
haft anmutende Buch unbefriedigt aus der Hand legen. 

Gewiß enthält es Stellen, die gerade dem Psychoanalytiker wichtig 
scheinen für den Einfluß früher Kindheitserlebnisse auf das spätere Liebes- 
leben, für die Beziehungen des Kindes zu Eltern, Geschwistern und Freun- 
den, für die Epoche, da das junge Menschenkind sich dem gleichen Ge- 
schlecht leidenschaftlich zuneigt, weil es den Weg zum anderen noch 
nicht klar vor sich sieht — aber man kann sich des Eindrucks nicht 
erwehren, daß der erste Teil des Tagebuches von einem, der die Freud- 
sche Lehre ein wenig kennt, „gemacht" ist und daß der zweite Teil, 
allerdings erlebt, ebenso belletristisch zugeschnitten ist. 

Wenn das Tagebuch einer Werdenden auf den Leser wirken soll, 
indem, es die Entwicklung der Seele aufzeigt, dann darf der Herausgeber 
nicht eine Auswahl aus den Aufzeichnungen treffen. Er muß vielmehr 
jede Bemerkung unverändert und vollständig zum Druck bringen. Es 



Kritiken und Referate. 



287 



gibt keine Tagebuchstelle, die nicht ein Stück innerer Entwicklung ver- 
riete. Dies willkürliche Beschneiden, Zusammendrängen, Auslassen — 
z. B. die Lücke in den Aufzeichnungen nach der Entdeckung des heimlichen 
Liebesverkehres der jungen Helga mit dem Künstler — verleiht dem 
Ganzen etwas Gekünsteltes. Das Zeitlose verwischt vollends den Cha- 
rakter eines Tagebuches. 

Dr. Hermine H u g - H e 1 1 m u t h. 

S. Galant, Bern-Belp, „Sexualleben im Säuglings- und Kindes- 
alter". (Neurolog. Zentralbl., Nr. 20, 1919.) 

„Die Beweise der Ereud sehen Schule waren immer mangelhaft, 
wenn sie überhaupt da waren, und so erklärt es sich leicht, daß Freud 
in den kompetenten, wissenschaftlich denkenden Kreisen verschrien wurde : 
einerseits die Behauptungen, die evident falsch sein müssen, anderseits 
Meinungen, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich haben, aber 
dennoch bestritten werden können, da keine schwerwiegenden Beweise 

vorliegen " Dennoch möchte Dr. Galant die Behauptung Freuds, 

das Saugen, Lutschen, Ludein des Säuglings sei ein deutlich sexueller 
Akt, nicht — wie z. B. Lewandowsky — für lächerlich erklären. Das 
sei dennoch wahr, und wenn Ereud „keine genügenden Beweise" für seine 
Behauptung aufzubringen im stände sei, so führe er — Galant — hier 
den Beweis, „an dem zu rütteln unmöglich" sei. Dieser Beweis besteht 
in einem Dokument 1 ), worin ein Mädchen aus dem Volke, ein geistig und 
körperlich vollkommen gesundes, lebensfrohes Individuum, in seiner naiven 
Weise schildert, mit welcher Leidenschaft es sich bis in das siebente Le- 
bensjahr dem Ludein hingegeben habe und wie es dasselbe Wonnegefühl 
später — im Pubertätsalter — beim Küssen wiederfand, ein „wohliges 
Gehen durch den ganzen Körper", ein „wunderbares Gefühl" des Ver- 
langens nach einer Ruhe, die kein Ende nehmen soll". Damit hält der 
Autor die Tatsache für „bewiesen, daß das Kind sich sexuell betätigt 
und daß diese Betätigung eine normale physiologische Erscheinung ist". 
Anerkannt wird auch, daß aus diesem kindlichen Sexualleben heraus Per- 
versionen entstehen können, ebensogut wie beim Erwachsenen. „Das alles 
hat aber mit den zahllosen phantastischen Theorien Ereuds über das 
Sexualleben des Kindes und die Neurosen des Erwachsenen, die Ereud 
von diesen Phantasietheorien ableitet, nichts zu tun. Und es ist zu be- 
dauern, daß Ereud nur zu oft sich von seinen Instinkten leiten läßt, die 
ihn oft auch wirklich leiten, aber noch öfters verleiten. Wir kommen 
an anderer Stelle über die Abirrungen Freuds zu sprechen." Soweit 
der Autor. 

Ein ausführlicher Kommentar zu dieser arroganten Arbeit erscheint 
unnötig. Wir möchten uns nur die Frage erlauben, wie wohl Dr. S. G a- 
lant zu seinem „Beweis" gekommen wäre ohne Freuds „phantastische 
Theorien"? Im übrigen seien wir Dr. S. Galant dankbar, bald von 
ihm, wie er ankündigt, über die „Abirrungen" und die „phantastischen 
Theorien" des genialen Erforschers des Unbewußten und des Schöpfers 
der Traumdeutung Klarheit zu bekommen. 

Hans Meier-Müller, Zürich. 



*•) In extenso veröffentlicht diese Zeitschrift, VI. Jhrg., Heft 2, p. 164. 



288 



Kritiken und Referate. 



Josef K. Friedjung, E r 1 e b t e K i n d e r h e i 1 k u n d e. (Wiesbaden 1919, 

J. F. Bergmann.) 

Das Buch ist wirklich, wie es sich im Untertitel bezeichnet: „Eine 
Ergänzung der gebräuchlichen Lehrbücher." Selbständiges Beobachten und 
diszipliniertes Denken lassen den Verfasser zu verschiedenen Kapiteln der 
Pädiatrie wertvolles Neues aus persönlicher Erfahrung beibringen. Er 
steht auf der Basis der Psychoanalyse und gibt wichtige Winke für die 
Überwachung der kindlichen Sexualität. Die vielfältigen Erscheinungen 
derselben, die Freud zumeist retrospektiv aus den Analysen Erwachsener 
erschlossen hat, bestätigt Friedjung aus den direkten Beobachtungen 
der Praxis. Seine Kapitel „Psychologie des Kindes", ferner „Krankheit 
als Folge abträglicher Familienverhältnisse" (das einzige und das Lieb- 
lingskind, das umkämpfte und ungeliebte Kind), und das die funktionelle 
Nahrungsverweigerung behandelnde, sind überaus aufschlußreich und kenn- 
zeichnen den Autor als trefflichen Vorsteher der gesunden und kranken 
Kinderseele. 

Wer sich mit der komplizierten und langdauernden psychoanalyti- 
schen Behandlung von Neurotikern beschäftigt, wird die Möglichkeiten 
prophylaktischen Eingreifens, wie sie hier angedeutet sind, gern weit ver- 
breitet wissen. Dr. E. Hits ch mann. 

M. Nachmannsohn, Zur Erklärung der durch Inspiration 
entstandenen B e w u ß t se i n s e rle bn i s s e. (Aren, für die ge- 
samte Psychologie, 1917, XXXVI. Band, 2. und 3. Heft.) 
Die Inspiration wird definiert als Hereinbrechen einer ganzen Ge- 
dankenwelt in unser Bewußtsein und nach den Selbsterlebnissen Nietz- 
sches, Jak. Böhmes, Spittelers und Otto Ludwigs genauer ge- 
schildert. 

Zur Erklärung nimmt der Autor eine selektive Funktion des Bewußt- 
seins an, wobei die nicht gewählten Beize der Außen- und Innenwelt zwar 
nicht verloren gehen, aber im wachen Zustand als das Nichtangepaßte 
durch Hemmungen von der angepaßten Einheit im Schach gehalten werden. 
Die posthypnotischen Phänomene werden als Beweis für psychische Inhalte 
außerhalb unseres Bewußtseins angeführt. Der Autor hält den Ausdruck 
Unbe wußtsein für diese zweideutig und schlägt dafür den Namen Binnen- 
bewußtsein vor. Dieses enthält nicht nur Regungen und Vorstellungen, 
die mit Moral und Kultur im Widerspruch stehen, sondern auch ethisch 
wertvolle psychische Vorgänge. Tolstoi, Goethe und Gottfried Kel- 
ler werden als Beispiele angeführt, wie die Berufswahl zur Bildung des 
Binnenbewußtseins beitragen kann. Freuds großes Verdienst besteht 
vor allem in der Entdeckung der Methode, das Binnenbewußtsein zu 
eruieren und seine Gesetze zu erforschen. Organisierendes Prinzip der 
Neuassoziierung der Binnenkomplexe sind meist gefühlsbetonte Wünsche. 
(Es gibt doch eigentlich keine ohne Gefühlsbetonung !) Erreichen diese eine 
genügende Stärke und haben sie sich mit unserer bewußten Weltauffassung 
harmonisch organisiert, so setzen sie sich auch gegen Hemmungen durch 
und erzwingen eine Entladung oder wenigstens ein apperzeptives Bewußt- 
werden. Aus dieser Theorie glaubt der Verfasser die Begleiterscheinungen 
der Inspiration: Passivität, Plötzlichkeit, Überfülle, überstark© Lust- 
gefühle erklären zu können. Jakob Böhmes Leben und Lehre liefern ihm 
eine Beine Beispiele zu ihrer Anwendung. E. v. Hartmanns und 



Kritiken und Referate. 



289 



W. James' Theorien der Inspiration werden kritisch abgelehnt, da beide 
das Problem ms Transzendente verschieben. 

Wertvoll an der Abhandlung erscheint vor allem der Nachweis, daß 
durch ausgedehnte experimentelle psychologische Forschungen (Poppel- 
reuter im Ziehenschen Institut) die Zweckmäßigkeit der psychoanalyti- 
schen Hauptmethode, d. h. des Freiassoziierens erhärtet wird 

_ Brno Schwäche der Darlegungen Nachmannsohns besteht in der 
geringen Betonung der sexuellen Momente. Die überstarken Lustgefühle 
beim plötzlichen Bewußtwerden sind unseres Erachtens nur als Mani- 
festation verdrängt gehaltener Libido, als Äquivalent des sexuellen Or- 
gasmus ganz zu verstehen. Gerade bei Jak. Böhme erweist sich die aus 
der Melancholie plötzlich auftauchende Euphorie als Begleiterscheinung 
der m der mystischen Exstase eintretenden Erfüllung von spezifisch in- 
zestuösen Wunschphantasien. Dr. Kielholz, Königsfelden. 

A. J. Storfer, Psychoanalytische Krise? (Wissen und Leben 
Heft 11, Zürich 1920, Orell Füßli.) 

_ „Wir sehen ihn (Freud) von Jahr zu Jahr, seine älteren Publika- 
tionen hinter sich lassend, die früheren Absichten modifizieren, vertiefen 
auf Umwegen sogar wesentlich abändern. In diesem Sinne kann man von 
einer Krise in der Psychoanalyse sprechen. Diese Krise ist chronisch 
und I reud selbst gehört zu denen, die stets von jeher ,von Freud ab- 
rücken'." Auf dieses Argument stützt Storfer die irreführende Über- 
schrift. Gleich bedenklich sind mehrere Unrichtigkeiten. Ein Beispiel- 
„Besonders bezeichnend ist die Situation in der Erziehungsfrage Was 
ist überhaupt unser erzieherisches Ziel? Sollen wir die Kinder von allen 
kleinen (!) Ängsten, Neugierde!!, Aberglauben, Unruhen, Grübelei, pein- 
lichen Erlebnissen, Vorstellungen befreien? - Angenommen, es ginge 
restlos, — was bliebe dann übrig? Würden wir da nicht bedauernswerte 
Puppenseelen, in ihrer Konfliktlosigkeit klägliche Tabula rasa-Menschen 
schaffen ? Storfer stehen offensichtlich nur subj ektive Wahrnehmungen 
zu Gebote, die sachliche Beobachtung überzeugt vom Gegenteil. Hätte 
Storfer seine rhetorische Frage zu Ende gedacht, würde ihm auch ein- 
geialleii sein, daß entbundene Gefühlsgewalten, die reale Verwendung 
suchen und durchsetzen, durchaus nicht harmlos und konfliktlos sind 
Diesmal feülerdings im gesunden Sinne. S t o r f e r scheint aber zu empfinden 
daß die Übertragung nicht jedermanns Sache ist. Sein Aufsatz ist von 
Skeptizismus durchsetzt, bei aller Bewunderung der Psychologie Freuds 
Diesen inneren Zwiespalt macht auch der feuilletonistisch pikante Stil 
nl0ht S ut - Dr. Grün in ger, Zürich. 



Intern. Zeitsohr. f. Psychoanalyse. VI/3. 



19 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 
Leipziger Gesellschaft für Psychoanalytische Forschung*). 

Tätigkeitsbericht im Sommersemester 1920: 

7. Mai, abends 87» Uhr: Leseabend (Kasuistik zur Traumdeutung). 

14. Mai, abends 87 a Uhr: Vortrag Dr. Knopf: Totem und Tabu. 

4. Juni, abends 87 2 Uhr: Vortrag oand. med. Hollenberg: Kritik 
und Besprechung von A. Adler: „Der nervöse Charakter." 

11. Juni: Leseabend (Prof. Freud: Ein der psa. Theorie wider- 
sprechender Fall von Paranoia). 

18. Juni: Vortrag Dr. Knopf: Über Narzißmus. 

25. Juni: Leseabend (Dr. Th. Reik: Über Vaterschaft und Narziß- 



mus). 



2. Juli: 
9. Juli: 
16. Juli: 



Vortrag Dr. Knopf: Über Entstehung des Größenwahns. 
Leseabend (Zur Psychopathologie des Alltagslebens). 
Vortrag des Herrn Dr. Raimund Schmidt, Herausgeber 
der Annalen der Philosophie, als Gast: „Das Wesen, des fiktionalen Den- 
kens und dessen Bedeutung für die Medizin." 

23. Juli: Vortrag Dr. Knopf: Psychoanalyse und Eiktionalismus. 
(Diesen Vortrag hat Dr. Knopf schon am 23. Mai in Halle auf der „Als 
Ob"-Konferenz vor einer großen Zuhörerschar gehalten.) 

Im Wintersemester beabsichtigt die Gesellschaft einen „Einfüh- 
rungskursin die Psychoanalyse" zu veranstalten. Wiederbeginn 
der Sitzungen: Mitte Oktober. Mitgliederbestand: 30 Herren. 

Karl H. Voit t eL 

Pro Juventute, die gemeinnützige Schweizerische Stiftung, un- 
terhält in Zürich ein Jugendheim für schwererziehbare und gefährdete 
Kinder. Leiter ist Herr Albert Eurrer, der sich mit größtem Eifer 
und vorzüglichem Geschick in die Psychoanalyse einarbeitet und sie 
unter der Aufsicht des gleichfalls psychoanalytisch geschulten Psychiaters 
und Theologen Dr. med. W. Gut anwendet. Die Erfahrungen ;waren 
so günstig, daß die Stiftung beschlossen hat, ein eigenes Heim anzu- 
schaffen. ' ' ! 

In Bulletin mensuel de la Societe Alfred Binet (Nr. 
132/33, Februar-März, Paris 1920) veröffentlicht Prof. M. Fontegne 
von der Ecole nationale de Strasbourg einige Seiten aus seinem Werke 
über die berufliche Orientierung der Jugend. Mit Berufung auf Freuds 
Schüler Kram er, sowie auf eigene Beobachtungen, die er mit Professor 



i) Vgl. diese Zeitschrift V. Jahrg. 1919, p. 228. 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 



291 



P. Bovet in Genf erzielte, stellt er fest, daß die Formel des Kindes 
anscheinend in die Formel gekleidet werden können: „Höher kommen 
als der Vater I" Die Abhängigkeit vom Vater gibt er damit zu und 
wünscht, daß die Psychoanalyse vom Erzieher ernstlich gewürdigt werde. 
Im übrigen aber befindet er sich noch in dem interessanten und schönen 
Stadium, in dem man glaubt, Freuds Lehren seien Hypothesen, die 
erwahrt werden müssen. Möge diese Erwahrung durch sorgfältige Tiefen- 
forschungen vorgenommen werden! O. Pf ist er. 

A. Madeiros de Albuquerque „A psicolojia de un neuro- 
lojista. Freud e as suas teorias sexuais" (Archivos Brasileiros de Medicina 
IX, 12). 

Henrique de Brito Beiford Roso „Sexualidade e Demenica pre- 
coce" (Archivos Brasileiros de Neuriatria e Psychiatria I, 4). 

Die Zunahme des Interesses an der Psychoanalyse in akademischen 
Kreisen zeigt u. a. eine Einladung, welche der Leiter der inneren Univer- 
sitätsklinik in Halle a. der Saale, Prof. Dr. Vollhard, an den Vor- 
sitzenden der Berliner Ortsgruppe ergehen ließ. Am 10. Juli sprach 
Dr. Abraham vor den Ärzten der Klinik und geladenen Gästen über die 
Psjrchologie neurotischer Erkrankungen des Verdauungsapparats. In der 
nachfolgenden, sehr angeregten Aussprache trat das zunehmende psycho- 
logische Erklärungsbedürfnis deutlich hervor, noch mehr aber die Bereit- 
schaft, der Sexualität eine größere Bedeutung für die Ätiologie der Neurosen 
einzuräumen. Insbesondere gaben die Privatdozenten Dr. David und 
Dr. Grote dieser Ansicht lebhaften Ausdruck. 



19* 



Korrespondenzblatt 

der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 



Nr. 3. 



1920. 



Amerikanische Psychoanalytische Vereinigung. 

Die Jahresversammlung der Amerikanischen Psychoanalytischen 
Vereinigung- wurde am 4. Juni 1920 in New "York unter, wie es zu- 
erst schien, recht ungünstigen Umständen abgehalten. Der Präsident, 
Dr. Brill, fand es schwierig, das Interesse für die bevorstehende 
Zusammenkunft wachzurufen. Er hatte erfahren, daß es mehrere 
Mitglieder für ratsam hielten, die Vereinigung, die sich ihrer Mei- 
nung nach überlebt hätte, aufzulösen. An Stelle der offiziellen 
Organisation sollten zwanglose jährliche Zusammenkünfte treten, 
denen alle für die Psychoanalyse Interessierten beiwohnen und bei 
denen Themen von analytischem Interesse erörtert werden könnten. 
Dieser Wunsch nach Auflösung der Vereinigung wurde ferner da- 
mit begründet, daß die Psychoanalyse in Amerika weit genug durch- 
gedrungen wäre, um jede Propaganda überflüssig zu machen; die 
Propaganda aber war ursprünglich gewiß eine der Hauptfunktionen 
der Amerikanischen Psychoanalytischen Gesellschaft gewesen. Bei 
der Zusammenkunft wurde dieser Standpunkt nur von einem ein- 
zigen Mitglied vertreten, alle anderen Anwesenden sprachen sich 
für den Portbestand und weiteren Ausbau der Vereinigung- aus. 
Folgende Mitglieder waren anwesend : Dr. White aus Washington, 
M e y e r und Taneyhill aus Baltimore, E m e r s o n aus Boston, 
Brill, Frink, Jellif fe, Mc Curdy, Oberndorf und Stern 
aus New York. 

Dr. Brill machte in seiner einleitenden Bede als Präsident 
unter anderem den Vorschlag, ein wissenschaftliches Arbeitsprogramm 
für die nächste Zusammenkunft aufzustellen, und zwar so, daß 
einzelne Mitglieder die Berichterstattung über bestimmte Arbeits- 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 293 

gebiete (wie etwa die narzißtischen Neurosen) übernehmen. Diese 
zur Diskussion gestellten Themen wären dann rechtzeitig allen Mit- 
gliedern bekanntzugeben, um eine gründliche Vorbereitung zu er- 
möglichen. 

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen ging man zum wissen- 
schaftlichen, Tagesprogramm über. 

Der erste Vortragende, Dr. John Mo Ourdy, sprach über die Schwierig- 
keiten und einige interessante Beobachtungen bei der Analyse einer Patientin 
mit häufig wiederkehrenden hysterischen oder leichten psychotischen Verstim- 
mungen von kurzer Dauer. 

• u ™ ie - Patientil1 ist 36 Jahre alt, von strengem, häßlichem Äußeren und zeigt 
sich Mannern gegenüber gleichgültig. Sie verlor beide Eltern im frühen Kindes- 
alter und lebte von ihrem 12. bis 17. Lebensjahre- bei einer. Tante, von deren 
Mann sie als unerwünschter Hausgenosse betrachtet wurde. Der Anlaß für ihre 
erste Verstimmung war die Entdeckung, daß sie von einem jungen Mann durch 
ein Schlüsselloch beobachtet wurde; der nächste Anfall war eine Folge ihres 
Versuches, sich als Lehrerin eine selbständige Existenz zu gründen. Die An- 
fälle wiederholten sich während ihrer Ausbildung zur Pflegerin, gewöhnlich 
nach Streitigkeiten mit der Oberin oder einer sonstigen Vorgesetzten Neben 
der Depression pflegten Reizbarkeit, Selbstbeschuldigungen und verschiedene 
Zwangsideen aufzutreten. Manchmal kamen bei den Anfällen auch fugues vor; 
das wahrend dieser Zustände Vorgefallene erinnerte die Patientin nicht klar' 
Die Hauptschwierigkeit bei der Behandlung ergab sich aus der Übertragung, 
die nach einem bestimmten Traum in den Vordergrund gerückt wurde. An den 
Traum anknüpfend förderten die Einfälle Gedanken über Schuld, Unschuld und 
den Verlust der Unschuld zu Tage, teilweise mit Bezug auf den Arzt Als 
der Analytiker versuchte, der Patientin an Hand ihrer Einfälle die Übertragungs- 
erscheinungen zu erklären, verfiel sie in den Wahn, daß sie eine Prostituierte 
sei und auch vom Arzt dafür angesehen werde. Später näherte sie sich in 
mehreren fugues Männern in geschlechtlicher Beziehung, ließ es aber in keinem 
Fall bis zum Sexualverkehr kommen. Zu gleicher Zeit traten Zwangsgedanken 
m besag auf das Bordellviertel der Stadt auf. Nach dem ersten Versuch ihr 
die Übertragungserscheinungen zu erklären, verfiel die Patientin regelmäßig 
wahrend der Behandlung in einen hypnoiden Schlafzustand, während dessen sie 
dem Arzt Eröffnungen über ihren Prostitutionskomplex, über ■ruhe Geburts- 
phantasien und ihre starke Bindung an ihren Vater machte. Therapeutisch blieb 
dieser Zustand ohne Bedeutung, da es zu keiner Lösung der Obertratmn^sschwie- 
rigkeiten kam und die Einfälle des hypnoiden Zustandes der Patientin nicht 
bewußt wurden. 

Die Diskussion ergab ziemlich übereinstimmend die Ansicht, daß die 
Patientin zahlreiche psychotische Züge aufweise und daß das Hauptgewicht in 
diesem Falle auf die Frage der Übertragung zu legen sei. Die Schwierigkeit der 
Behandlung lag der allgemeinen Meinung nach in der Unmöglichkeit, die Pa- 
tientin zu einer bewußten Überzeugung davon zu bringen, daß sie mit ihrer 
Bindung an die Person des Analytikers ihr Verhältnis zu ihrem Vater wieder- 
hole und ferner in ihrer Unfähigkeit, Einsicht in die Natur ihrer Wahnvor- 
stellungen zu gewinnen und die Prostitutionsphantasie als Ausdruck ihrer infan- 
tilen inzestuösen oder sexuellen Strebungen zu erkennen. Die narzißtische Ein- 
stellung der Patientin verhinderte die Analyse der Übertragung und damit die 
Möglichkeit, bewußt und ohne Selbstvorwürfe von der Kranken akzeptiert zu 
werden. Es wurde in der Diskussion hervorgehoben, daß eine Analyse solchen 
Patienten eher schaden kann, da sie verdrängte Wünsche und Konflikte be- 
wußt macht, ohne ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu ihrer Bewältigung zu 
geben. ° ° 

Den zweiten Vortrag hielt Dr. L. Pieroe Clark aus New York über 
„Eine klinische Studie einiger psychischen Inhalte der epi- 
leptischen Anfälle". Aus den Träumen von Neurotikern, aus den spontanen 
Produktionen von Fieberkranken und Morphinisten und aus den in Romanen 
enthaltenen Beschreibungen von Gehirnentzündungen und Delirien gewinnt 
Dr. Clark Material, das sich mit den Produktionen von Epileptikern während 
des Anfalles vergleichen läßt, obwohl jene dunkel, vag und zusammenhanglos 



294 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

erscheinen. Dr. Clark meint, daß sich auf diesem Wege ein Zugang zum 
Wesen des Epileptikers und zum Aufbau einer rationelleren, individuellen The- 
rapie gewinnen läßt. Der Egoismus, die Herrschsucht, die Zügellosigkeit und 
die allen äußeren Einflüssen gegenüber streng bewahrte Individualität des Epi- 
leptikers machen ein näheres Eindringen sowohl zum therapeutischen wie auch 
zu reinen Studienzwecken äußerst schwierig. Auskünfte von den Kranken können 
gewöhnlich nur in der Form von Antworten auf Eragen erreicht werden, Fragen 
aber wecken den Kranken gewöhnlich zu vollem Bewußtsein und schneiden 
damit wieder jeden weiteren Zugang ab. Alle Produktionen der Epileptiker 
zeigen Strebungen von primitivem, intensiv egozentrischen Charakter. 

Dr. Clark schildert im folgenden ein charakteristisches Beispiel: Ein 
Patient hatte, während er mit Holzschnitzen beschäftigt war, einen Anfall von 
petit mal und versuchte, die schräge Wand des Ventilationskastens im Unter- 
stock des Hauses hinaufzuklettern. Er sagte: „Ich will es hineinstecken . . . 
nier hineinstecken." Während er immer weiter kletterte-, wiederholte er: „Gib 
es mir ... Es kommt . . . schnell . . . Was zum Teufel ist denn los? Beeil' 
dich . . . ich kann es nicht halten . . . schneller." Dann schrie er in ge- 
steigerter Erregung: „Warte, warte. Schnell jetzt, nimm es, nimm es." Dann 
ließ er vom Klettern ab und lehnte sich erschöpft gegen den Kasten. Schließ- 
lich kam er wieder zu sich, betrachtete seine beschmutzten Kleider und sagte 
mit verlegenem Lachen: „Was ist denn los?" Dr. Clark sieht in dieser Episode 
die symbolische Darstellung eines sexuellen Angriffes Und meint, „daß der Anfall 
von petit mal die unbewußte Dramatisierung eines libidinösen Wunsches aus- 
löste". 

Dr. Clark meint, daß uns die Epilepsie nicht nur das Bild einer rohen 
Sexualität, sondern das eines wirklichen Triebdefektes bietet und daß man des- 
halb diesen Patienten durch entsprechende Sublimierung und Nacherziehung be- 
hilflich sein muß, sich ein Leben aufzubauen, das in seiner Form den ihnen 
eigenen Triebdefekten angepaßt ist. 

In der Diskussion wurde die Ansicht ausgesprochen, daß man — wie 
auch sonst manchmal in der psychoanalytischen Arbeit — bei Epileptikern, 
deren Anfälle keinen psychischen Inhalt oder transitorische Delirien aufweisen, 
zu der Produktion künstlicher Träume greifen könnte. Einige Einwendungen 
erhob man gegen den Begriff eines Sexualtriebdefektes beim Epileptiker. Der 
Sexualtrieb wurde als sehr primitiv und desgleichen die Ichstrebungen als 
archaisch bezeichnet. 



New Yorker Psychoanalytische Gesellschaft. 

In einer Sitzung am 24. Mai 1920 hielt Dr. Smith einen Vortrag allge- 
meiner Art. Im folgenden ein Auszug des Autors. 

Der Vortragende bespricht zu Beginn kurz die verschiedenen Auffassungen 
der Dementia praecox. Er betrachtet das Studium der Dementia praecox vom 
Standpunkt der Ereud sehen Psychologie als einen Versuch, die Ereudsche 
Auffassung zu verallgemeinern. Nun liegt das Streben nach Verallgemeinerung 
im menschlichen Geiste und entspricht seinem Bedürfnis, Gleichförmigkeit in 
der Erscheinungswelt zu suchen. Der Autor gibt die Fruchtbarkeit solcher Be- 
strebungen zu, warnt aber vor ihren nachteiligen Eolgen: Dogmatismus und 
Einseitigkeit. Die Entdeckung Freudscher Mechanismen bei den Psychosen, 
der Dementia praecox etc. hat eine überstarke Betonung der psychischen und 
eine Unterschätzung der physischen Seite zur Eolge. Die Analyse der Dementia 
praecox hat uns keine Aufschlüsse über das innere Wesen dieser Krankheit 
gegeben und Bleuler, einer der scharfsinnigsten Psychiater, war genötigt, 
anatomische Grundlagen anzunehmen. Die Einführung Freud scher Begriffe in 
die Psychopathologie der Dementia praecox führte zu einer zu großen Gleich- 
stellung der Psychosen und Neurosen, obwohl die praktische Erfahrung Uns 
beide als ganz getrennte Erscheinungen zeigt. Die Psychoanalyse läßt sich auf 
die Mehrzahl der Psychosen vom Typus 'der Dementia praecox nicht anwenden. 
Der Autor erklärt, daß es nicht seine Absicht ist, eine Kritik der Psychoanalyse, 
einer allgemein anerkannten Methode, deren Wert niemand bezweifelt, zu geben. 
Er fühlt sich nur berechtigt, auf ihre praktischen Beschränkungen hinzuweisen. 

In der Diskussion hob man hervor, daß Bleuler in seinen Studien 
über Dementia praecox betont, wieviel er Freud für seine Arbeiten über die 
Pathologie dieser Krankheit verdankt. Bleuler sieht wohl die psychischen 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 295 

Faktoren nicht als die einzigen in der Ätiologie an, spricht ihnen aber eine 
große Bedeutung zu. 

Alle Freudianer stimmen darin überein, daß die Dementia praecox" durch 
die Psychoanalyse therapeutisch nicht zu beeinflussen ist. Die psychoanalytische 
Forschung hingegen hat uns zahlreiche Aufschlüsse über den psychischen Cha- 
rakter des Dementia praecox-Kranken gegeben. - Viele Mitglieder waren der 
Ansicht daß die geringe Schätzung des Autors für den Wert der Psychoanalyse 
beim Studium der Psychosen eine Folge seiner mangelnden Erfahrung und 
ungenügenden Schulung wäre. Sie hoben auch hervor, daß Freuds Einteilung 
der Neurosen in narzißtische und Übertrag-ungsneurosen außerordentlich zum 
Verständnis dieser Krankheitserscheinungen beiträgt. 

Wien. 

(Bericht über das Sommersemester 1919/20.) 
Neu aufgenommen wurde: MUC. Otto Fennichel, Wien V., Margareten- 

1. Sitzung am 21. März 1920: Mitteilungen und Referate: 

a) I)r - , H i, tschinallIl: Ei n Kastrationstraum als Beitrag zur Genital- 
symbolik der Zähne; 

6) Dr. Winterstein: „Unheimlich" bei Grillparzer; 

c) Dr. Nunberg: über eine scheinbare Sekretionsstörung- 
Dr. Nunberg: über einen Fall von Melancholie- 

d) Dr. Reik: Zur Technik der auf die Geisteswissenschaften angewandten 
Psychoanalyse. 

2. Sitzung am 7. April 1920: Dr. E. Jones (aus London): Fortschritte der 

Psychoanalyse m England und Amerika; 

q wtSf; HanS ^ 1 ac ^ s: . i r) ie psychoanalytische Bewegung in der Schweiz. 

S.Sitzung am 21. April 1920: W. Schmideberg: über psychische Verän- 
derungen m der Kriegsgefangenschaft. 

4. Sitzung- am 5. Mai 1920: Mitteilungen und Referate- 

1. Dr. Hug-Hellmuth: Über Kinderzeichnungen ■ 

2. Dr. K. Weiß: Ein Traum; " 

Dr. K. Weiß: Aus dem Seelenleben des Kindes- 

3. Dr. Hit seh mann: Beeinflussung des Traumes durch den Schlaf- 

Gottfried" Mrf r Eeferat Übel ' MaX Hochdorf » Zum S^^n Bilde 
r c-. 4 ' Dr - 1 ' ed -ern: Über einen Fall von Zwangsneurose 
5> ^Äu^bew^ng 920 -" MÜC - 0U0 *•«*•>»* ™<* Sexualfragen in 

6. Slt ™^ p a ^ c 2 h -. 1 J ^1920: Diskussion über das Kausalitätsproblem (Referat 

7. Sitzung am 30. Juni und 

8. Sitzung am 7. Juli 1920: Geschäftliches. 



Notizen. 

aufgenommen?"^ ** Niederlandischen Vereinigung für Psychoanalyse wurde 
Dr. F. P. Muller, Leidsche straatweg 83, Oegstgeest (bei Leiden). 

Berlin : 
Aufgenommen: Dr. med. Georg Groddeck, Baden-Baden, Werderstr 18 
Adressenänderung: Dr. A. Vollrath, Teupitz, Kreis Teltow. 

Budapest : 

Adressenänderung: Dr. J. Härnik, VIII., Föherceg Sändor utea 17. 



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THE INTERNATIONAL JOURNAL OF PSYCH04NALYSIS 


1 


Directed by Professor FREUD, M. D., LL D. 


1 




Edited provisionally by ERNEST JONES, M. D. 




1 




(Ading President of 'the International Psycho-Analytical-Association) 




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"The International Journal of Psycho-Analysis" takes 


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the place for English speaking readers of the Inter- 




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nationale Zeitschrift für Psychoanalyse and lmago, 




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which are published in Oerman only. An arrangement 




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has been made whereby all the contents of these will 




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be freely available for the English Journal. Besides 




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original articles, abstracts and reviews, it will contain 




1 


the Reports of the International Psycho-Analytical Asso- 




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ciation, of which it is, together with the Zeitschrift 




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and lmago, the Official Organ. 




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The Journal will be issued quarterly, the four parts 




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constituting a volume of between 400 and 500 pages. 




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It will be obtainable by subscription only, the parts 




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not being sold separately; the subscription rate per 




1 




volume will be £1 10s. Od. or $6.00 according to the 




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country. 




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The reduced subscription rate for members of the 




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International Psycho-Analytical Association is 18/ — or 




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S 4.00. 




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Manuscripts and editorial Communications should 




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Dr. ERNEST JONES, 111 Harley Street, LONDON W. 1. 

Manuscripts should be type-written, and a copy should always 
be retained by the author. Authors will understand that a trans- 
lation of their article may be published in the Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse if thought suitable. Authors will 




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